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Ein Jesuit wird Papst Franziskus

 

Am 13. März 2013 auf dem Petersplatz: Was war geschehen? Ein Wunder? Ein Coup des hl. Geistes? Niemand kannte den heute gewählten Papst. Niemand reagierte auf die Ankündigung des Namens des auf den Stuhl Petri Erwählten. Doch alle auf dem Petersplatz atmeten auf, als wie aus heiterem Himmel der Name Franciscus zu vernehmen war. Die Wahl dauerte nicht lange. Offensichtlich war den Kardinälen klar geworden: Er soll es werden - Kardinal Bergoglio aus Buenos Aires, kein anderer. Statt des erwarteten zähen Ringens wurde es mit nur fünf Wahlgängen ein kurzes Konklave. Doch weshalb gab sich der Neugewählte den Namen Franziskus (ital. Francesco, span. Francisco)? Noch wusste niemand, wer der Neugewählte war…

 

 

Die Vorgeschichte

2005, als Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, hieß die Hoffnung vieler Kardinal Carlo Maria Martini, ein Jesuit und Reformer. (Kardinal Martini aus Mailand lernte ich in Bangladesch kennen: seine theologische Weisheit, seine Bescheidenheit und Dialogfähigkeit beeindruckten mich.) Dem sozial eingestellten Kardinal Martini standen damals die Traditionellen, die Verteidiger der Klerikerkirche mit dem Markenzeichen Communione e Liberazione gegenüber. Sie scharten sich um Joseph Ratzinger, den großen Theologen, Glaubenshüter und Wahrer der Rechtgläubigkeit, der vor seiner Wahl die Gefahr der „Diktatur des Relativismus, Indifferentismus und Pluralismus“ heraufbeschworen hatte.

 

Der Ende August letzten Jahres verstorbene Kardinal Martini hatte kurz vor seinem Tod nochmals gegen die Missstände in der Kurie unter Verkennung der weltweiten, drängenden sozialen Probleme beschwörend seine Stimme erhoben: Unsere Kirchen sind groß und leer, unsere Bürokratie wird immer größer, unsere Bräuche sind aufgeblasen und unsere Gewänder pompös. Es war seine letzte Ermahnung an die römische Kirche, quasi sein Testament. Martini hatte 2005 aus gesundheitlichen Gründen eine Wahl zum Bischof von Rom abgelehnt. An seiner Stelle wurde der in spiritueller und sozialer Hinsicht mit Martini verwandte Jorge Mario Bergoglio, gleichfalls Jesuit, von den reformbereiten Kardinälen in den Vordergrund gestellt. Er war ein Kandidat in der Linie des Katakombenpakts, mit dem eine Gruppe von Konzilsvätern am 16.11.1965 für eine Kirche der Armen nicht nur eingetreten war, sondern sich für eine solche Kirche selbstverpflichtet hatte. Bergoglio erhielt damals, wie behauptet wird, 40 Stimmen. Als er aber erkannte, dass er keine Chance hatte, die Mehrheit der Stimmen der Kardinäle zu bekommen, zog er seine Kandidatur zurück und empfahl, seine Stimmen Kardinal Ratzinger zu geben. Gewählt wurde Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. In seiner Namenswahl erkannten viele sein Programm.

 

Das gute Gedächtnis der Kardinäle

Nach den Unruhen, Verwirrungen und Skandalen der letzten Jahre war die Ausgangslage des Konklaves 2013 eine völlig andere als 2005. Nicht Rechtgläubigkeit und Tradition, sondern Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit waren gefragt, nicht päpstliche Vollmacht, sondern Anerkennung des Volkes Gottes war das Gebot der Stunde. Niemand schien nun dieses Mal für diese Aufgaben- und Zielvorstellung geeigneter zu sein als der Erzbischof von Buenos Aires. So wurde Kardinal Jorge Mario Bergoglio, 76, schon am zweiten Tag zum Papst gewählt. Alle Prognosen und Spekulationen von gescheiten Theologen und Journalisten waren mit der Bekanntgabe des Gewählten wie mit einem Schlag vom Tisch. Die Kardinäle hatten den ersten Latino in der Geschichte der Kirche auf den Stuhl Petri gewählt, einen Jesuiten, der sich Franziskus nennen will. Konnte man sich eine größere Überraschung vorstellen? Plötzlich begannen viele wieder an den heiligen Geist zu glauben, der es oft leichter hat, außerhalb der Kirche als in ihr zu wirken.

