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Der Islam – eine einfache Religion?

Nicht selten wird die Religion des Islams als eine „einfache Religion“ bezeichnet. Die Lehre des Propheten und die „Wegweisungen“ des Korans halten viele Muslime selbst für einsichtig, eindeutig und daher einfach zu verstehen. Doch ist dem so?

Wenn wir an Streit und Auseinandersetzungen über Auslegungen einzelner Koranversen, an die Gegensätze verschiedener Rechtsschulen in sunnitischen und shiitischen Traditionen und nicht zuletzt an die heftigen Debatten um die religiöse oder/und politische Sendung des Propheten Muhammad denken, erscheint der Islam alles andere als „einfach“ zu sein.

Muslime halten uns Christen entgegen, die christliche Religion sei im Gegensatz zum Islam eine „komplizierte“, unverständliche Religion. Sie verweisen vor allem auf unseren Glauben an Jesus als den Gottessohn, an Kreuzigung und Auferstehung Jesu und an die göttliche Dreifaltigkeit. Oft habe ich in Bangladesch versucht, Muslimen den Kern unseres Glaubens zu erklären. Sie waren interessiert zu erfahren, was etwa in der heiligen Messe geschieht, denn sie waren neugierig und wollten bei einer Messfeier manchmal auch anwesend sein. Wenn ich versuchte, ihnen die Eucharistiefeier zu erklären, war die Reaktion der Muslime meist nur ein unverständliches Kopfschütteln. Nicht weniger, wenn es um die Dreifaltigkeit oder die Auferstehung Jesu ging. Muslime halten ihren Glauben für rational verständlich, während unser Glaube mit ratio, Vernunft allein nicht zu verstehen ist.

Im kurzen, prägnanten Glaubensbekenntnis bekennt der Muslim oder die Muslima, dass „es keine Gottheit gibt als Gott und dass Muhammad Sein Gesandter ist.“ Ob sich jemand zurecht oder zu Unrecht als Muslim bezeichnet, wird von Muslimen aber vor allem an dem gemessen, was der Muslim bekennt und wie er seinen Glauben ausübt. „Den Muslim – und damit das gesamte islamische Denken – beschäftigen vor allem die Fragen der konkreten Ausübung des religiös Vorgeschriebenen, weniger die Fragen nach dem exakten Verstehen und Formulieren theologischer Aussagen“ (Christian Troll S.J., in: „Als Christ dem Islam begegnen, S. 35f.).

Die Betonung der praktisch-rechtlichen Dimension des Islams hat Vorrang vor Diskussionen über Koraninterpretationen oder über die Person des Propheten. Korankritische Diskussionen werden als unerwünscht oder als islamfeindlich abgelehnt. Nicht wenige Korankritiker haben in islamischen Ländern ihre Kritik mit Diskriminierung oder mit dem Leben bezahlen müssen.

Muslime sind darauf stolz, „einfach“ zu wissen, was Gott verlangt und was er ihnen verbietet. Allah hat durch den Koran die Menschen unterwiesen, den „rechten Pfad“ zu gehen. Die innere Stimme, das Gewissen oder das Herz als letzte Instanz von Handlungsentscheidungen haben in solchem Denken keinen Platz – es sei denn bei den Sufis, den Mystikern, die gerade deshalb häufig abgelehnt oder verboten werden, weil sie freies Beten und selbst Tanz für Gebet halten.

Die „fünf Pfeiler“ des Glaubens, Grundlage islamischer Glaubenspraxis, sind einfach zu benennen: Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosen geben und Pilgerfahrt nach Mekka.

„Es gibt nur einen Gott“: Gott ist der Eine und Einzige, der alles, was es gibt, transzendiert. Er ist der Schöpfer der Welt und der Richter der Menschen. Der zweite Pfeiler, das Gebet, betrifft nicht irgendein Gebet, sondern das rituelle Gebet, das fünfmal am Tag rezitiert werden soll, zu genau festgeschriebenen Zeiten und Reinigungsriten, die auf die Zeit des Propheten zurückgehen. Besonders strikt eingehalten werden die Vorschriften für das Fasten im Monat Ramadan. Von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang enthält sich der Muslim jeder Nahrung. Eher von Umständen abhängig sind die Anweisungen zum Almosen geben und zur Pilgerfahrt.

Grundlage aller Säulen des Glaubens ist das Bekenntnis, dass Gott größer ist als alles, was noch größer sein könnte. „Gott ist der Größte“ (Allāhu Akbar) ist die im Alltag oft gebrauchte Kurzformel des Glaubensbekenntnisses. Dies kann tiefe Anbetung und gläubige Unterwerfung unter den göttlichen Willen bedeuten, kann aber auch zum fanatischen und gewaltsamen Aufruf (ver)führen, Andersgläubige „im Namen Allahs, des Größten“ als Feinde des Islams zu bekämpfen, zu bekriegen oder zum sog. „heiligen Krieg“ aufzurufen.

