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Feindbild Islam

Im Islam liegt Zündstoff – wie in allen Religionen, in denen subjektive Erfahrungen des Göttlichen, früher oder später, von politisch Mächtigen zu religiösen Systemen erhoben und als solche zu Machterhalt und Machterweiterung benutzt wurden. Das Gewaltpotential aller Religionen liegt in ihren politischen Instrumentalisierungen. Dies gilt für das Christentum nicht weniger als für andere Religionen. Erst mit Beginn der Säkularisation hat sich im Westen die Trennung von Staat und Religion durchgesetzt.

Im Westen wird heute das Feindbild Islam aus politischen Machtinteressen gepflegt. Westliche Medien berichten regelmäßig - journalistisch korrekt – von Gewalttaten in islamischen Ländern, von denen Christen besonders schwer betroffen sind und von grenzübergreifenden Terrorakten islamischer Extremisten. In einzelnen Staaten wird, getarnt mit Absicht der Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten, der Feind Islam bekämpft.

Für den Glauben vieler Muslime sind nicht die gesellschaftlichen, sondern die religiösen Erfahrungen Muhammads in Mekka grundlegend. Die Verquickung von Religion und Politik geht auf die späteren Auseinandersetzungen Muhammads in Medina zurück. Die letztere Lebensphase des Propheten wird im Westen in den Vordergrund gestellt, während sich Muslime in der Mehrzahl für ihre Glaubenspraxis auf die im Koran festgehaltenen Gotteserfahrungen Muhammads beziehen. Heutigen Anstrengungen von Muslimen, die Verflechtung von Religion und Politik abzulehnen, weil in ihr die Hauptursache religiöser Legimitierung von Gewalt liegt, wird im Westen nur wenig Beachtung oder Vertrauen geschenkt.

         

Dieser Tage erstaunte mich in Tunesien, mit welcher Offenheit und argumentativer Schärfe die Gefahr des Salafismus, der auf der Verkoppelung von Religion und Politik besteht, diskutiert wird. Selbst die islamorientierte Interims-Regierungspartei En-Nahda lehnt die Bestimmung der Politik durch den Koran ab. Während in unseren Medien schon seit geraumer Zeit der Grabgesang des Arabischen Frühlings angestimmt wird, sieht André Ferré, 80, Weißer Vater (Afrika-Missionar) und Pionier des christlich-islamischen Dialogs dies anders: „Die Früchte des Arabischen Frühlings werden sich, so darf man hoffen, erst in einigen Jahren zeigen. Das tunesische Volk ist offen, tolerant, geduldig, wehrt sich aber gegen jede Form des religiösen Extremismus und sucht nach einer zeitgemäßen Interpretation des Islam, was jedoch schwierig ist, nachdem das tunesische Volk keinerlei Erfahrungen mit Demokratie und Selbstverwaltung hat. Da die Wirtschaft des Landes am Boden liegt, sind Rückschläge nicht auszuschließen, doch hält das Volk an seiner Entscheidung für demokratische Freiheit und Selbstbestimmung im Gegensatz zu früheren, scheinreligiösen Diktaturen fest. Religiös gesehen, ist sich das Volk seiner afrikanischen und europäischen Traditionen bewusst und lehnt Formen islamisch-arabischer Intoleranz und Diktatur ab.“ Das westliche Feindbild des intoleranten, undemokratischen Islam stimmt mit dem Islam des Arabischen Frühling nicht überein. Auch in anderen islamischen Ländern wie der Türkei oder Ägypten sind Auseinandersetzungen zwischen politischem und säkularem Islam in vollem Gang.

          Seit die Achse des Bösen das westliche Bewusstsein eroberte und nachdem die Mächte des Bösen durch zwei Kriege ins Herz getroffen werden sollten, hat die Feindseligkeit militanter Muslime gegen den Westen, unterstützt von Massen emotional beeinflussbarer Menschen, auf fatale Weise zugenommen. Allzu schnell wird dabei vergessen, dass die Brutstätten des fanatischen Islam - Wahabismus und Salafismus - in Saudi-Arabien liegen, dem „Freund des Westens“, dem geschätzten wirtschafts-politischen Partner. Der fanatische Islam, der die Taliban gezeugt hat, dringt auf der Basis von Erdöldollars in weitere Länder vor. Wie verheerend sich dazuhin der innerislamische Antagonismus zwischen Shi´iten und Sunniten auswirkt, zeigt sich am Drama in Syrien, in dem westliche und östliche Weltmächte ihren Nutzen suchen. Shiitische Diktaturen provozieren seit dem Sturz des Shah-Regimes aggressiv die sog. zionistischen Kräfte des Westens. Auch dort beherrscht, wie in Saudi-Arabien, ein doktrinärer Islam die Politik. Umso bedeutender ist das, was jenseits der Machtblöcke an innerislamischen Auseinandersetzungen geschieht.

          Entlarvung von Feindbildern ist Friedensarbeit. Friede beginnt in den Köpfen und in den Herzen der Menschen. Arabische und westliche Verstandes- und Herzenslogik sind sehr unterschiedlich. Die Logik der Reaktion auf Fremdherrschaft und Außenintervention ist jedoch universell. Pater Ferré ist hinsichtlich der christlich-muslimischen Beziehungen nicht pessimistisch. „Das ungelöste Problem Palästina ist jedoch unterschwellig immer noch der größte Stachel im Fleisch der Muslime.“