 

Kulturelle Vielfalt und Rätselraten auf dem Petersplatz

Ich war nicht der Papstwahl wegen nach Rom gereist und wollte am Abend des 13. März eigentlich schon in mein klösterliches Gästehaus Centro Accoglienza Minozzi in der Nähe der Piazza Argentina zurückkehren. Meine Gesprächsbegegnungen mit den Kleinen Schwestern in Tre Fontane (von Kl. Schw. Marie-Bernadette sensibel zwischen Anbetung, Einzelgespräch und Mittagstisch moderiert), mit den Generaloberen der in Bangladesch tätigen Heilig-Kreuz-Kongregation, mit dem türkischen Botschafter Prof. Dr. Kenan Gürsoy und mit dem bengalischen Botschafter Md. Shadat Hossain waren anregend und ermutigend, aber auch erschöpfend. Und es regnete stark. So sagte ich mir: Heute wird es eh nichts mehr mit dem neuen Papst. Als ich auf der Via della Conciliazione stand, schickte mir mein türkischer Freund Mustafa Cenap Aydlin, mit dem ich mich noch zum Abendessen treffen wollte, eine SMS, in der er mich bat, auf ihn in der Via della Conciliazione zu warten, denn er wolle unbedingt noch den letzten Rauch an diesem Mittwoch sehen. So sah ich wartend zu, wie die in bunten Kleidern prominierenden Gläubigen und Nichtglaubenden auf der belebten Straße zum Petersplatz, sich die Zeit vertrieben, bis es denn der letzte Rauch zu sehen war. Erstaunlich fand ich die große Zahl von Jugendlichen, die auf den nächsten Papst warteten – allerdings wenige Deutsche unter ihnen. Verbissen dreinblickenden Klerikern mit hochgeschlossenem Kolar ging ich ebenso aus dem Weg wie kommunikationsunwilligen Nonnen. Von beiden Sorten gibt es in Rom viel zu viele. Mit allen Andern ließ es sich gut scherzen, mit Indern/innen und Afrikanern/innen am leichtesten. Als ich ein wenig müde wurde, trank ich im Antico Caffé San Pietro einen erfrischend wirkenden Campari.

 

Der argentinische Jesuit Jorge Mario Bergoglio wird Papst Franziskus

In der Tat, es lohnte sich zu warten: Plötzlich wurde es unruhig auf der Via della Conciliazione. Ich schloss mich dem Zug der Neugierigen zum Petersplatz an und drängte mich in das abgesperrte Gebiet der CNN-Journalisten hinein. Weil ich Notizen machte, nahmen sie wohl an, ich sei ein Journalist. Ich hatte einen guten Platz, als mich plötzlich eine ältere Frau am Mantel zupfte: White smoke, white smoke, rief die Amerikanerin. Wo? fragte ich. Dort oben, über der Sixtinischen Kapelle. Tatsächlich! Ein Zischen und ein langes ahhhhhh… ging durch die Menge. Es war am 13. März um 19.06 Uhr. Plötzlich wich die Spannung, Erleichterung machte sich breit. Es lief mir ein wenig kalt den Rücken hinunter, nun unverdient und ungeplant diesen historischen Moment miterleben zu dürfen, den neuen Papst hören und sehen zu dürfen. Denn nie bin ich des Papstes wegen nach Rom gefahren…

 

Doch nun setzte nochmals eine Anspannung ein: Wer ist nun der neu gewählte Papst? Wie heißt er denn? Ich hörte den Kommentaren der CNN-Korrespondentin aufmerksam zu. Sie, mit flott gestyltem Haar, fernsehgerecht lächelnd, von Scheinwerfern angestrahlt, ermutigte ihre TV-Zuschauer/innen in den USA, die Hoffnung ja nicht aufzugeben, dass es vielleicht doch ihr Erzbischof aus New York sein könnte, Kardinal Timothy Michael Dolan. It would be just a great honour for us Americans: the first American Pope, imagine our Archbishop of New York…!

