Armenisch Beten in Hugendubel

Eben bin ich aus Engelskirchen zurückgekommen, wo eine außerordentliche Geburtstagsfeier stattgefunden hat: meine Freunde Friedel (92) und Mathilde Knipp (88) waren zusammen 180 Jahre alt geworden. Sie haben seit 1986, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, durch ihre Lichtbrücke unbeschreiblich viel Gutes für die Armen in Bangladesch getan. Nun sollte das ideenreich gestaltete Fest erneut dafür werben, durch Engagement und Spenden noch mehr für die Menschen im Armenhaus der Welt zu tun.

Ich saß nun im Hugendubel im Lesebereich und ließ mir alles nochmals durch den Kopf gehen.

Ich kam mir dem unermüdlichen Einsatz der beiden Hochbetagten gegenüber kleinkariert vor. So blätterte ich im Buch des amerikanischen Franziskaners Richard Rohr, das den Titel trägt: Ganz da. Es geht darum, das eigene wahre Selbst zu entdecken. Plötzlich beobachtete ich neben mir ein Kind, das lebhaft mit Fahrplänen der Bundesbahn spielte. Mir gegenüber saß eine Frau, die mein Schmunzeln beobachtete: „Der Bub will immer reisen. Er kauft Fahrpläne, um sich auszumalen, wohin er noch reisen will… nach Berlin, nach Wien, nach Moskau.“ Die etwa 45-Jährige fügt hinzu: „Kinder haben Träume, viele Träume. Und das ist gut so… Viele Erwachsene haben keine Träume mehr. Sie planen dauernd und berechnen, was sie tun können und was nicht. Wir sollten von den Träumen der Kinder lernen.“

Als sie merkt, dass ich ihr aufmerksam zuhöre, holt sie tief Atmen und setzt nochmals neu an: „Wissen Sie, viele Menschen in Deutschland sind so ernst und gar nicht zufrieden mit ihrem Leben, obwohl sie alles haben. Wir wohnen seit drei Jahren mit unserer Familie im unteren Stock eines kleinen Hauses, die Hausbesitzerin wohnt über uns. Ich versuche ihr immer wieder eine Freude zu machen, backe Kuchen zu ihrem Geburtstag, spreche sie an und bin freundlich zu ihr. Doch sie hat immer etwas an uns auszusetzen, ist unzufrieden und macht uns das Leben schwer. Jetzt halte ich mich zurück. Ich verstehe die Menschen hier oft nicht. Sehen Sie, ich wollte eine Bekannte besuchen, als sie ins Altenheim eingezogen war. Ich ging oft zu ihr. Sie trägt viel Schmuck – ich weiß nicht warum, aber sie war froh, dass ich sie immer wieder besuchte. Sie beschwerte sich stets über ihre Mitbewohnerinnen. Andere taten dasselbe. Doch die Leute sprechen nicht miteinander. Es ist immer totenstill. Eines Tages saß ich neben ihr, als jemand in der Nähe um Hilfe rief. Ich wollte aufstehen, um zu sehen, ob ich helfen kann. Da hielt sie mich zurück: `Sie sind für mich da, nicht für andere`. Nein, sagte ich, ich bin für alle da. Da wurde sie böse.“

Die Hugendubel-Leser/innen warfen manchmal einen Blick auf uns. Sie wunderten sich, weshalb wir unser intensives Gespräch führten, obwohl in der Leseecke ja Stille sein sollte. Die bisher unbekannte Dame fuhr fort: „Wissen Sie, Deutschland ist irgendwie eine tote Gesellschaft. Die Menschen reden nicht miteinander und wer es zu etwas gebracht hat, ist oben und drückt andere nieder. Ich hatte immer wieder Kranke besucht. Das macht mir Freude. Doch als ein Patient zu andern sagte: `Das macht sie doch nur, um Geld zu bekommen`, wurde ich traurig. Ich habe bei meinen Besuchen nie an Geld gedacht. Ich wollte Krankenschwester werden. Als ich die Ausbildung zur Krankenschwester machte, wurde viel von uns verlangt. Ich war aber nicht immer schnell genug, alles zu verstehen. Als ich Rückfragen stellte oder versuchte, mit meinen Worten zu sagen, was ich verstanden hatte, wurde ich ermahnt, so viele Zeit hätten sie nicht… Nach drei Jahren habe ich die Ausbildung aufgegeben.“

Als das Gespräch immer offenherziger wurde, fragte ich, aus welchem Land sie komme: „Aus Armenien“, wie sie heiße. „Manje“. Sie wundert sich, dass ich ein wenig über Armenien Bescheid wusste und vermutet, dass ich Arzt sei. `Nein, Priester`. –`Oh, noch mehr als Arzt`. Jetzt öffnet sie sich noch weiter: „Unser Leben in Deutschland ist schwer. Mein Vater hat sich sechs Jahre bemüht, hier ein Geschäft aufzubauen. Dann gab er auf und kehrte nach Armenien zurück. Wir Armenier haben viel ertragen müssen, aber wir haben unsere Selbstachtung nicht verloren. Unsere Soldaten sind für Hitler in den Krieg gegangen. Heute ist die Not groß in unserem Land. Wer nach Deutschland auswandert, muss viel bezahlen. Jeden Abend bete ich, dass es morgen ein wenig besser werden möge als heute. Herz, Glaube und Menschlichkeit sind die größten Werte.“ Plötzlich bittet sie mich: „Könnten Sie bitte ein Gebet sprechen?“ Nachdem ich gebetet und Manje gesegnet habe, bitte ich Manja für mich zu beten und mich zu segnen. Sie tut es auf Armenisch. Dann wird signalisiert, dass Hugendubel um 20 Uhr schließen werde. Wahrscheinlich werden bei Hugendubel selten Segensgebete auf Deutsch und auf Armenisch gesprochen.