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Gemeinsam mit Muslimen

Gegen fundamentalistische Gewalt

 

Montag, 10. Juni 2013 um 19.30 Uhr im Matthias-Ehrenfried-Haus Würzburg

 

 

Eigentlich müssten einige Muslime unter uns sein, um mit diskutieren zu können über unser Thema
Gemeinsam mit Muslimen – gegen fundamentalistische Gewalt

Es geht nicht um den theologischen Dialog, sondern um den sozialen Dialog, um unsere gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung und Handlungsfähigkeit. Die Frage, ob Muslime und Christen gesellschaftlich solidarisch handeln können oder sollten, ist höchst aktuell. Nachrichten überschlagen sich über Auswüchse eines Islams, der für Terrorakte missbraucht wird, der autoritäre Regierungen legitimiert, der in sich selbst zerstritten ist, der Minoritäten als zweitklassige Menschen behandelt und der Menschenrechte missachtet usw. Wir denken an die Ereignisse und Entwicklungen in Mali, Syrien, Ägypten, in der Türkei, in Bahrein, im Sudan und in anderen Ländern.

Kann es vor diesem Hintergrund Gemeinsamkeiten geben zwischen Muslimen und Christen, genauer gesagt, Gemeinsamkeiten im Kampf gegen fundamentalistische Gewalt? Darum geht es heute Abend. Ich bin kein Politiker, sondern Priester und Theologe, ich bin aber davon überzeugt, dass sich viele Muslime und Christen eins sind in Fragen, die die Gewalt und das friedliche Zusammenleben von Menschen und Völkern betreffen. Ich will aus meinen Erfahrungen von Begegnungen und von der Zusammenarbeit mit Muslimen, vor allem in Bangladesch und Pakistan und auch hier in Deutschland einige Überlegungen zur Diskussion stellen – als winzigen Beitrag zu einem komplexen Thema: Ist Gemeinsamkeit, ist mehr Gemeinsamkeit zwischen Christen und Muslimen möglich? Ich möchte bei diesem Thema nicht von Institutionen und politischen Konflikten her denken und argumentieren, sondern von mir bekannten Menschen und unseren Erfahrungen der Gemeinsamkeit ausgehen. Dennoch kann und will ich globale Zusammenhänge und Konfliktfelder bei meinen Überlegungen nicht ausschließen. Es geht mir aber primär um Alltagsbeziehungen und um die Frage, ob und wie Gewaltanwendungen, die religiös motiviert sind, unser Denken und unsere Beziehungen beeinflussen, etwa die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen hier in Würzburg.

 

  1. Ist eine stärkere Solidarisierung zwischen Christen und Muslimen im Kampf gegen gewalttätige Extremisten möglich? Ist sie nicht sogar nötig?

Damit verbunden sind andere Fragen, die nicht außer Acht gelassen werden können:

  • Welchen Einfluss haben Christentum und Islam generell auf das Alltagsleben ihrer Gläubigen in unserer Gesellschaft?

  • Wie lässt sich das Verhalten von Christen bzw. Muslimen der deutschen Gesellschaft gegenüber beschreiben?

  • Wo liegen derzeit, lokal und global, die größten Hindernisse für mehr Solidarität zwischen Christen und Muslimen? Blockaden, Kernprobleme?

  • Welche Beiträge können wir vor Ort dafür leisten, dass Muslime und Christen gemeinsam mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?

 

Wenn wir die Zeitgeschehnisse betrachten, wenn wir von den Konflikten in Syrien, im Vorderen Orient, im Irak, in Afghanistan, neuerdings in der Türkei hören, lesen und Bilder sehen, wie beeinflussen sie unsere Beziehungen? Ich habe keine Erhebungen oder Umfrageergebnisse zur Hand. Aber jeder weiß: es gibt Fragen, Misstrauen, es gibt Angst. In manchen Ländern entzündet sich schnell ein gewaltsamer Konflikt, der aufgehetzte Mob geht schnell auf die Straße, wenn eine Provokation oder das Gerücht von einer Provokation oder Beleidigung die Runde macht. Nicht so bei uns. Doch Wachsamkeit ist nötig.