 

Doch dann kam alles ganz anders: Kardinal Jean-Louis Tauran, Diplomat und Präsident des (schwerfällig agierenden) Päpstlichen Rats für den Interreligiosen Dialog, Vertrauensmann Benedikts XIV., war ausersehen worden, das Ergebnis der Papstwahl dem Volk Gottes mitzuteilen. Ich verstand von seinen lateinisch gestammelten Sätzen nur das Wort Franciscus. Aber das reichte ja. Einige Rompilger begannen aus der perplexen Menge zu rufen: Habemus Papam Franciscum. Hie und da brandete Beifall auf. Ich klatsche mit. Herkunft und Name des neuen Papstes waren aber immer noch ein Rätsel. Verlegenheit, Ratlosigkeit, Stille… Der am 13.März 2013 in Rom gewählte Papst gab sich wagemutig den Papstnamen Franziskus, den Namen des Poverello von Assisi. Das war jetzt klar – eine echte Sensation für die Presse. Wenn es sein sollte, könnte sich der neue Papst ja wirklich an Franz von Assisi orientieren. Die Kardinäle wollten jedenfalls mit ihrer raschen Wahl Mut, Einmütigkeit und Entschlossenheit an den Tag legen. Sie taten es und Franziskus folgte ihnen.

 

Ein neuer Stil – eine neu einladende Botschaft

Es dauerte lange Zeit, bis sich die Fenster rechts und links neben der Loggia erhellten. Bald danach zeigte sich der neue Papst auf der Loggia – tatsächlich als Franziskus ohne Pomp und Glorie, nur eine Albe und einen weißen Pileolus tragend. Und er grüßte uns mit buona sera. Da war der Bann gebrochen. Buona sera, antworteten wir, wie aus einem Mund. Es ging nun so weiter mit ungewohnten Gesten und mit einer von der Loggia aus ungewohnten Sprache. Ein Papst ohne Protokoll, ohne Manuskript, ohne Außenglanz. Er machte mit dem päpstlichen Protokoll und den vorgeschriebenen Zeremonien, was er wollte. Er betete, lud zur Stille ein - aus der ein langer Moment ergreifender Stille zwischen vielen Menschen auf dem Petersplatz wurde! Besonders berührte mich, als er das Volk einlud, Gott zu bitten, für ihn zu beten, bevor er das Volk Gottes segnen wollte. Das Volk Gottes, das für das Vatikanische Konzil so kostbar war, war durch wenige Worte plötzlich wieder ins Bewusstsein der Gläubigen zurückgekehrt. Und schließlich sein freundschaftlicher Abschied von der bunten, perplexen Menge: Buona notta, riposate bene! (Gute Nacht, erholt euch gut!) Ich hatte Mühe, meine Emotionen zurückzuhalten. Es war etwas geschehen an diesem Abend!

 

Zuvor hatte Franz, der Bischof von Rom, wie er sich nannte, in knappen Worten sein Programm umrissen: 1. Gehen wir voran (camminare), schauen wir nicht zurück, Stillstand ist Rückstand. 2. Bauen wir die Kirche auf und 3. Bekennen wir Jesus vor den Menschen. (Mein italienischer Nachbar hatte mir seine kurze „Programmrede“ freundlicherweise ins Englische übersetzt.) Es waren wenige Worte, doch diese reichen für ein ganzes, vermutlich nicht allzu langes Pontifikat.

 

Langsam bewegte sich das Volk Gottes vom Petersplatz weg. Ich benutzte die Gunst der Stunde, die Pilger und Pilgerinnen nach ihren Reaktionen auf den Franz von Assisi des 21. Jahrhunderts zu fragen, quasi als Reporter ohne Mikrofon: Was hältst Du vom neuen Papst? Fast alle sagten: Wir kennen ihn nicht. Keine Ahnung, sagte eine rumänische Gruppe von Jugendlichen. Nicht einmal zwei jugendliche Argentinier kannten den Namen des Erzbischofs von Buenos Aires. Zwei italienische Jugendliche meinten scherzend: Wir lieben Josef Ratzinger und Michael Schuhmacher, sonst nichts. Ein Römer hingegen, 35, Taxi-Fahrer von Beruf, kam zur Sache: Ich bin froh, dass es kein Italiener geworden ist. Sonst wäre die schmutzige italienische Politik weiterhin in die Kurie hineingetragen worden. Francesco kennt die Probleme der heutigen Menschen, er wird sich mit der Armut und anderen wichtigen sozialen Themen beschäftigen. Ein Mann von der Straße hatte den schmutzigen Kurienhandel längst durchschaut und ihn italienisch richtig eingeordnet. Die hartnäckigen Spekulationen, von Wetten untermauert - Es wird bestimmt ein Italiener, versus Es wird ganz gewiss kein Italiener, wurden durch das Konklave, das den italienisch-stämmigen Argentinier Jorge Mario Bergoglio gewählt hatte, souverän ad acta gelegt.

