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Sarajevo Die Wunde Europas – Bosnien-Herzegowina

– Impressionen, Begegnungen, Reflexionen

Gesprächsabend mit Klaus Beurle am 26. Juni, 19 Uhr in St. Elisabeth-Zellerau

 

1.     Einführung

Von Bosnien-Herzegowina wissen wir in Deutschland allgemein nicht allzu viel. Das Land und seine Menschen werden leicht übersehen oder sind in Vergessenheit geraten. An die Massaker von Srebrenica und an den ethnischen Krieg, den Bürgerkrieg von 1992 bis 1995, erinnert sich niemand gern. Es gab da plötzlich wieder Krieg in Europa, erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, entgegen allen Beschwörungen. Für einen hoch betagten Bosnier war es – wie er sagte – der dritte Weltkrieg, den er durchgemacht hat.

          Was hat mich veranlasst, zweimal nach Sarajevo zu reisen – 2012 und jetzt vor wenigen Wochen? Ich war 25 Jahre in Bangladesch tätig, im missionarischen Dienst, in einem mehrheitlich islamischen Land, das sich bei meiner Einreise 1975 gerade von einem schrecklichen Bürgerkrieg zu erholen begann. Seither sind mir die Themen „Krieg, Gewalt - Versöhnung, Friede“ besonders am Herzen gelegen.

          Als ich 2000 nach Deutschland zurückkehrte und mich in Würzburg niederließ, wusste ich wenig von Bosnien-Herzegowina und seinen Einwohnern. Als ich aber eines Tages im Interreligiösen Gesprächskreis Imam Zahid Durakovic in der Zellerau kennen lernte, wuchs in mir das Interesse, Genaueres über sein Land zu erfahren, über den Krieg und über die Nachkriegszeit. Also fuhr ich nach Sarajevo.

Meine Frage war natürlich auch, was die Geschichte Sarajevos und mit der Geschichte Würzburgs zu tun hat: Beide Städte wurden bombardiert und zerstört. Was verbindet, was unterscheidet diese beiden alten, schönen Städte? Ich träumte sogar davon, einmal mit einer Würzburger Gruppe nach Sarajevo fahren zu können, um vielleicht eine Brücke zwischen beiden Städten bauen zu können. Doch ich musste zuerst selbst sehen, hören, zu verstehen versuchen. So fuhr ich zweimal nach Sarajevo. Ich habe mich ganz auf Sarajevo beschränkt und konzentriert, bin nur noch nach Mostar und Međugorje und in einige Dörfer gefahren. Was denken die Bewohner Sarajevos heute über das, was vor zwanzig Jahren geschehen ist? Wie leben sie heute? Ist Sarajevo eher eine westliche oder eher eine orientalische Stadt? Wie sehen sie ihre Vergangenheit, ihre Zukunft? Wie sind heute die Beziehungen der Menschen verschiedener Religionen und Ethnien zueinander?

          Am 9 November 2012 bin ich in Sarajevo angekommen, am 18. Mai dieses Jahres zum zweiten Mal. Der Taxifahrer, der mich 2012 mit ausführlichen Stadt-Erklärungen zu meinem Quartier bei den Franziskanern brachte, ist mir in guter Erinnerung. Der Taxifahrer konnte nicht genug bekommen, mir – auf Englisch – die Bauwerke und Wohnhäuser, an denen wir vorbeifuhren, zu erklären: Bauwerke aus der Osmanischen Zeit, aus der Habsburger Zeit, aus der-Zeit Titos. Jede Epoche hatte ihren eigenen, typischen Baustil. Stolz erzählte er mir, wie Juden, Christen und Muslime über Jahrhunderte in Sarajevo friedlich mit- und nebeneinander gelebt haben. „Ich bin hier in der Bačšaršija, in dessen Nähe das Franziskanerkloster liegt, aufgewachsen. Die Glocken der Franziskanerkirche und der Ezan-Ruf des Muezzins gehörten für mich von Kindheit an zusammen. Täglich hörten wir die Glocken und die Muezzin-Rufe. Das war für uns selbstverständlich“.