Heute leben wir Christen in Deutschland nicht mehr getrennt von unseren muslimischen Mitbürgern/innen. Wir leben anders miteinander oder nebeneinander als zu Zeiten der Türken- und Balkankriege, zu Zeiten der Kalifate und des Römischen Reichs, nach dem 11. September, nach den ausländerfeindlichen Anschlägen in unserem Land. Rückzug aus der Gesellschaft ist keine Lösung, religiöses Inseldasein, Parallelgesellschaften sind gefährlich, weil sie an notwendigen Auseinandersetzungen und Veränderungsprozessen nicht beteiligen. Die Gesellschaft ist nicht besser und nicht schlechter als die Menschen, die sie gestalten.

 

  1. Heutige Spannungsfelder zwischen Christen und Muslimen

 

Wir leben in Deutschland – Gott sei Dank – nicht in einem politischen Krisengebiet. Doch Terroranschläge gegen Türken oder türkisch-stämmige Deutsche und neonazistische Verbrechen haben gezeigt, dass keine Gesellschaft vor fundamentalistischer Gewalt gefeit ist. Die Verunsicherung ist eine weltweite Verunsicherung geworden. Die Reaktion darauf ist unterschiedlich – man kann überreagieren, man kann die Gefahr verdrängen und die Augen verschließen.

Bei fundamentalistischer Gewalt denkt jeder zuerst (und fast ausschließlich) an islamisch fundamentalistische Gewalt – an Gewalttaten, die mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Neonazistische Gewalt wird nicht mit dem Christentum in Verbindung gebracht. Das Thema „Gewalt“ ist zunächst und grundsätzlich aber ein säkular-politisches Thema und betrifft in erster Linie die Staatsbürger und nicht die Anhänger einer bestimmten Religion. Gewaltanwendung ist ein Delikt, ein Verbrechen, das strafrechtlich geahndet werden muss oder geahndet werden sollte. Es ist bedenklich, wenn nach jedem Terroranschlag oder Anschlagsversuch zuerst von Muslimen eine schleunige Distanzierung von der Tat erwartet oder eingefordert wird. Dagegen ist es von muslimischer Seite eine berechtigte Frage, weshalb Staatsorgane (!) bei neonazistischen Morden auf der Suche nach potentiellen Tätern in erster Linie Kreise mit ausländischem bzw. islamischem Hintergrund verdächtigen und durchsuchen. Einäugigkeit hat unseren staatlichen Verfassungsschutz in Bedrängnis gebracht und Zweifel an seiner Neutralität geweckt.

Prinzipiell soll und muss ein deutscher Staatsbürger christlichen Glaubens ebenso wie ein deutscher Staatsbürger islamischen Glaubens jede fundamentalistische Gewalt ablehnen. Unter Fundamentalismus verstehe ich eine Ideologie, eine geistig-moralische Denkweise, die Andersdenkende oder Menschen anderer Herkunft nicht toleriert, sie drangsaliert und - im schlimmsten Fall - umbringt. Auf religiöser Ebene versteht man unter Fundamentalismus eine bestimmte Interpretationsweise religiöser Texte: Bibel und Koran werden in einem wortwörtlichen Sinn interpretier; diese Interpretation wird für absolut verbindlich gehalten. Eine solche Lesart religiöser Texte führt zu Intoleranz, hat aber nicht von vornherein mit Gewalt oder mit Ausrottung anderer zu tun. Doch kann sie zu Gewalt führen, weshalb etwa die Sufis kein Buch zwischen sich und Gott treten lassen. Losgelöst von seinem ursprünglichen Sinn, ist das Wort Fundamentalismus heute zu einem allgemeinen Schimpfwort geworden. Es bezeichnet alles, was mit Religion und Gewalt zu tun hat.

Was aber heißt vor diesem Hintergrund „gemeinsam, solidarisch handeln“? Sind Christen und Muslimen fähig, gemeinsam gegen fundamentalistische Gewalt aufzutreten, Zeichen der Solidarität zu setzen, wenn es darum geht, der Gewalt Gewaltlosigkeit, dem Unrecht Recht entgegenzusetzen in Konfliktsituationen gemeinsam nach Lösungen zu suchen?