In 25 Jahren, in denen ich täglich mit Muslimen zusammengekommen bin und zusammengearbeitet habe, hat trotz aller Unterschiede im Glaubensbekenntnis hat mich der gelebte Glaube der Muslime stark beeindruckt. Muslime in Bangladesch sind auf Grund ihrer Religion nicht hochmütig und grenzen sich von Andersgläubigen nicht ab. Sie haben in der Geschichte gelernt, mit Menschen verschiedener Religionen – mit Ureinwohnern, Hindus, Buddhisten und Christen – größtenteils in gegenseitigem Respekt und in harmonischer Eintracht zusammenzuleben. Dies kann man keineswegs vom Verhältnis der Muslime zu Andersgläubigen etwa im benachbarten Pakistan oder in arabischen Ländern behaupten. Dabei bilden Christen in Bangladesch nur eine kleine Minderheit: etwa 375 000 Katholiken unter einer mehrheitlich muslimischen 159 Millionen-Bevölkerung.

Papst Franziskus hat bei seinem Besuch in Bangladesch Ende November 2017 an die Tradition des friedlichen Zusammenlebens der Religionen angeknüpft und die Jugendlichen bei seiner Ansprache ermutigt, weiterhin „ein Klima der Harmonie zu fördern, wo einer dem andern die Hand reicht, unabhängig von religiösen Unterschieden... Vergesst nicht, verschieden, aber gemeinsam zu handeln im Einsatz für das Gemeinwohl.“ Gegenüber der zunehmenden Gefahr terroristischer Gewalttaten auch in Bangladesch ist es wichtig, daran erinnert zu werden, dass der tolerant gelebte Glaube, eine starke Kraft ist, das Gemeinwohl zu fördern und religiösem Fanatismus und religiös begründeter Gewalt entgegenzuwirken.

Immer wieder wurde in den letzten Jahren von Muslimen selbst daran erinnert, dass Allah im Geist des Korans nicht als Diktator oder strenger Gesetzesgeber zu verstehen ist. Bekannt geworden ist das Buch von Mouhanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion“ (2012). Der Reformtheologe hat auch seinen Gegnern gegenüber seinen Glauben bezeugt, dass der Islam primär von der Beziehung Gottes zu den Menschen und nicht vom Gesetz her zu verstehen sei. Der Titel eines weiteren Buchs lautet „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“ (2015). Er weist darauf hin, dass 113 der 114 koranische Suren mit der Formel „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, des Allerbarmers“ beginnen. „Gott selbst hat sich der Barmherzigkeit verschrieben“, steht in der Sure 6,12.

An der in westlichen Ländern heiß geführten Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Islamverständnissen zeigt sich, dass es kein einfaches Selbstverständnis des Islams gibt. Ein Islamverständnis, das sich an der Zeit Muhammads orientiert, in der er in Medina nicht nur als Prophet, sondern auch als Staatsmann auftrat, geht davon aus, dass die Religion des Islams eine über alle Lebensbereiche bestimmende Macht ist. Alles Weltliche, die Politik einbezogen, hat sich der Religion unterzuordnen.

Die verheerenden Auswirkungen von solchen Auffassungen in Form von Religionsdiktaturen sind bekannt. Der autokratische Religionsstaat kennt keine Toleranz anderen Religionen gegenüber und sieht es als seine Pflicht an, mit allen Mittlen, selbst mit militärischen Mitteln, das im Koran gegebene Gesetz, die Scharia, als allein gültiger Recht durchzusetzen. Mit dieser Religionsauffassung, die von Sunniten und Shiiten vertreten wird, kommt ein friedliches Zusammenleben der Völker nicht zustande. Vielmehr werden islamische Staate dadurch von einem Konflikt und von einem Krieg in den anderen getrieben. Allerdings haben westliche Mächte aus eigenen Machtinteressen, die bestehenden innerislamischen Konflikte verschärft und ausgenützt.

Was die Lehre und Praxis der Muslime betrifft, so ist heute ein Islamverständnis – keineswegs nur aus christlicher Sicht - vonnöten, das vom geschichtlich-kulturellen Hintergrund der Entstehung des Korans und von der gesellschaftsbezogenen Ausbreitung des Islams Rechnung ausgeht. Ein differenzierter, gesellschaftsbezogener Islam, der „sich von seinem Glauben her in die Pflicht genommen weiß, die moderne Welt mitzugestalten und mitzuhelfen, ihre Probleme zu lösen und Unrecht zu überwinden“ (Christian Troll S.J.), hat eine Zukunft. Die Verkürzung des Islams auf die Rechtsdimension führt in immer neue Sackgassen. Der Weg zum einfachen Islam, der zurückfindet zur göttlichen Eingebung des Propheten und zum friedlichen Miteinander verschiedener Gruppen beim mekkanischen Anfang, ist ein langer Weg. Klaus Beurle