Gleich nach Abstellen meines Koffers machte ich mich in die Bačšaršija, in die Altstadt Sarajevos, auf. Ich war auf die Ersteindrücke gespannt. Ich schaute mich um und schlenderte durch die belebte Sarači-Straße, die bekannteste Straße im alten Marktviertel - vorbei an der imposanten Gazi-Husrev-Beg-Moschee mit der ihr gegenüberliegenden, berühmten Schule, der Medresse, vorbei an der serbisch-orthodoxen Kirche, an der Synagoge bis zur katholischen Herz-Jesu-Kathedrale. Alles war mit dem Stadtplan leicht zu finden und leicht zu erkennen. Eine ungewohnte Atmosphäre empfand ich - anders als in anderen Hauptstädten, die ich schon kennen gelernt hatte: die Menschen eng gedrängt in den Straßen der Bačšaršija, dicht beieinander architektonisch Beeindruckendes, Geschichte auf engstem Raum. Ich sah streng islamisch und locker westlich gekleidete Bosnierinnen und Bosnier, auch etliche Touristen. Es war kalt, die Einheimischen unterhielten sich angeregt und scherzten miteinander. Etwa 650 000 Menschen leben in dieser Stadt, ihre Sprache ist bosnisch, auch serbokroatisch genannt.

Ich ging schließlich in die Libris-Buchhandlung, wo ich, auf Vorschlag von Imam Durakovic, dessen Freund treffen sollte, Imam Said Katiča. Zahid hatte ihn informiert, Said kam sofort, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Ich setzte mich still in eines der vielen Kaffeehäuser in der Sarači-Straße und trank einen türkischen Kaffee, um meine ersten Eindrücke zu verdauen. Als ich müde wurde, legte ich mich schlafen mit der Absicht, frühmorgens aufzustehen, um die Stadt dann kennen zu lernen, wenn noch alles schläft. Später schrieb ich darüber in mein Tagebuch:

 

2.     Eindrücke, Erfahrungen – Tagebuchnotizen

 10. November

Sarajevo vor dem Morgengrauen

Wie so oft, wenn ich in einer Großstadt angekommen bin, will ich vor dem Morgengrauen die fremde Stadt erkunden. Es ist kalt-neblig, als ich mich vom Franziskanerkloster in die nahe gelegene Altstadt auf den Weg mache. Zunächst begegne ich einigen streunenden Hunden, die wohl auf Nahrungssuche sind. Die Altstadt ist säuberlich gereinigt, von Nahrungsresten in den Straßen keine Spur. Langsam, nachdem der Ruf des Muezzins zum Aufstehen verklungen ist, tauchen die ersten Händler auf, meist junge Leute, die auf Fahrrädern daherkommend Waren vor verschlossenen Geschäftseingängen abstellen. Es ist noch Nacht, alles andere als gemütlich ist es. Immer mehr alte Menschen sehe ich nun auf die Straßen kommen. Manche gebückt, manche auf Stöcken gestützt. Einen Rollator führt niemand bei sich. Wo wollen sie alle hin? Zwei Frauen kommen hinkend, bettelnd auf mich zu.

          Plötzlich, als es langsam Tag zu werden beginnt, bildet sich in einer Seitenstraße eine Menschenschlange. Ich bin neugierig, gehe auf die Schlange zu und sehe, dass alle in der Schlange Stehenden eine Karte in der Hand halten. Niemand stört sich daran, dass ich mich für die Schlangenbildung interessiere. Es stehen auch junge Bosnier und Bosnierinnen in der Schlange. Ich gehe zu einer Brettertür, von der die Schlange ihren Anfang nimmt. Noch begreife ich nicht, bis sich dann die Brettertüre plötzlich öffnet und sich die kleine Holztür in eine Essenausgabestelle verwandelt. Zwei eifrige, junge Frauen beginnen, Nahrungsmittel auszugeben. Mit energischer Stimme fordern sie zur Ordnung auf, bevor es losgehen kann - Nahrungsausgabe, Essensversorgung für Bedürftige gegen Vorweisen von Essensmarken. Ich werde an die Nachkriegszeit meiner Kindheit erinnert: Essensausgabe, Essensmarken, Warteschlangen von Flüchtlingen in einer Kaserne meiner Heimatstadt.

