Theologie der Straße mit Prof. Francis D´Sa

Zusammenfassung des Gesprächs mit Francis D´Sa S.J.

vom 21. Juli 2012 in Würzburg, Pleicherpfarrgasse 10

 

Thema: „Dialog heute zwischen neofaschistischem Fundamentalismus und wirtschaftlicher Globalisierung“

 

Anwesend: F. D´Sa, C. Mendonca, Sr. Reginarda, Prof. D. Burkhard, P. A. Müller OFM, U. u. E. Mathes, B. und M. Häussler, M. Graef, Fr. Stephen, J. Lohmayer, K. Beurle

Entschuldigt: Prof. E. Klinger, Bischof em. P.W. Scheele, Dr. H. Geist, T. u. S. Kellerhaus, K. u. L. Fleischer, T. Franz, T. Benzig

Abwesend: 4 – Grüsse von Dr. H. Geist und Prof. H. Kessler an Francis D´Sa wurden übermittelt.

 

I. Begrüßung - Einführung

I.Nachdem die Bestuhlungsknappheit sukzessiv überwunden wurde, nannte K. Beurle kurz vier religionspolitische Themen, an denen sich aus seiner Perspektive der Dialog heute zu bewähren hat, während der interreligiöse Dialog, vor allem wenn abstrakt-theologisch und unpolitisch, immer mehr an Bedeutung verliere:

1) Türken in D´land: Diskutieren wir darüber, welche Richtung/Form des Islam türkische Muslime zu uns mitbringen/importieren und wie wir damit umgehen?

2) Syrische Tragödie: Diskutieren wir darüber, dass D´land (EU) die übelste Form des Islam durch politisch-militärische Kooperation mit Saudi-Arabien (Brutstätte des islamischen Fundamentalismus) indirekt unterstützt und weder Clinton noch Westerwelle die Waffenlieferungen an die syrisch aufständischen Sunniten durch deren Freunde in Saudi-Arabien und Katar erwähnt geschweige denn kritisiert? Worin liegt der tiefgehende Konflikt in Syrien a) innerislamisch und b) islamisch-westlich? Sind die Shiiten uns theologisch nicht näher als die Sunniten?

3) Beschneidung: Diskutieren wir darüber, dass es sich in diesem Konflikt wesentlich um einen Konflikt der Kulturen und ihres jeweiligen Religionsverständnisses (Säkularismus/Theokratie) handelt? (Vgl. den nicht angenommenen Leserbrief von K. Beurle im Anhang)

4) Wachsender Neonazismus: bezugnehmend auf R. Gössner zum 20. Juli am 20. Juli im RAS-Haus: „Neonazis im Dienste des Staates“ und dem Zusammenbruch des deutschen Verfassungsschutzes stellt sich die Frage: Was sagen die Kirchen dazu? Wie Dialog führen mit dialogunwilligen Neonazis?

 

II. Francis D´Sa:

„Ich beziehe mich auf ein derzeit stattfindendes Seminar mit Theologiestudenten bzw. Promovenden in Freiburg i.Br. zum Thema ´Kultur und Religion.´ Panikkar sagt dazu: ´Die Religion gibt der Kultur die höchsten Werte, die Kultur gibt der Religion die Sprache“.

Die missionarische Tätigkeit des englischen Jesuiten Thomas Stephens (ca. 1549-1619), der im portugiesischen Indien (Goa) missionarisch tätig war, ist ein sprechendes Beispiel für Panikkars These. Stephens, der als Missionar zugleich Schriftsteller und Linguist war, ist heute nahezu vergessen. Doch er hat Großes geschaffen, indem er eine Christian Purana (Krista Purana) als ein Epos über Jesus Christus geschrieben hat, das sprachlich eine Mischung aus Marathi und Konkani war. In der literarischen Form des hinduistischen Puranas erzählte er die Botschaft der Bibel, beginnend bei der Schöpfung bis zur Person Jesu. Sein Epos fand reißenden Absatz. Als er eine Druckermaschine in Rom beantragte, antwortete man, es gäbe kein Geld dafür.

Die Besonderheit seines Epos besteht, dass er keine Kritik (etwa wie De Nobili) am Hinduismus und an den Religionen Indiens übt. Er zeigt Respekt vor den Religionen der Inder und bedient sich dazu einer Sprache, die die einfachen Leute verstehen konnten. Er gebrauchte beispielsweise für die Bibel nicht das hinduistische Wort sruti, mit dem die Hindus ihre hl. Schriften bezeichnen, um zum Ausdruck zu bringen, dass hl. Schriften für Hindus und Christen Unterschiedliches bedeuten. Er sprach stattdessen von den christlichen hl. Schriften als den paramsastra, der höchsten Wissenschaft, sodass jeder verstehen konnte, das es sich bei den hl Schriften der Christen um etwas ganz Besonderes handle, aber nicht um dasselbe wie bei den Hindus.