 

Kritische Stimmen – heikle Themen

Was wird der neue Papst, der in seiner Schlichtheit und Spontaneität stark an Johannes XXIII. erinnert, etwas anders machen als bisher? Corriere della Sera legte schon in der Frühe des Donnerstags sieben Seiten (!) ausführlicher Informationen und Überlegungen zum neuen Papst vor. Der Corriere titelte La sorpresa di Francesco, während The International Herald Tribune – die in Paris erscheinende internationale Ausgabe der New York Times - gleichfalls fundiert über die Person und die Hintergründe des neuen Papstes reflektierte. Die Frankfurter Allgemeine hingegen brachte am 14. März lediglich ein Stimmungsfoto vom Petersplatz zustande mit dem nichtssagenden Begleittext Weißer Rauch über dem Vatikan. Im Innenteil behandelt die FAZ aus der Feder ihres Rom-Experten Daniel Deckers, peinlich genug, die verfehlte Kardinalsernennung des ehemaligen Regensburgers Erzbischofs Gerhard Müller, während die Süddeutsche Zeitung am jenem Donnerstag schon rein gar nichts aus Rom zu berichten wusste. Selten hatte ich so wenig Respekt vor den beiden führenden deutschen Tageszeitungen. Solid berichtete hingegen BILD auf einer Innenseite und informierte die Boulevardblattdeutschen mit Großbuchstaben auf der Titelseite: EIN ARGENTINIER WIRD PAPST. Die neue Hand Gottes.

Die International Herald Tribune war in der Lage, sich bereits in der Nacht des Überraschungspapstes kritisch mit der Lebensgeschichte des neuen Papstes auseinanderzusetzen. Ich durchstöberte im Presseladen auf dem Flughafen Fiumicino verschiedene Zeitungen, die frisch aus der Druckerei gekommen waren. Kritisch beleuchtet die renommierte amerikanische Zeitung das Verhältnis Bergoglios zur Militärdiktatur und zu den Opfern der Junta. Bei der Inhaftierung bzw. Folterung zweier Jesuiten, behauptet angeblich ein ehemaliger Terrorist, habe sich der damalige Jesuitenprovinzial nicht eindeutig auf die Seite der beiden Mitbrüder gestellt. Später hat KNA dazu eine gute Klarstellung veröffentlicht. Einer der beiden Jesuiten ist der ungarnstämmige Franz Jalics, der, mit einem Team zusammen, im Haus Gries in der Nähe des oberfränkischen Kronach seit Jahren Schweigeexerzitien leitet. Ich habe zweimal daran teilgenommen. Jalics hat öffentlich bestätigt, dass sein Verhältnis zum ehemaligen Jesuitenprovinzial Jorge Mario Bergoglio, dem heutigen Papst Franziskus, ungetrübt sei.

 

International Herald Tribune lässt keinen Zweifel daran, dass der eher zurückhaltende Jesuitenprovinzial und spätere Erzbischof von Buenos Aires Kardinal Bergoglio im Stillen vieles für verfolgte und, später, für traumatisierte Landsleute getan hat. Werden nicht gerade auch wir Deutsche immer wieder, aus gewissen Lagern, gefragt, wie sich denn Papst und Bischöfe zum Nationalsozialismus verhalten hätten? Eindeutig und überzeugend sind für Herald Tribune, gegenüber allen kritischen Fragen und aller unausbleiblichen Kritik, der einfache Lebensstil des neuen Papstes, seine Vertrautheit mit den Menschen in den Slums von Buenos Aires und seine Ablehnung jedes kirchlichen und gesellschaftlichen Pomps. Auch wird von Bergoglio berichtet, dass er Priester, die nicht in gemütlichen Pfarrhäusern, sondern in Slums mitten unter den Armen wohnen und leben wollen, ermutige, dies zu tun. Über einen Foucauld-Priester erfahre ich, was Nancy Raimondo, Theologin in Buenos Aires, ihrer deutschen Freundin unmittelbar nach der Wahl mailte: Ich kenne Jorge Mario seit langem persönlich. Ich weiß mit der Gewissheit meiner Erfahrungen, was für ein einfacher, offener und bescheidener Mann er ist. Ich habe ihn oft erlebt, wie er in unserer geliebten Gemeinde Luján Porteno den Gottesdienst feierte, `ohne Pauken und Trompeten‘, aber in der Kraft des Gebetes und uns allen nahe. Ich sehe ihn vor mir, wie er inmitten der Kinder steht, die ihm ihre Zeichnungen und kleinen geschriebenen Gebete überreichen, ihn mit ihren kleinen Händen streicheln und sagen: `Pater Mario, wir beten für dich`. Einmal habe ich ihn im Bus der Linie 97 getroffen und wir haben uns lebhaft unterhalten.