          Ich war auf eine solche Szene in Sarajevo nicht gefasst, war ich doch davon ausgegangen, dass sich die Lebensverhältnisse nach Kriegsende 1995 inzwischen normalisiert hätten. Die Gesichter der Bedürftigen in Sarajevo sprechen eine andere Sprache: Not, Kummer, Armut, Leid, Entsagung stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie genieren sich nicht, mir, einem Touristen, ihrer Armut zu zeigen. Sie haben nichts zu verbergen. Haben sie auch die Hoffnung, dass sich ihr Zustand ändern wird? Mir geht schon jetzt auf. Die Wunde Europas ist noch am Bluten.

          Ich gehe auf meiner Morgenerkundung weiter – was aber ich sah, bedrückt mich. Ich gehe durch die engen Gassen der Bačšaršija. Die ersten Geschäfte öffnen sich, zaghaft. Nach einiger Zeit setze ich mich auf den Sebilj-Platz, vor den alten, überdachten türkischen Wasserbrunnen, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Vor ihm tummeln sich Scharen von Tauben, die sich wohl zu fühlen scheinen. Zwei alte Frauen füttern sie. Diese Fütterung, so erzählt mir ein freundlicher Passant, findet jeden Morgen statt.. Ich schaue den Tauben und den Frauen einige Zeit lang zu. Plötzlich mischen sich zwei Hunde unter die futternden Tauben. Die Tauben lassen sich durch die Hunde aber nicht stören. Nur einige Tauben heben ein wenig vom Boden in die Höhe ab, als einige Hunde zu aufdringlich werden. Doch ansonsten lassen die beide „Ethnien“, Tauben und Hunde, einander leben.“ Soweit meine Tagebuchnotizen.

          Warum geht es den Menschen in Sarajevo in Bosnien-Herzegowina heute immer noch schlecht - 18 Jahre nach Beendigung des Bürgerkriegs? 18 Jahre, nachdem Sarajevo belagert und bombardiert worden ist und ausgehungert werden sollte?

          Ich habe in Sarajevo fast ununterbrochen Gespräche geführt, informelle, meist spontane Gespräche und bin dabei verschiedenartigen Menschen begegnet. Ich habe mit Professoren und Studenten der Fakultät für Islamische Studien, mit Professoren und Studenten der katholischen Hochschule gesprochen, mit Dialogbeauftragten und mit Vertretern interreligiöser Organisationen, mit Ordensleuten und Imamen, mit Kirchen- und Moscheebesuchern und nicht zuletzt mit Leuten auf der Straße. Ich bin zwischendurch immer wieder die Longavina, eine der ältesten Straßen Sarajevos, hinauf- und hinabgegangen. In dieser Straße lebte die amerikanische Journalistin Barbara Demick fast die ganze Kriegszeit über. Mutig, furchtlos hat sie am Leben der Menschen teilgenommen, in deren Häuser häufig Granaten einschlugen. Sie hat in ihrem mehrfach ausgezeichneten Buch Die Rosen von Sarajevo (München 2012). bewegende Einzelschicksale beschrieben. Die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Bosniaken und Serben in der Longavina beschreibt sie als friedlich, als gegenseitig wohlwollend und einander helfend. Wie jemand heute den Krieg und die gegenwärtige Kriegs und die gegenwärtige Situation Sarajevos einschätzt oder bewertet, hängt fast ganz davon ab, zu welcher Ethnie jemand gehört – zu den muslimischen Bosniaken, zu den katholischen Kroaten oder der orthodoxen Serben. Eine objektive Darstellung gibt es nicht.

Ist aber heute ein friedliches Zusammenleben möglich? Zunächst erscheint daher ein kurzer Blick auf die Geschichte notwendig zu sein, um annäherungsweise verstehen zu können, was geschah, wie es zu all dem gekommen ist und wo das Land und seine Bevölkerung heute stehen. Mehr als einige Stichworte können es nicht sein.