Der Islam als Religion ist wie das Christentum vielgestaltig und gespalten zugleich. Byzantinische und römische Heere stehen sich heute nicht mehr kriegerisch gegenüber, Sunniten und Shiiten bekämpfen sich militärisch. Es ist allerdings nicht zu leugnen, dass der Westen es war, der militärische Konflikte in muslimische Regionen hineingetragen hat – in die Golfstaaten, in den Irak, nach Pakistan und Afghanistan. Wenn man genau hinschaut, gibt es keine Religionskriege, sondern nur religiös verbrämte kriegerische Durchsetzung von Machtinteressen. Es ist unvermeidlich und hat auch belegbare Gründe, wenn Staaten ihre Machtinteressen verteidigen oder in den Vordergrund stellen. Doch Religionen können oder sollten sich keineswegs den Machtinteressen von Nationen unterordnen, sondern genau auf das Gegenteil hinwirken: auf den Schutz der Würde der Menschen, auf Schutz von Minderheiten, auf Menschenrechte, unabhängig von der Religion des Einzelnen.

Die Gemeinsamkeit der Religionen sollte noch stärker als bisher auf einer anderen Ebene geknüpft werden – auf der Ebene, die frei ist von Machtinteressen. Dies gilt für die Bereiche der Diakonie und Caritas, der humanitären Hilfe und der Seelsorge, der Armutsbekämpfung und Sozialarbeit, der Wissenschaft und Kunst, des Rechtswesens und der Sozialethik. Hier käme es darauf an, Scheuklappen und Feindbilder abzulegen, vieles neu zu denken und gemeinsam anzugehen. Im Kleinen wird schon vieles in diesem Sinn versucht, doch wirken Macht- und Interessenkonflikte diesen Ansätzen entgegen.

  1. Die Vergangenheit überwinden – Neuen Gefahren widerstehen

 

Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Christen und Muslimen ist eine belastete Geschichte – belastet durch Vorurteile, Missverständnissen, Misstrauen Verwerfungen, Kriege. Doch es gab immer auch Zeiten und Regionen eines friedlichen Zusammenlebens und Zusammenwirkens beider Religionen. Heute ist die Solidarität zwischen Christen und Muslimen neuen Belastungen ausgesetzt. Religiöse Fanatiker, Terroristen, die sich zum Entsetzen der freien Welt und zur Beschämung vieler Muslime auf den Islam berufen, bringen Christen und Muslime in Regionen, in denen beide Religionsanhänger lange Zeit friedlich zusammengelebt haben, gegeneinander auf. Nehmen wir das Beispiel Mali: In Timbuktu wurden Kulturzeugnisse der friedliebenden Sufi-Gemeinschaften von militanten, fundamentalistischen Fanatikern (Boko Haram; Ansa-al Dine, Al-Kaida) zerstört und Muslime gegen Christen aufgestachelt. Muslime und Christen, gleichermaßen betroffen, kennen eine derartige Feindseligkeit im bisherigen Zusammenleben nicht. Im Leiden sind sie jetzt solidarisch.

Zur Frage, was uns eint, hat das Vatikanische Konzil in seiner Erklärung Nostra Aetate Wesentliches gesagt - für uns Christen Grundlage für den Dialog zwischen Christen und Muslimen. Erinnern wir uns kurz, was in Nostra Aetate (Kap. 2 und 3) geschrieben steht:

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche… die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den Lebendigen und in sich Seienden, Barmherzigen und Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, sich seinen verborgenen Ratschlüssen mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie verehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen.

(Evtl. überspringen: Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.)“

In Gaudium et Spes, der Pastoralkonstitution des Konzils über die Kirche in der Welt von heute, heißt es (in Kap. 78): “Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist... Er ist Frucht der Ordnung,… die durch stetes Streben nach immer vollkommener Gerechtigkeit verwirklicht werden muss… Das ist ein Auftrag an alle Christen, die „Wahrheit in Liebe zu tun“ (Eph 4,15) und sich mit allen wahrhaft friedliebenden Menschen zu vereinen, um den Frieden zu erbeten und aufzubauen“.

Haben die Richtlinien und Aufträge, die uns das Konzil vor fünfzig Jahren übertragen hat, an Gültigkeit und Aktualität verloren? Gewiss nicht. Sicherlich, es hat sich einiges bewegt. Gegenseitiges Interesse ist gewachsen, persönliche Begegnungen im Alltag sind nicht selten, Konferenzen werden abgehalten, Foren wurden eingerichtet. Doch sind wir noch weit davon entfernt, die konziliaren Leitlinie umgesetzt zu haben.