 

Fast unglaublich erscheint es, wie Franziskus in kürzester Zeit die Herzen vieler Menschen auf der ganzen Welt von der Peterskirche aus erobert hat. Lionel Messi, der unangefochtene argentinische Weltfußballstar, jubilierte Quanta felicità!, um danach dem Franziskus-Papst die Fußballmeisterschaft 2014 zu weihen. Messi weiß, wie viele, Bergoglio ist Fußballfan. Aufmerksam und offenherzig lässt sich Franziskus knapp eine Woche nach seiner Wahl von Staatsoberhäuptern aus der ganzen Welt gratulieren – von böswilligen Diktatoren, von erzkonservativen und liberalen Muslimen, von Atheisten, Protestanten und, von den, unpassend genug, niederknienden katholischen Klerikern. Angela Merkel berichtet schmunzelnd nach ihrer Begegnung mit Papst Franziskus: Der Papst hat mir gesagt: Ich brauche auch das Gebet von Protestanten. Innerhalb einer Woche hat Franziskus der ganzen Welt klar gemacht, worin er den Geist des Poverello sieht: Armut ist Macht, Liebe zu allen Geschöpfen ist göttliche Kraft. Als ich nach Rückkehr aus Rom am andern Morgen auf dem Frankfurter Flughafen vom Hessischen Fernsehen hr interviewt werde, sprudelt es nur so aus mir heraus.

 

Ein Aufbruch, eine Kehrtwende?

Vieles wird gewiss davon abhängen, wie Papst Franziskus mit der Kurie und ihren dubiosen Seilschaften und Finanzmanövern umgehen wird. Wie wird das erste Treffens zwischen "Schwarzem" und Weisen" Papst verlaufen? Es wird Bergoglio Entschlossenheit und Durchsetzungskraft bescheinigt. Das lässt hoffen. Wird die Kirche unter seiner Ägide zu neuen Ufern aufbrechen? Oder werden Kuriale ihm ein Bein stellen? Franziskus ist kein Strukturerneuerer, er ist dogmatisch und moralisch gesehen eher ein sog. Konservativer, dafür ist er aber auf sozialer und gesellschaftlicher Ebene ein sensibler und mutiger Petrusnachfolger. An dogmatischen und ethischen Fragen wird sich wohl nichts ändern. Bergoglio widersetzte sich vehement der von der Regierung Kirchner eingeführten Homo-Ehe. Das Gleiche gilt für den freien Umgang mit Kondomen. Gay-Eheleute und wahllose Kondomverbraucher werden keinen Kompromiss von ihm erwarten können. Als erster Lateinamerikaner könnte er jedoch den Orts- und Kontinentalkirchen – wie Paul VI.es tat - wieder mehr Eigenständigkeit zugestehen, um endlich dem Eurozentrismus der römischen Kirche zu entfliehen. Die katholische Kirche könnte unter Franziskus schließlich eine universale Kirche werden – eine Kirche, die wirklich katholon ist (alle und alles umfassend). Aus der Geschichte wissen wir aber auch, dass die franziskanische Armutsbewegung, wie auch andere Armutsbewegungen, von vielen Kirchenmächtigen als Ketzerei angesehen wurde. Die meisten dieser Bewegungen haben einen wenig erfreulichen Verlauf genommen: sie wurden korrumpiert, ausgerottet oder einverleibt. Sehen wir zu…

 

Die unerwartete Wahl Bergoglios ist alles in allem eine schallende Ohrfeige für die formalistisch-gesetzliche, finanz- und machtbesessene Kurie. Sie ist auch eine Ohrfeige für jene Gelehrten, die viele Bücher schreiben, jedoch niemals die Behausungen der Armen von innen gesehen und niemals den Gestank von Slums oder Flüchtlingslagern gerochen haben. Auch für allwissende Journalisten, die mit Sensationen und Spekulationen ihr Geld verdienen, ist es eine Ohrfeige – denn nichts wussten sie, von dem was kommen wird, so wenig wie wir alle.

 

Auf alle Fälle: Danke, Benedikt XVI.! Durch Deinen demütigen, mutigen und ehrlichen Schritt hast Du einen Neuanfang unserer in Strukturen und Lehrsystemen festgefahrenen, selbstherrlichen Kirche möglich gemacht.