 

3.     Ein kurzer Blick in die Geschichte

Die Anfänge ethnischer Konflikte                         

Im 6./7. Jahrhundert wurde die Region des heutigen Bosnien-Herzegowina christianisiert. 1463 wurde es Teil des Osmanischen Reichs und entwickelte sich zu einem multireligiösen Gebiet (vgl. Hansjörg Schmid, Islam im europäischen Haus, Freiburg i.Br., 2012). Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert hatten Christen, Muslime und Juden im Osmanischen Reich im Großen und Ganzen friedlich miteinander gelebt. Grundlage dafür war das osmanische Millet-System mit der auferlegten Steuerpflicht und gewissen Benachteiligungen der Minderheiten. Die Osmanen hatten als damalige Großmacht ihr politisch-religiöses System den Bewohnern aufgezwungen; viele konvertierten aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen zum Islam. Den Franziskanern, die zur Kooperation bereit waren, hatte der Sultan freie religiöse Betätigung zugesichert. Das Land blühte wissenschaftlich, kulturell und wirtschaftlich auf. Später im Habsburger Reich waren die Muslime Minderheit in einem nicht-muslimischen Herrschaftsgebiet.

Die Anfänge offener gewaltsamer Auseinandersetzungen ethnischer Gruppen im letzten Jahrhundert begannen, als der österreichisch-habsburger Thronfolger Franz Ferdinand 1914 durch einen serbischen Extremisten in Sarajevo ermordet wurde. Dieser Thronfolgermord löste den Ersten Weltkrieg aus. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielte der Balkan wiederum eine besondere Rolle. Als Deutschland Polen überfiel, schloss sich das jugoslawische Königreich 1941 dem Dreimächtepakt Deutschland-Italien-Japan an. Doch serbisch-nationalistische Offiziere putschten gegen dieses Bündnis und schlossen einen Freundschaftspakt zwischen Belgrad und Moskau. Als Deutschland Belgrad angriff, zerbrach das jugoslawische Königsreich an. Das nationalistische Ustaša-Regime erklärte Kroatien für unabhängig und beanspruchte einen Teil Bosnien-Herzegowinas für sich und wurde in seinen Bestrebungen von Deutschland unterstützt. Auf der anderen Seite kämpften die serbisch-nationalistischen Četniks und die kommunistischen Partisanen unter General Tito gegen Deutschland und seine Alliierten. Die Četniks strebten ein Großserbien an, in das Bosnien-Herzegowina eingegliedert werden sollte, während Tito ein sozialistisches Land mit gleichberechtigten Volksgemeinschaften versprach, das sich als religionsfeindlich erweisen sollte. Četniks und Partisanen kämpften gegen die deutsche Armee und bekämpften sich untereinander um die Vorherrschaft in Bosnien. Ein Teil der Kroaten umwarb die bosnischen Muslime, ein anderer Teil bekämpfte sie. Die Übergriffe von Kroaten auf muslimische Bosnier und umgekehrt nahmen zu. Die muslimischen Bosnier gerieten zwischen die Fronten: sie wurden von den Ustaša- und Četnik-Anhängern bekämpft. Tito strebte an, auf der Grundlage eines sozialistischen Kommunismus die Völker des ehemals königlichen Jugoslawiens in einem geeinten Jugoslawien zusammenführen. Als die Gewalttaten und Massaker der Četniks und Ustaša-Anhänger überhandnahmen und Verhältnisse anarchisch wurden, liefen immer größere Teile der Bevölkerung zu den Truppen Titos über. Tito marschierte gegen Ende 1944 in Belgrad ein und flickte die Teilstaaten zu einem Einheitsstaat zusammen, wobei Bosnien-Herzegowina der wichtigste Standort seiner Partisanen wurde. Als der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens 1945 in Jajce 142 Delegierte aus den verschiedenen Republiken zusammenrief – nur Serbien war nicht vertreten -, wurde die Gleichheit aller Volksgemeinschaften im Nachkriegsjugoslawien festgesetzt. Tito regierte mit eiserner Faust, brachte aber das Land wirtschaftlich voran und gewann als Blockfreier, der Moskau nicht blinf unterwürfig war, internationales Ansehen. 1984 fanden die Olympischen Winterspiele in Sarajevo statt.

Doch als der wirtschaftliche Aufschwung zurückging, meldeten sich einzelne Volksgruppen bzw. Republiken mit eigenen Ansprüchen zurück und forderten mehr Selbstbestimmung. Als der Eiserne Vorhang fiel und der Kalte Krieg zu ende war, zerfiel das bisherige Jugoslawien, sodass ab 1990 wieder nationalistische Bestrebungen und ethnisch-religiöse Konflikte die Oberhand gewannen. Serbische und kroatische Separatisten kämpften wieder gegeneinander. Titos Einheitssystem zerbrach.