Mit den Golfkriegen beginnend, über Irak- und Afghanistan-Krieg wollte der Westen Demokratie und Freiheit in Länder einführen, die dazu nicht bereit und nicht vorbereitet sind. Von muslimischer Seite wurden die westlichen militärischen Interventionen nicht als Demokratienachhilfe, sondern als Durchsetzung eigener politischer und wirtschaftlicher Interessen verstanden. Daraus hat ist ein Teufelskreis der Gewalt entstanden, der immer neue, irrationale Vergeltungsschläge auslöst.

Auch in anderen Religionen brechen Stürme religiös begründeter Gewalt aus. Ich bin zutiefst erschüttert, wenn ich von den Gewalttaten buddhistischer Mönche in Myanmar gegen Muslime zu hören und Horrorbilder zu sehen. Das von mir besonders geschätzte birmanische Volk hat sich von einer Menschen verachtenden Militärdiktatur befreit. Es ist unbegreiflich, wie eine solche, unter Missbrauch der erzielten politischen Freiheit, religiös motivierte Gewalt von Buddhisten, von einer extremen Gruppe buddhistischer Mönche gegen Muslime ausbrechen konnte.

Generell ist festzustellen, dass westlich-staatliche Säkularität und Freiheit von autoritär regierten, Theokratien, Gottesstaaten nicht akzeptiert werden. In Staaten wie dem Iran oder Saudi-Arabiens werden weder Menschenrechte respektiert noch Meinungs- und Religionsfreiheit zugelassen. Westliche Medien sehen nun überall eine zunehmende Islamisierung am Werk. Doch die Tunesier und Ägypter wollten ihre Diktatoren loswerden, die die Religion für ihre Zwecke benutzen, aber keine Religionsfreiheit gewährt haben. Dass das Erringen politischer und religiöser Freiheit – wer will schon in Unfreiheit leben? - mit dem hohen Preis einer ungewissen wirtschaftlichen Zukunft bezahlt wurde, ist die bittere Seite der Beseitigung von Diktatoren. Doch weder Mursi noch Marzouki in Ägypten bzw. Tunesien wollen einen fundamentalistischen Gottesstaat herbeiführen, obwohl beide frei gewählte Regierungen an den islamischen Grundwerten ihrer Gesellschaft festhalten, was zu Nachteilen der Christen führen kann.

Im jüngst ausgebrochenen Konflikt in der Türkei hat der Aufstand eine andere Zielsetzung: die Aufständischen setzen sich gegen eine zunehmend autoritär handelnden Regierung zur Wehr, wobei deutsche Medien einseitig die zunehmende Islamisierung besonders hervorheben. Doch der Aufstand richtet sich gegen eine autoritäre Regierung, gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit (was mit Islamisierung nichts zu tun hat, denn die Unterdrückung der Pressefreiheit war unter den Kemalisten noch schärfer), sie richtet sich gegen die Einschränkung des Alkoholkonsums und andere westliche Freiheiten. (Alkohol wäre in einem islamisierten Staat schon gar nicht erlaubt). Es geht also nicht um eine Islamisierung, sondern um die Begrenzung säkularer Freiheiten durch eine Regierung, die der Religion im gesellschaftlichen Raum mehr Gewicht geben will, aber keinen islamischen Staat anstrebt.

Indem wir die Frage nach den Ursachen von Gewalt vorschnell auf die Ebene der Religion verschieben, erschweren wir die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen, denn ein Teil der türkischen Muslime will keineswegs eine Islamisierung der Gesellschaft. Die Angst vor dem Islam - das Feindbild Islam - scheint eines der Bretter zu sein, die wir von unseren (westlich-christlichen) Köpfen entfernen müssen. Nicht der Islam macht Angst, sondern der Missbrauch der Religion durch Extremisten. Andernfalls können mehr Vertrauen und mehr Solidarität zwischen demokratieüberzeugten Muslimen und Christen hier wie anderswo. Was besagt es, wenn Christ in der Gegenwart regelmäßig die Radikalisierung des Islams als einer Gefahr erwähnt? Angst vor religiös begründeter Gewalt ist berechtigt. Sie kann aber den Muslimen nicht in die Schuhe geschoben werden, die sich gleiche Rechte einsetzen wie wir. Dass hier sich hier vieles zu langsam bewegt oder nicht so verläuft, wie wir es wünschen – wer wollte dafür den Islam verantwortlich machen?

