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Der Koran steht nicht über dem Grundgesetz

Endlich hat der Geheimdienst begonnen, Predigten von türkischen DITIB-Imame in ihren Moscheen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Viele von Ankara aus gelenkte Imame sind keineswegs der Auffassung von Muhammad al-Issa, dem saudi-arabischen Generalsekretär der Islamischen Weltliga, DMG (arab.), der „Kopftuchverbote in westlichen Gesellschaften für legitim“ hält und klargestellt hat, dass „der Koran nicht über der Verfassung steht.“ Kopftuchverbote in westlichen Gesellschaften müssten von Muslimen akzeptiert werden. „Wer bleiben will, muss das Kopftuch abnehmen; wer es nicht tut, muss das Land verlassen.“ (Interview in FAZ vom 10.05.2017). Das deutsche Grundgesetz, nicht der Koran sei für Muslime, die in Deutschland leben wollen, maßgebend.

Wie kommt es zum Widerspruch der Islamischen Weltliga zur offiziellen saudi-arabischen bzw. türkischen Islamdeutung? Die 1962 in Mekka gegründete Islamische Weltliga ist eine internationale islamische Nichtregierungsorganisation (NGO). Es ist überraschend, dass diese vom Königreich Saudi-Arabien finanziert wird. Die momentan aus 62 Gelehrten bestehende Islamische Weltliga hat sich jedoch durch ihre Generalsekretäre mehrmals der Absicht Saudi-Arabiens widersetzt, die Islamische Weltliga als Instrument der saudi-arabischen Außenpolitik zu benützen. Da sich die Gelehrten der DMG Rede- und Schreibfreiheit nicht nehmen lassen, ist die internationale islamische NGO trotz ihrer politischen Bedeutungslosigkeit ein Organ der Meinungsfreiheit innerhalb einer ansonsten monolithischen saudi-arabischen Gesellschaft. Sie mag vielen orthodoxen Muslimen in ähnlicher Weise ein Dorn im Auge sein wie auf schiitischer Seite der Nachrichtensender Al Jazeera mit Sitz im katarischen Doha. Ein Schimmer von Meinungsfreiheit und medialer Pluralität in den beiden mächtigen Religionsdiktaturen ist also vorhanden.

Wir sollten hellwach sein, wenn sich vermehrt salafistische und dem türkischen Präsidenten unterwürfige Islamdeutungen über türkische Moscheen in unsere Gesellschaft einschleichen. Denn einem Großteil der türkischen Muslime ist, wie das Referendum kürzlich gezeigt hat, eine Diktatur im Namen Allahs lieber als eine säkulare Demokratie.

Klaus Beurle