Im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 wurde um die Beherrschung bzw. Aufteilung des Territoriums von Bosnien-Herzegowina gekämpft. Die ersten demokratischen Wahlen in Bosnien-Herzegowina als einer der sechs Republiken des ehemaligen Jugoslawiens fanden im November 1990 statt. Über 62% der Bevölkerung stimmten für Souveränität und Selbstständigkeit des Landes. Im April 1992 brachen aber vor allem serbische Separatisten einen breit angelegten Krieg vom Zaun: sie wollten ein ethnisch gesäubertes Bosnien-Herzegowina schaffen. Sie vertrieben Hunderttausende muslimische Bosniaken und bosnischer Kroaten aus ihrer Heimat und zerstörten etwa 600 Moscheen und 300 Kirchen. Sarajevo wurde umlagert und isoliert: es sollte ausgehungert werden. Die Bevölkerung Sarajevos grub sich auf heroische Weise ein Tunnel durch den Berg unter der Start- und Landebahn des Flughafens, um Waren zur Nahrungsversorgung einzuschleusen und Menschen zur Flucht zu verhelfen, nachdem die Luftbrücke eingestellt worden war. Europa schaute weg, als eine ganze Stadt über drei Jahre von der Außenwelt abgeriegelt war und über 1000 Erwachsene und 300 Kinder verhungerten - dies mitten in Europa am Ende des 20. Jahrhunderts. Verwundetes Europa.

Aufgrund der Tatenlosigkeit der europäischen Regierungen und der Hilflosigkeit der Bosniaken, griff Amerika ein und beendete im Dezember 1995 durch Abkommen in Dayton und Paris den Krieg. Das Land wurde in zwei „Einheiten“ aufgeteilt: in die Föderation Bosnien-Herzegowina, in der hauptsächlich Bosniaken und Kroaten leben, und in die Republik Srpska, in der eine unvermischte serbische Einheit hergestellt worden war. Der früher inhaftierte Führer der Bosniaken, Bakir Izetbegović, sah sich als Verlierer des Abkommens.

Wie aber steht es heute um Bosnien-Herzegowina mit seiner reichen Geschichte, seinen wunderschönen Landschaften und seiner offenen, toleranten, mehrheitlich islamischen Gesellschaft? „Während Deutschlands Wirtschaft nach Kriegsende langsam, aber stetig vorwärtskam, stagniert unsere Wirtschaft bis heute: Unser Land ist wirtschaftlich in einem verheerenden Zustand: 43% Arbeitsfähige sind arbeitslos. Der Übergang von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft geht nicht voran. Die alten Staatsunternehmen sind eingebrochen, neue Investoren kommen nicht ins Land. Es ist ein Teufelskreis: die Investoren warten, bis die Lage stabil ist; doch die Lage wird erst stabil, wenn Investoren sich in unserem Land engagieren. In dieser Situation ist Versöhnung schwer. Der interreligiöse Dialog ist immer wieder von nationalistisch-religiösen Interessen unterwandert.“ (Mato Zovkić).

         

4.     Schritte der Versöhnung - Zeichen der Hoffnung

Was den Prozess der Versöhnung betrifft, so sind mir drei Gespräche besonders in Erinnerung geblieben: Zunächst mit Prof. Mato Zovkić - Kroate, Bürger von Bosnien-Herzegowina, katholischer Theologe mit Schwerpunkt Interreligiöser Dialog. Er erklärte mir (vgl.seinen Beitrag in Concilium 1/2013: Vergeben und um Vergebung bitten unter ethnischen Gemeinschaften in Bosnien-Herzegowina, S. 106-112), wie mühsam und schleppend der Weg der Versöhnung heute noch ist. Doch gäbe es „Zeichen der Hoffnung, die Vergangenheit zu überwinden. Man muss sich vorstellen, auf welchem Tiefpunkt die Beziehungen der Menschen untereinander waren nach den begangenen Grausamkeiten. Es gab natürlich in allen Volksgemeinschaften Menschen, die Frieden wollten, aber es gab in allen Volksgruppen solche, die Gewalt schürten und Krieg wollten - Freischärler, Partisanen, Heckenschützen. Im nachfolgenden Gespräch betonte Imam Dženan Čaušević). „Im Besitz von Waffen waren vor allem die Serben. Wir Bosnier waren ihnen hilf- und wehrlos ausgesetzt, wir hatten jedoch immer große Hoffnung auf die Europäische Union, vor allem auf Deutschland“.

