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ISIS

Die Rache der sunnitischen Terror-Miliz

Die Terror-Miliz „Islamischer Gottesstaat in Irak und Syrien“ will im Irak und in Syrien einen Gottesstaat errichten. Ultraradikale sunnitische Extremisten kontrollieren inzwischen weite Teile des Iraks und haben ihre Terroraktivitäten auf Syrien ausgedehnt. Menschliche Tragödien, nicht abreißende Flüchtlingsströme, machtpolitisches Chaos sind die Folgen. Es ist im Vergleich zu Al-Qaida, Boko Haram, Abu Sayyaf und Al Shabaab die bisher massivste islamistische Bedrohung.

Hintergrund ist die Tatsache, dass seit dem Sturz von Saddam Hussein die Sunniten im Zentralirak von der derzeitigen shiitischen Zentralregierung in Baghdad unter Nuri al-Maliki gezielt vernachlässigt und von der Ressourcenverteilung ausgeschlossen wurden, während Kurden im Norden und Shiiten im Süden über reichliche Erdöleinkommen verfügen. Sunnitische Stämme hatten die Folgen der amerikanischen Kriegs- und Besatzungsstrategie und die Auflösung der bestehenden Institutionen des Landes am stärksten zu spüren bekommen. Jetzt wollen sie ihre verlorenen Machteinflüsse zurückerobern. Die Religion der Sunniten wird zur Mobilisierung der Massen als Vehikel benutzt. Sie erinnern sich der Grausamkeiten der iranischen Shiiten im irakisch-iranischen Krieg (1980 – 1988).

ISIS bezieht sich auf die Islam-Vorstellungen der Salafisten und Wahabiten. Diese verstehen weitgehend den Aufruf zum Dschihad nicht spirituell, sondern kriegerisch-militärisch. „Der Kampf (im Sinne von Töten, Kampf mit der Waffe) ist allen vorgeschrieben, selbst denen, die ihm abgeneigt sind, denn Kampf ist ein Gut für sie (Sure 2:116)… So lasset (im Kampf) nicht nach und ruft nicht zum Waffenstillstand auf, wo ihr doch die Oberhand habt. Und Allah ist mit euch, und Er wird euch eure Taten nicht schmälern“ (47:35). Was Muhammad zur Errichtung der Umma auf dem Weg zur Weltherrschaft des Islams gefordert hat, wollen die ISIS-Dschihadisten realisieren.

Der Mittlere Orient war jahrtausendlang Heimat verschiedener ethnischer Gruppen und religiöser Gemeinschaften. Die ISIS-Miliz will die ethnische und religiöse Vielfalt zerschlagen. Auch für säkulare Muslime, die die Trennung von Religion und Staatsmacht fordern, ist das Auftreten von ISIS eine Katastrophe. Shiiten, Christen, Jesiden und Kurden werden entrechtet, vertrieben, gefoltert, getötet. Saudi-Arabien und Qatar, die Handelspartner westlicher Mächte, unterstützen die Miliz mit westlich produzierten Waffen.

Erstmals ist es mit ISIS einer islamistischen Terrorgruppe gelungen, über Ländergrenzen hinweg weite Teile von Irak, Syrien und dem Libanon zu kontrollieren. Andere Länder sind im Visier. Wie bedrohlich die Lage ist, wird daran deutlich, dass Al-Qaida 2011 über etwa 500, während ISIS heute über 10.000 bewaffnete Kämpfer verfügt. Die Region des Nahen Ostens ist am Zerbrechen: Saudi-Arabien und Iran führen folgenschwere Stellvertreterkriege. „ISIS hat drei Feinde: die shiitischen Muslime, den Westen allgemein und Israel. „Es ist ein sicherheitspolitischer Tsunami, der sich an der Grenze zur Türkei, an der Schwelle zu Europa aufbaut“, so der Nahost-Experte Michael Lüders. Vielfach wird argumentiert, dass die fundamentalistische ISIS-Miliz militärisch nicht zu besiegen ist. Patriarch Louis Raphael Sako von Baghdad lehnt Militärinterventionen und Waffenlieferungen ebenso ab wie pax christi und andere Friedensorganisationen. Befürworter von militärischen Interventionen oder von Waffenlieferungen gehen hingegen davon aus, dass zum Schutz der Zivilbevölkerung die Ausbreitung des ISIS-Terrors militärisch bzw. mit Waffenlieferungen zu bekämpfen ist. Andreas Zumach, Journalist und Sicherheitsexperte, drängt darauf, zur Eindämmung des Terrors nicht mit militärischen Mitteln vorzugehen, sondern eine internationale, von den Vereinten Nationen authorisierte Schutztruppe in der Konfliktregion zu entsenden. Vielen Christen ist daran gelegen, Solidarität mit den Mitchristen im Irak und in Syrien zu bezeugen. Verschiedene Anstrengungen der Kirchen und kirchlicher Gruppen werden unternommen. Mit einem pointierten Aufruf hat der Vatikan an die Völkergemeinschaft appelliert: „Die dramatische Situation der Christen, der Jesiden und anderer religiöser und ethischer Gemeinschaften… verlangt eine klare und mutige Stellungnahme insbesondere vonseiten der muslimischen Religionsverantwortlichen, aber darüber hinaus all derer, die sich für den interreligiösen Dialog engagieren, und letztlich aller Menschen guten Willens. Alle müssen diese Verbrechen einmütig und unmissverständlich verurteilen und den Versuch, sie mithilfe der Religion zu rechtfertigen, anprangern“, fordert der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog. Was wäre aber mit einer einhelligen, weltweiten Verurteilung erreicht? Lösungen regionaler Macht- und Interessenkonflikte müssen mühsam ausgehandelt und konkrete gewaltfreie Konfliktlösungen vorangetrieben werden.

Papst Franziskus, der klar stellte, dass es „Fundamentalismus in allen Religionen“ gibt, bringt seine Besorgnis zum Ausdruck: „Wir alle wollen Frieden und Stabilität im Nahen Osten, und wir wollen etwas dafür tun, dass die Konflikte durch Dialog, Versöhnung und politische Übereinkünfte gelöst werden.“ Was können wir dafür tun? Auch der kleinste Schritt in die richtige Richtung ist nicht zu klein.

Klaus Beurle