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Wie lesen Muslime den Koran?

 

Lesen Muslime den Koran so, wie wir Christen die Bibel lesen? Oder lesen sie ihre heilige Schrift ganz anders? Und welche Bedeutung hat die Lesart des Korans für das Verhältnis der Muslime zu anderen Religionen?

Muslime lesen den Koran ganz unterschiedlich. Nicht selten bin ich Muslimen begegnet, die nach ihren eigenen Worten den Koran noch nie gelesen haben, so wie auch Christen die Bibel nie gelesen haben. Im Gegensatz dazu gibt es Muslime, die die 114 Suren des Korans von A bis Z auf Arabisch auswendig aufsagen können. Die Hafiz genannten Muslime sind in islamischen Gesell­schaften sehr ge­achtet - sie haben den Koran sozusagen bis in ihr Unterbewusstsein hi­nein „verzehrt“.

Der Koran im Alltag

Im Alltag werden Muslime an die Botschaft des Korans erinnert, wenn beim Freitagsgebet der Imam, der „Vorbeter“, in der Moschee Suren aus dem Koran vorträgt und erläutert. Einzelne Muslime sah ich in Moscheen für sich allein den Koran rezitieren oder wie kleine Gruppen sich gegenseitig einzelne Suren erklärten. Frauen rezitieren den Koran meistens zuhause. Ich erinnere mich an eine Frau in Dinajpur in Bangladesch, Hauswand an Hauswand mit ihr wohnend, als sie im Ramadan täglich vom Abend bis zum frühen Morgen in einem Art Sprech­gesang in vorgeschriebener Intonation Sure für Sure aus dem Koran rezitierte. Die meisten Muslime, der arabischen Sprache nicht mächtig, wiederholen zu einzelnen Suren das, was sie in Koran­schulen als Kinder auswen­dig gelernt haben. Der Koran gilt für unübersetzbar; seine Bot­schaft könne in ihrer poetischen Ästhetik nur auf Ara­bisch verstanden werden...

Qur´an bedeutet Lesung, Rezitation, Vortrag. Über mehrere Jahrhunderte wurde in den großen Rechtsschulen offen darüber diskutiert, ob der Koran erst in der Zeit entstanden sei, als der Engel Jibril Muhammad das diktierte, was Muham­mad und der Mensch­heit offenbart werden sollte oder ob der Koran schon vor allein Zeiten bestand, also ewig und unerschaffen sei. Das unerschaffene Wort des Logos im Neuen Testament kommt uns in diesem Zusammenhang in den Sinn.

Die Herabsendung des Korans

Der Koran erscheint als lange, kunstvoll dargebotene Predigt, die zahlreiche Handlungsanweisungen und Anordnungen enthält. Die „Herabsendung“ des Korans ist für Muslime unzweifelhaft die endgülti­ge, einzigartige und unein­ge­schränkt authen­tische Offen­barung Allahs, „…vom Herrn… in aller Welt (als Offenbarung) herabgesandt... (Sure 12:192). Muhammad selbst hat an der Offenbarung keinerlei Anteil. Die Evangelisten des Neuen Testaments hingegen bezeugen, was ihnen von Augenzeugen bezeugt wurde. Der Koran kennt keine Heils­geschichte im Sinn einer fort­schreiten­­­den Of­fen­barung des gött­lichen Geheimnisses, durch die sich Gott auf vielfältige Wiese den Menschen erkennen gibt. Im Koran hat sich Allah ein für alle Mal, endgültig und abschließend geoffenbart. Daher wird Muhammad als „Siegel der Propheten“ bezeichnet (33:40). Mus­lime sehen generell keine Notwen­digkeit, die Bibel zu lesen. Was in der Bibel dem Koran widerspricht, betrachten sie als überholt, missverständlich oder ver­fälscht.

Die Offenbarung Allahs wurde zur „Schrift, an der nicht zu zweifeln ist“ (Sure 2:2), (um)… alles klarzulegen“ (Sure 16:89). Das Wort Gottes ist hingegen „Fleisch geworden“. In der „Fülle der Zeit“ wurde nicht eine Schrift, sondern Jesus Christus „herabgesandt“ zu den Menschen.

Die Verschiedenheit der Religionen

Andererseits lädt der Koran die Muslime ein, die Tatsache verschiedener Religionen anzuerkennen und redlich mit den anderen Religionen um die Wahrheit zu streiten: „Für jeden von euch (die ihr verschiedenen Bekenntnissen angehört) haben wir… einen eigenen Weg bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber er wollte euch in dem, was er euch (von der Offenbarung) gegeben hat, auf die Probe stellen. Wetteifert nun nach den guten Dingen! Zu Gott werdet ihr (dereinst) allesamt zurückkehren. Und dann wird er euch Kunde geben über das, worüber ihr (im Diesseits) uneins wart“ (Sure 5:48). Reli­gions­pluralität wird nicht verworfen, sondern als Herausforderung anerkannt. Der interreligiöse Dialog ist daher notwendig und gerecht­fertigt, um Missverständnisse und Fehlinterpretationen der Schriften zu klären.