Schon am 3. Mai 1995, als der Krieg noch in Gang war, wandten sich die katholischen Bischöfe von Bosnien-Herzegowina mit einem Hirtenbrief an die Gläubigen und an die Öffentlichkeit, indem sie ein Wort von Papst Johannes Paul II. aufnahmen: Wir vergeben und bitten um Vergebung. Sie erklärten, dass der Kreislauf von Schuld und Bestrafung niemals ein Ende nehmen wird, wenn wir nicht vergeben.

          Eine Zeitlang, so erläutert Prof. Mato Zovkić, erwarteten Vertreter der Muslime in Bosnien-Herzegowina eine ausdrückliche Entschuldigung vonseiten der serbisch-orthodoxen Kirche für den Genozid in Srebrenica und für die Zerstörung von Moscheen durch serbische Partisanen. Als der damalige Großmufti Dr. Mustafa Cerić jedoch erkannte, dass der Prozess des Bekenntnisses von Schuld und der Entschuldigung lange Zeit in Anspruch nehmen würde, gründete er zusammen mit christlichen Kirchenführern in Sarajevo den Interreligiösen Rat zur Förderung des religiösen Dialogs und der Zusammenarbeit der Religionen (IRC). Gleichzeitig initiierte er eine Dialogplattform vonseiten der islamischen Gesellschaft (IC). Parallel dazu wurden viele Leichen in den Massengräbern identifiziert und, von wehklagenden Verwandten begleitet, in Heimatfriedhöfe umgebettet. In Srebrenica wurden 6838 Opfer identifiziert, ausschließlich Jungen und Männer. Über 100 000 Opfer hatte der Krieg gefordert, auf allen Seiten, doch deutlich mehrheitlich unter muslimischen Bosniern.

          Im März 2010 verabschiedete das serbische Parlament eine Erklärung, in dem die Abgeordneten ihr Beileid und ihre Entschuldigung den Familien der Opfer zum Ausdruck brachten und dafür, dass nicht alles getan worden ist, um die Tragödie zu verhindern. Gleichzeitig erklärten sie ihre Unterstützung des von den Vereinten Nationen angeordneten Internationalen Verbrechertribunals für Ex-Jugoslawien (ICTY), das in Den Haag und in Bosnien Gericht hält. Zwei der größten Kriegsverbrechen (Radovan Karadžić, Ratko Mladić) wurden, ziemlich spät (2008, 2011), gefasst und vor Gericht gestellt. Der kroatische Präsident Ivo Josipović besuchte 2010 Bosnien-Herzegowina. Begleitet von Großmufti Cerić und Kardinal Puljić gedachte er vor zwei Massengräbern der Opfer kroatischer Gewalttaten, in Ahmići und Krisanćevo Brdo.

          Prof. Mato Zovkić macht mir deutlich, dass mit Erklärungen politischer oder religiöser Führer noch lange nicht alles getan ist. „Oftmals vermitteln Stellungnahmen offizieller Persönlichkeiten nicht das, was in ihren Herzen und Köpfen vor sich geht“. Aber Erklärungen können dazu beitragen, die Haltung und Einstellung der Bevölkerung zu beeinflussen.

