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Islam gewaltfrei

Mein Leben. Autographie des Abdul Ghaffar Khan. Wie ein Weggefährte Gandhis die Gewaltfreiheit im Islam begründet. Aus dem Englischen übersetzt von Ingrid von Heiseler.

Buchbesprechung

 

Die von der Initiative Afghanic e.V. herausgegebene und von Ingrid von Heiseler ins Deutsche übersetzte Autobiografie von Abdul Ghaffar Khan lässt an Aktualität nichts zu wünschen übrig. Das Thema „gewaltfreier Islam“ findet höchst selten Zugang zum deutschen Büchermarkt. In Büchern und Medien hat der gewalttätige Islam, der sog. „politische Islam“ Hochkonjunktur.

 

Es existiert bereits eine Biografie unter dem Titel „Ghaffar Khan. Nonviolent Badshah of the Pakhtums“; sie wurde von Rajmohan Gandhi, Schriftsteller, Journalist und Enkel Mahatma Gandhis, verfasst und bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt. Dieses spannend zu lesende Ghaffar-Porträt, das im Blickwinkel der indischen Unabhängigkeitsbewegung gezeichnet wurde, ist 2004 –vor dem Hintergrund des 11. September 2001 - als Penguin Taschenbuch in New Delhi/New York erschienen.

Umso verdienstvoller ist es, dass jetzt die Bonner Afghanistan-Initiative und die Übersetzerin Ingrid von Heiseler es gewagt haben, der deutschen Öffentlichkeit die Autobiografie einer großen afghanischen Persönlichkeit vorzulegen.

Abdul Ghaffar Khan (1890 – 1988) ‎) gehörte zum traditionsreichen Volk der Pashtunen und hatte sich dem gewaltfreien Unabhängigkeitskampf Indiens verschrieben. Als tiefgläubiger Muslim engagierte er sich als Gefährte von Mahatma Gandhi für ein unabhängiges und ungeteiltes Indien. Gewaltsame Aufstände waren bis dahin immer wieder gescheitert.

Abdul Ghaffar Khan förderte Bildungsinitiativen und soziale Reformen und baute gleichzeitig eine gewaltfreie Armee auf, deren Mitglieder er Khudai Khidmatgar (Diener Gottes) nannte. Sie zählte gegen Ende über tausend aktive Friedenskämpfer. Da sich A. G. Khans Wirkungsradius über das heutige Indien, Pakistan und Afghanistan erstreckte, war er, ähnlich wie Gandhi, ständig unterwegs, um Menschen von Ort zu Ort durch Gespräche und Versammlungen für den gewaltfreien Widerstand zu motivieren. Er ließ sich durch Festnahmen und Schikanen davon nicht abbringen. Über zwanzigmal wurde er eingesperrt, immer wieder verhört und erniedrigend behandelt. Doch die Engländer wagten es nicht, seine Person aus dem Weg zu schaffen. Zu groß war die moralische Autorität des Pashtunen, der äußerlich wie ein Hüne erschien im Vergleich zu der schmächtigen Gestalt Mahatma Gandhis.

Beide Friedensaktivisten haben sich einige Male getroffen, beide wollten die staatliche Aufteilung Indiens verhindern. Von Begegnungen mit Gandhi, mit Offizieren, Gefängniswächtern, Polizisten, Studenten, mit guten und falschen Freunden spricht Abdul Ghaffar Khan mit feinfühligen Hinweisen auf die jeweiligen Charakterzüge seiner Mitmenschen - mit gleichem Respekt für jeden Einzelnen, jedoch kompromisslos, wenn es um Wahrheit und Lüge ging. „Die Mullahs und die Ältesten in unserem Land waren Marionetten in den Händen der Briten“ (S.28). Er war davon überzeugt, dass das repressive englische Kolonialsystem nur vom Volk her durch lebendige Beziehungen zwischen aktiven, gewaltfrei denkenden und handelnden Menschen zum Einsturz gebracht werden kann. Religiöser Fanatismus war ihm ein Gräuel. Auch das Beispiel der toleranten Lehrer der christlichen Missionsschule in seinem Heimatdorf Peshawar hatte ihn davon überzeugt. Seine „Liebe zu seinem Land und Volk“ verdankte er seinen christlichen Lehrern (S.30). Er wollte vor allem seinen muslimischen Glaubensbrüdern die Bedeutung von Bildung und selbstlosem Dienst für das eigene Volk nahebringen. Er sah den Fortbestand der geschichtlich gewachsenen Hindu-Muslim-Einheit für eine künftige positive Entwicklung Indiens als unabdingbar an. Die Essenz seiner Religion drückte er so aus: „Meine Religion ist Wahrheit, Liebe und Dienst für Gott und die Menschheit…Alle, die dem Wohlergehen ihrer Mitmenschen gegenüber gleichgültig sind… kennen die Bedeutung von Religion überhaupt nicht“ (S.170).

Das Buch kann man nicht lesen, ohne innerlich bewegt zu sein. Dass historische Persönlichkeiten wie Abdul Ghaffar Khan heute bedeutungslos erscheinen oder vergessen sind, gibt zu denken. Die deutsche Übersetzung lässt allerdings stilistisch und sprachlich zu wünschen übrig; sie ist eine Übersetzung der englischen Biografie, die ihrerseits vermutlich eine Niederschrift der in Pashtun gesprochenen Lebenserinnerungen Abdul Ghaffar Khans ist. Dadurch sind sprachliche Unebenheiten erklärbar. Es ist zu wünschen, dass ein renommierter deutscher Verlag es wagt, eine sprachlich überarbeitete Fassung der Autobiografie einer bis heute bedeutenden politischen Persönlichkeit auf den deutschen Büchermarkt zu bringen.

Klaus Beurle