Er sprach nicht von Visnu, dem höchsten Gott der Hindus, als einem dem Gott der Christen entsprechenden Gott, weil mit Visnu auch der rituelle Opfergott gemeint ist. Hindu-Bezeichnungen für das Göttliche sind vielfältig, 1000 Namen haben sie für Gott. Sie sind keine dogmatischen Aussagen, sondern eher unseren Litanei-Anrufungen zu vergleichen.

Stephens sprach nicht von baptism, sondern von jnana (sanskr.), wenn er von Taufe sprach, um zum Ausdruck zu bringen, dass Christen bei der Taufe ein neues Bewusstsein erhalten, denn jnana, (Bewusstsein) spielt in den östlichen Religionen eine ganz besondere Rolle. Die Hindus verstanden, was das Besondere an der christlichen Taufe war. Der römischen Inquisition gefiel das aber nicht, dass Stephens die römischen Begriffe mit Sanskrit-Begriffen „austauschte“ oder durch sie ersetzte.

 

III. Diskussion

Sie verlief lebendig, fast so spannend wie ein Krimi.

F/E (Frage/Einwand): Was bedeutet dies aber für unser heutiges Kulturverständnis?

DS (Francis D´Sa SJ): Keine Kultur ist eine isolierte, von anderen Kulturen geschützte Kultur. Man könnte sich beispielsweise aus Selbstgenügsamkeit gegen die türkische Kultur der Türken in D´land verschließen, umgekehrt könnten sich die Türken in D´land kulturell einschließen, was ja auch beidseitig immer wieder geschieht oder versucht wird. Aber das geht nicht. Der kulturelle Austausch geht von selbst vonstatten. Jedes ausländische Restaurant in D´land bringt seine eigene Kultur mit sich. Es handelt sich um osmotische Vorgänge. Kulturen affizieren sich gegenseitig.

F: Was bedeutet dies für den Dialog?

DS: Es geht im Grunde nicht um einen religiösen Pluralismus, sondern um eine Interkulturalität, die nicht zu verhindern ist. Dabei sind aber Religion und Kultur voneinander zu trennen. Religionen können mit Kulturen zurechtkommen oder sich zurechtfinden oder eben auch nicht. Wie kommt es etwa, dass Muslime in Österreich sagen: ´Wir sind glücklich, wie wir als Minderheit in Österreich behandelt werden´. Für Inkulturation genügt der gute Wille nicht. Wir müssen Brücken zueinander schlagen. Doch keine Religion ist davon überzeugt, dass sie wirklich Brücken zu anderen Religionen schlagen sollte oder schlagen muss.

F/E: In Bosnien gelingt beides nicht: weder Inkulturation noch Interreligiosität. Seit Jahrhunderten leben hier 3 Religionen nebeneinander und die Beziehungen zueinander sind immer noch nicht gut, immer noch angespannt. Ich glaube, das Ganze ist eher eine Machtfrage. Vom Umgang mit der Macht hängt das Verhältnis der Kulturen und Religionen ab. Der Machtfaktor ist in Bosnien entscheidend.

DS: Das stimmt. Das trifft für den Balkan zu, aber auch etwa für Sri Lanka. Religionen wollen keine Brücken zueinander schlagen, sondern die Machtverhältnisse bestimmen. Und so ist Interkulturalität eine Weltfrage geworden, von der die Zukunft der Völker abhängt.

F: Man muss also Kultur und Religion voneinander trennen!?

DS: Zunächst gilt es zu erkennen, dass Kulturen geografisch, klimatisch und historisch bestimmt und begrenzt sind. Die Kultur des Hindus kann in Palästina nicht gelebt werden – aus eben diesen Gründen. Die Grundwerte der Menschen einer Kultur werden durch Boden, Flüsse, Klima usw. bestimmt. Der Glaube an die Wiedergeburt kann sozusagen nirgends anderswo entstehen als in den Flüsselandschaften Indiens… Der Tod wird dort ständig auf den Straßen und Wegen erlebt. Der Tote wird normalerweise am Todestag selbst eingeäschert und die Asche dann in einen Fluss gestreut… So schnell vergeht das Leben, so schnell wird der Mensch vor den Augen aller zu Asche.

F: Wann ist in der Kirche das heutige Bewusstsein von Dialog und von der Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs eigentlich aufgekommen?

DS: Im 16. Jh. begann es, wurde dann lange Zeit aber wieder unterbrochen und erst im 20. Jh. wieder aufgenommen. Im Ritenstreit haben sich die Franziskaner gegen die Jesuiten in Rom durchgesetzt. Das Konzil erst hat das entscheidend Neue, die einschneidende Wende im Verhältnis der Kirche zu den Religionen gebracht.

F/E: Aber das Konzil brachte im Grunde ja gar nicht die große Wende, die sich viele einbildeten. Man ist kirchlich gesehen doch im scholastischen Denken geblieben oder wieder darauf zurück gefallen.

F/E: Wer so redet, hat nicht begriffen, was für Lateinamerika das Konzil bedeutet hat und immer noch bedeutet: eine völlige Abkehr vom kolonialistischen und repressiven Denken der Kirche.

F: Es gibt auch Ersatzkulturen, die keine Kulturen mehr sind. Unsere materialiste Welteinstellung ist eigentlich keine Kultur mehr?