     Wichtiger aber ist, was in den Herzen und Köpfen der Menschen und der Bevölkerung geschieht. Von etwa 4,55 Millionen Einwohnern sind heute ca. 48% Bosniaken, 37% Serben, 14% Kroaten. Können sie in Frieden miteinander leben? Imam Dženan Čaušević, Manager eines bosnisch-traditionellen Hotels (YILDIZ), und Franziskanerpater Drago Bojić, engagierter interreligiöser Friedensarbeiter, leben und arbeiten mitten unter den Menschen in Sarajevo. Das Umdenken müsse, betonen beide, bei der Bevölkerung selbst beginnen und von ihr vorangetrieben werden. Die junge Generation wolle mehrheitlich einen offenen Umgang und friedliche Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Religionen und Ethnien. Drago hält besonders interreligiöse NGOs für wichtig – soweit sie wirklich arbeiten und nicht nur Hilfsgelder annehmen. Interreligiöse NGOs, wie die von P. Drago geleitete NGO IMIC (Internationales Multireligiöses-Multikulturelles Zentrum) oder NAHLA, eine interreligiöse Frauenorganisation (vgl. Josef Freise, Friedenspilger in Bosnien, Publik-Forum 24/12), haben mich sehr beeindruckt. IMIC lädt jedes Jahr nach Banja Luka, der Hauptstadt der Serbenrepublik Srpska, zum Friedensgebet von Assisi ein. Künstler gestalten das Sarajevo Film Festival und das Kulturfestival MESS. Sie lehnen nationalistisches Denken und exklusiv-ethnische Machtansprüche ab und treten für ein multiethnisches, religiös tolerantes Bosnien-Herzegowina ein. „Jeder Mensch ist gleichwertig und gleichwürdig. Unrecht kann man nur dadurch überwinden; dass man Anderen Gutes tut und die Wahrheit sagt“, sagte mir Imam Said schon an meinem ersten Tag in Sarajevo. Imam Dženan, mein letzter Gesprächspartner, erhofft sich, „dass die politisch Verantwortlichen sich mehr für das Gemeinwohl und das Wohlergehen aller sorgen, anstatt Eigenvorteile untereinander abzustimmen. Die Verfassung müsse vervollständigt werden, wofür er das deutsche Grundgesetz als Vorbild sieht. Es hängt vieles davon ab, ob sich die Bevölkerung selbst stärker gegen die nationalistische Politik der ethnischen Gruppen zur Wehr setzt. Wir Juden, Muslime, Katholiken, Orthodoxe glauben alle an einen Gott, auf dessen Vergebung wir alle angewiesen sind, der uns aber auch ermahnt, einander zu vergeben. Das ist uns allen ins Herz geschrieben ist“, beschwört der Imam. Der bosnische Islam ist dialog- und kooperationsbereit und hat mit synodalen Strukturen und einem hierarchischen Aufbau unter Leitung eines frei gewählten Großmufti (Rais-ul-Ulama) geschichtlich gewachsene Besonderheiten. Die Islamische Gemeinschaft ist weitgehend unabhängig vom Staat. Politik und Religion sind im bosnischen Islam weniger miteinander verquickt als in den anderen Religionsgemeinschaften. Dem bosnischen Islam kommt in der Welt des Islams eine wichtige Rolle zu, die jedoch oft oft übersehene wird.. Bosnische Muslime können unsere bevorzugten Gesprächs- und Dialogpartner sein. (Leider konnte ich Prof. Fikret Karčić, einen der großen bosnisch-islamischen Theologen und Rechtsgelehrten, nicht antreffen.)

Als ich mich nach dem Gespräch mit Imam Dženan am Abend in ein Kaffeehaus setze und ein kühles Bier trinke, erklingt aus dem CD-Player ein schönes Lied mit rhythmischer Musik. Ich frage den bosniakischen Kellner, ob es ein typisch bosnisches Lied sei. Er antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Nein, das ist ein serbisches Lied eines berühmten serbischen Popstars“ – „Eines Serben?“ frage ich zurück. „Ja, wir alle lieben serbische Songs, ihre Stars sind Idole für uns“. Lieder sind also ein wichtiges Medium der Versöhnung wie auch Tanz, Kulturfestivals oder Filme.

Bleibt zum Schluss die Frage, was wir hier in Würzburg als Deutsche, als Europäer, die wir geschichtlich gesehen eine gewisse Mitverantwortung am Schicksal der Bosniaken und des Balkans tragen, für Versöhnung, für die Normalisierung der Verhältnisse Bosnien-Sarajevos und besonders Sarajevos tun können? Gibt es Wege zu einer Solidarität zwischen Würzburg und Sarajevo? Dieser Tage finden in Würzburg, vom Europa-Zentrum trefflich organisiert, Kroatien-Tage statt. Könnten eines Tages nicht auch Bosnien-Tage hier stattfinden?