 

  1. Welche Bedeutung haben Christentum und Islam für das Alltagsleben und für das gesellschaftliche Leben der Menschen?

 

Trotz des Missbrauchs der Religionen für Machtinteressen sollten wir nicht vergessen, dass Christentum und Islam als die beiden größten Weltreligionen das Leben unzähliger Menschen geprägt und ihnen Lebensinhalt gegeben haben und dies immer noch tun. Die Prägekraft des Christentums für Einzelmenschen, für verschiedene Kulturen und Völker ist uns bekannt. Ebenso hat die islamische Religion mit ihren Wertvorstellungen über mehr als 1400 Jahre es unzähligen Menschen ermöglicht, Antworten zu finden auf existentielle Lebens- und Sinnfragen, ein menschlich und spirituell erfülltes und reiches Leben zu führen. Vor allem die sufistischen Bewegungen, die spirituelle-mystische Dimension des Islams, haben Heilige und Zeugen einer die Religionen übergreifenden Gottes- und Menschenliebe hervorgebracht. Sufis haben sich stets dem Missbrauch der Religion für Machtzwecke widersetzt haben.

Wir wissen, dass, nach Aufklärung und Französischer Revolution, auch christliche Länder lange gebraucht haben, sich an demokratische Staatsformen, an die Mitbestimmung von unten durch das Volk zu gewöhnen. Islamische Länder haben diesen Geistes- und Geschichtsprozess nicht absolviert. Dennoch haben Teile der muslimischen Bevölkerung sich die Werte westlicher Aufklärung zu Eigen gemacht. Andere Teile nicht.

 

  1. Kernproblem als Blockaden gegenüber mehr Solidarität

 

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, hat kürzlich bei einer Ökumene-Konferenz im Libanon die Palästinenserfrage als das Kernproblem aller Konflikte im Nahen Osten bezeichnet. Das Thema „Palästina“ stehe seit 100 Jahren im Zentrum des Nahostkonflikts und nähre immer neue Gewalt und Ungerechtigkeit. Es sei unumgänglich nach einem gerechten Frieden für die Region zu suchen, der auf der Einhaltung internationaler Resolutionen und der Menschenrechte, insbesondere des Rechts auf Selbstbestimmung beruhe. Nicht durch Waffen, sondern nur durch einen politischen Dialog könne eine Lösung gefunden werden, um Hass, Vergeltung und Waffengewalt zu überwinden.

Auch der melkitische Patriarch Gregoire III. Laham, Oberhaupt der unierten griechisch-katholischen Melkiten mit Sitz in Damaskus, forderte vom neuen Papst die Anerkennung eines Palästinenserstaats als Voraussetzung für einen gerechten Frieden mit der arabischen Welt und für die Überwindung terroristischer Gewalt. Dies sind andere Einschätzungen als das aus unseren Medien gewohnten Entsetzen über sog. „islamische Gewalt“ und Warnungen vor weiteren Terrorakten.

Der jüngst ernannte chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako im Irak, der enge freundschaftliche Beziehungen zu Muslimen in seinem Land pflegt, sieht ein anderes Kernproblem für die enge Zusammenarbeit von Christen und Muslimen darin, dass Christen in zahlreichen islamischen Ländern als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt werden. Dies habe viele Christen entmutigt und dazu veranlasst, ihre Heimatländer wie den Irak, Iran, Pakistan oder Ägypten zu verlassen. Dazu komme neuerdings die große Zahl von Flüchtlingen aus Syrien, Muslime und Christen. Die Christen befürchten nach einem Systemwechsel ähnliche Schwierigkeiten wie im Irak. – Was bei den drei Patriarchen auffällt ist, dass sie nicht im Islam den Ursprung für fundamentalistische Gewalt suchen, sondern in Entwicklungen und Interventionen, die unter Muslimen immer wieder gewalttätige Reaktionen ausgelöst haben.

Unser Auftrag ist es, in unserem Land nicht Abgrenzung, sondern Integration, nicht Absonderung, sondern Solidarität zu fördern im Kleinen wie im Großen. Auch wirken sich Vorbehalte oder Vorurteile Deutscher gegenüber Ausländer negativ, ebenso natürlich Rassismus und Ablehnung anderer Religionen, was meist aus Mangel an Bildung geschieht, aber auch politisch geschürt wird, vor dem Hintergrund der Wettbewerbssituation in unserer Gesellschaft.