In einzelnen koranischen Aussagen über die „Leute der Schrift“ – Juden und Christen - kommt eine große Achtung Andersgläubigen gegenüber zum Ausdruck: „Die Leute der Schrift… glauben an Gott und den jüngsten Tag, gebieten, was recht ist, verbieten, was verwerflich ist und wetteifern (im Streben) nach den guten Dingen… Für das, was sie an Gutem tun, werden sie (dereinst) nicht Undank ernten. Und Gott weiß Bescheid über die, die (ihn) fürchten“ (Sure 3:113-115). Der interreligiöse Dialog ist um der „guten Dinge“ willen geboten.

Verschiedene Lesarten des Korans

Muslime kennen kein Lehramt, keine Lehrautorität, die die alleingültige Interpretation des Korans lehren könnte und von einer Mehrheit von Muslimen anerkannt würde. Doch seit der Entstehung des Salafismus im 19. Jahrhundert in Ägypten und Saudi-Arabien, der sich als Reform­bewegung versteht, versuchen einzelne Gruppen, eine wortwörtliche Erklärung des Korans durchzusetzen. Sie verstehen den Koran so, wie er zur Zeit Muhammads verstanden wurde. Geschichtsbedingte Ele­men­te, die zur Entstehung und Herausbildung des Korans führten, lassen sie ebenso wenig gelten wie die Notwendigkeit einer zeitbezogenen Inter­pretation des Korans.

Die Interpretation des jihad ist dabei von weitreichender Bedeu­tung. Jihad bedeutet die geistliche Bemühung und Anstrengung, den Willen Allahs zu erfüllen, Aufruf zur guten Tat (22:77), zu Vertrauen und Glaubens­treue (5:33; 29:69), auch zum Verteidigungs­krieg (22:39f), oder auch im Extremfall Aufruf zur Gewalt gegen Ungläubige („…tötet die Polytheisten, wo immer ihr sie findet…“, Sure 9:5). Die letzte Sure bezieht sich auf die Zeit, in der sich der Islam von Medina aus rasant ausbreitete und Muslime mit Gewalt gegen die Widerstand leistenden arabischen, polytheisti­schen „Götz­en­­die­­ner“ kämpften. Heute versteht eine zunehmende Zahl radikaler Gruppen unter jihad die ihnen angeblich aufgetragene gewaltsame Aus­­brei­tung des Islam. Die extremistische Inter­pretation wird jedoch von einem Großteil der Muslime als verbrecherisch verurteilt und als unislamisch verworfen.

Auswirkungen wörtlicher Koran-Interpretation

Seit dem vom salafistischen Gruppen ausgehenden Terrorschlag vom 9. September 2001 sind Muslime in sich selbst mehr denn je gespalten. Wo immer Religion zur Rechtfertigung oder Ausbreitung politischer Macht missbraucht wird, geschieht Unheilvolles. Was machtorientierte Christen im Mittelalter bis in die Neuzeit taten, tun heute machtorientierte Muslime. Daher stellt sich die dringliche Frage: Wird sich eine Korandeutung durchsetzen, die den Koran in seiner geschichtlichen Entstehung versteht und auf heutige zivilgesell­­­­schaftliche Konsens­werte wie Menschen­würde und Menschenrechte ausge­richtet ist oder wird sich die radikale, intolerante Lesart des Ko­rans noch weiter ausbreiten? Letzteres wäre verheerend. Unsere Solidarität gilt den Muslimen, die sich für eine gewaltfreie Inter­pretation des Korans einsetzen. Es ist not­wendig, dass sich musli­mische Gelehrte, Staats- und Religionsführer eindeutig zur gewalt­freien Interpretation des Korans bekennen, wie sie Muhammad in der Anfangszeit des Islams in Mekka verkündet und praktiziert hat. Suren aus der Zeit der Auseinandersetzung mit den Feinden des Islams werden als geschichtlich be­dingte bezeichnet, die den gewalt­freien Ursprün­gen des Islams wider­sprechen.

Welche Korandeutung die Tuareg in der Sahara vertreten haben, denen Charles de Foucauld begegnet ist und von deren Glaubenseifer er beeindruckt war, ist schwer zu sagen. Es ist jedoch anzu­nehmen, dass die Tuareg den Koran nicht mit den Augen extremistischer Salafisten gelesen haben.

Klaus Beurle