E: Wie sehr Kultur und Religion zu unterscheiden sind, hat der Tübinger Theologe Karl Adam deutlich gemacht. Er versuchte guten Willens die national-sozialistische Ideologie, die sich religiös gab, und die christliche Theologie zusammenzuführen. Er kam damit in braune Gewässer.

DS: Deshalb kann Religion an keine Kultur gebunden sein. Religionen sind kulturspezifisch geprägt, dürfen aber nicht von Kulturen abhängig sein. Keine Religion ist rein. Keine Religion ist unbefleckt. Politiker habe ihre eigenen Interessen, wenn sie von Kultur oder von Religion sprechen. Wir brauchen unparteiische Menschen, wenn wir von diesen Themen sprechen. Der Kashmir-Konflikt hat begonnen, als Indien nicht bereit war, das vereinbarte Geld für die Unabhängigkeit Kashmirs zu bezahlen. Gandhi hat dieses Unrechts wegen gefastet.

F: Nochmals zu den säkularen Gesellschaften. Gehen dort Kultur und Religion nicht einfach vor die Hunde? Verschwinden die Religionen in den wirtschaftsorientierten, säkularen Gesellschaften nicht einfach lautlos? Die säkulare Gesellschaft will Religion nicht in der Öffentlichkeit haben und verdrängt sie deshalb. Das ist die Wahrheit!

DS: Ich unterscheide zwischen Säkularisierung und Säkularisation. Das eine ist ein Prozess, das andere eine geschichtliche Tatsache. Was aber ist das Wesen der Religion? Was ihr Ausdruck? Religion ist Sinnsuche, Suche Lebenswerten. Wir aber haben unglaubliche Schwierigkeiten, unseren christlichen Glauben auf die Sinnsuche und auf die Suche nach Lebenswerten heutiger, modernen Menschen einzustellen oder umzustellen. Ich sehe die säkulare Welt, in der Religion und Politik voneinander getrennt sind, positiv. Die Frage nach Gott ist die Frage Jesu. Diese Frage gilt es wachzuhalten.

E: Es wird auf das Buch von Roger Lenaers Der Traum des Königs Nebukadnezar verwiesen.

F/E: Es geht doch heute nur um Geld und Macht. Die Kirche macht sich ja dadurch überflüssig, dass sie ihre Botschaft und ihre Werte in die säkularen Gesellschaften hineingepflanzt und „exportiert“ hat. Es ist doch eine bloß hehre Vorstellung, dass das Christentum die säkularen Gesellschaften als Sauerteig durchsäuert habe. Wo denn?

DS: Ich weiß nicht. Aber ich kann nicht trennen zwischen Säkularem und Sakralem. Wo das Sakrale sich von der Welt verabschiedet hat, wird es museal und bedeutungslos. Doch die Menschen suchen nach Symbolen, sie schaffen sie immer neue Symbole, um ihrer Sinnsuche Ausdruck zu verleihen. Ich denke, die Sakralität des Säkularen zu entdecken, ist die größte Aufgabe heute. Alles Geschaffene ist sakral, ist göttlich. Es ist auch widergöttlich, aber es ist zugleich göttlich. Dies verstehen Hindus und Buddhisten besser als wir Christen, denn Christen haben das Säkulare, das Kosmische als gott- und geistlos angesehen. Deswegen sind wir so weit gekommen...

 

IV. Trattoria und Schelmenkeller

Die Diskussion musste aus Zeitgründen abgebrochen werden. Sie wurde übergeleitet in ein würziges apulinisches Dinner in der Trattoria da Carmelo. Die Veranstaltung endete um 01.30 Uhr im Schelmenkeller. Die Zahl der Beteiligten hatte sich inzwischen stark reduziert. Der Mangel an Stühlen war zu dieser Stunde endgültig behoben.

 

V. Termine

 

° Interreligiöser Gesprächskreis

Donnerstag, 27. September um 19 Uhr in der Bosnischen Gemeinde, Dr. Maria-Probst-Str. 2 - Referent: K. Beurle „Was sagt uns in Würzburg der Arabische Frühling in Nordafrika?“ – Ein Reisebericht.

° Kreisauer Lesekreis

Sonntag 30. September um 15 Uhr (M. Graef)

° Gesprächsabend Theologie der Straße:

Montag, 1. Oktober um 19.30 Uhr bei U. Mathes, Rottenbauer (Wegbeschreibung folgt)

° Bischof Betazzi/E. Klinger

Dienstag, 16. Oktober um 17 Uhr in der Augustinerkirche, Würzburg (B. Häussler)

° Bischof E. Kräutler

19. – 21. Oktober in Münsterschwarzach/Weltmissionstag (C. Hetterich)

Gesprächsaufzeichnung: K. Beurle

(privater Terminplan Juli – Dez 2012, zwecks Ortsbefindlichkeit angehängt)

Die Broschüre K. Beurle, Zwischen Revolution und Aufbruch. Pakistan, Tunesien, Ägypten, Myanmar 2012. Begegnung, Impressionen, Fragen, 70 S. erscheint im Sept/Okt 2012.