 

  1. Wie können Muslime und Christen gemeinsam vor Ort gesellschaftliche Verantwortung übernehmen? Möglichkeiten einer Kooperation

 

Grundlage für ein gemeinsames Engagement ist die Anerkennung unserer Verfassung und damit für ein plurale Demokratie, für Menschenrechte, für Religions- und Meinungsfreiheit. Muslime leben unter uns, die sich in ihrem Herkunftsland für eine demokratische Staatsordnung eingesetzt haben und dafür Nachteile erlitten, verfolgt wurden und in das Exil flüchten mussten. In der Gemeinschaftsunterkunft in der Veitshöchheimerstraße kann man Hunderte von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen treffen, die unsere Solidarität suchen. Es gibt Muslime, die hier geboren wurden und die sich unsere gesellschaftlichen Grundwerte zu Eigen gemacht haben. Es gibt aber noch zu wenige oder gar keine Plattformen, auf denen sich Christen und Muslime gemeinsam aktuellen Fragen des Zusammenwirkens beider Religionsgemeinschaften stellen und sie erörtern können. Gemeinden haben oft nur mit sich selbst zu tun und wollen sich nicht auch noch mit „den Andern“ befassen. Aber Muslime gehören inzwischen zu unserer Gesellschaft – insbesondere, 50 Jahre nach Anwerbung von Gastarbeitern aus der Türkei, Bürger/innen mit türkischem Hintergrund. In die interkonfessionelle Ökumene haben wir nach dem Krieg glücklicherweise vieles investiert, in die interreligiöse Ökumene jedoch noch nicht. Es gibt zwar hoch angesiedelte Gremien, doch auf örtlicher oder regionaler Ebene tut sich kaum etwas.

Wir haben hier in Würzburg einen Interreligiösen Gesprächskreis, der, fast unbemerkt, positiv wirkt. Es gibt auf nationaler Ebene den Runden Tisch der Religionen, es gibt die oft kritisierte und umstrittene Islamkonferenz, es gibt den Interkulturellen Rat Deutschland. Der Zentralrat der Muslime und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) haben zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) vor Jahren eine gute Aktion mit zwei Aufgabenthemen gestartet „Lade deinen Nachbarn ein“ und „Weißt du, wer ich bin?“ Doch bis auf die Ebene der Gemeinden ist davon wenig vorgedrungen. Die Gemeinden sind wenig daran interessiert, religionsübergreifende Themen und Problembereiche aufzugreifen oder sie in Gemeinden mit Muslimen zu erörtern. Das Würzburger Bündnis für Zivilcourage bzw. das Bündnis gegen Rechts hat verschiedentlich wichtige Aktionen gestartet, doch in Abwesenheit islamischer Bündnispartner. Bei der Aktion Würzburg ist bunt, nicht braun am 1. Mai d.J. fehlte es an islamischer Mitträgerschaft, von der Deutsch-Türkischen Studentenvereinigung abgesehen.

 

Zusammenfassung:

Prinzipien einer gesellschaftlichen Kooperation zwischen demokratieverpflichteten Muslimen und Christen sind leichter zu benennen, als in die Tat umzusetzen.

  1. Den Glauben der Andern anerkennen und wertschätzen

  2. Bildung in religiösen Gemeinschaften und Gemeinden zu gesellschaftspolitischen Themen auch unter interreligiösen Aspekten fördern

  3. Aktuelle sozialpolitische Themen in den Gemeinden auch in der Verkündigung erörtern, Bewusstseinsbildung fördern und Stellung beziehen

  4. Selbstkritische, sachliche Einschätzungen der eigenen Religion zulassen, ohne Verdächtigungen, das eigene Nest beschmutzen zu wollen.

  5. Religiöses Pauschaldenken und Feindbilder überwinden

  6. Zusammenarbeit in Bereichen suchen, in denen sich christliche und islamische Aufgabenstellungen berühren, die Friede, Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit betreffen

  7. Lokal und global denken und handeln mit dem Ziel, für Menschenwürde und Menschenrechte, für Meinungs- und Religionsfreiheit einzutreten.