Diskriminierte Minderheit feiert und lässt sich feiern

Überlegungen nach dem Eurovision Song Test

Nach Homosexuellen und Lesben haben jetzt Transvestiten die mediale Weltbühne erobert. Der Transvestit stammt aus Österreich, das ansonsten nicht gerade für eine übermäßige Liberalität bekannt. Aber die Österreicherin Conchita Wurst hat es geschafft, sich beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen durchzusetzen. Gegengeschlechtliche Kleidung tragend forderte der bekennende Schwule Tom Neuwirth eine Zukunft, in der „Toleranz und Respekt“ die Oberhand behalten. „Wir werden gewinnen!“ rief Conchita fast emotionslos dem Fernsehpublikum zu. Viele Österreicherinnen und Österreicher konnten ihren Stolz nicht verbergen. "Unsere Conchita hat es geschafft!" Zuletzt war Udo Jürgens 1966 der Contest-Sieg gelungen. Nun wurde Conchita über Nacht zum Star, zu einem Symbol von Toleranz, von Nicht-Diskriminierung. Viele Österreicher/innen hatten sich allerdings gegen ihre Teilnahme am Contest ausgesprochen. Sie spalte die Gesellschaft, sie spalte Europa, hieß es.

Bei der deutschen Lena Meyer-Landruth vor vier Jahren war alles noch ganz eindeutig und einstimmig: Alle Deutschen waren auf den Erfolg der durch ihre Natürlichkeit überzeugenden Deutschen stolz. Taizé und viele Jugendliche waren von ihr besonders angetan, denn Lena trug das Taizé-Kreuz und bekannte sich zu den Jugendtreffen von Taizé. Doch diesmal – Conchita, wofür steht sie denn? 180 Millionen haben weltweit den Contest im Fernsehen verfolgt. Sind die Wertmaßstäbe weltweit ver-rückt?

Was in demokratischen Ländern begeistert gefeiert wird, wird in autokratischen Gesellschaften eisern bekämpft. In vielen Ländern werden Schwule, Lesben und Transvestiten ausgegrenzt und nicht selten gerichtlich verurteilt und eingesperrt. Auch bei uns ist es noch nicht so lange her, dass Homosexualität strafbar war. Dass sie in Russland nicht willkommen ist, geniert Conchita nicht. Von Journalisten darauf angesprochen, erwiderte sie: "Ich weiß es, doch gibt es auch in Russland Ecken, in denen ich Freunde habe. Toleranz kennt keine Landesgrenzen auf.“ Bedienen viele Medien nicht

Das Phänomen der weltweiten Medienmacht ist ein unberechenbares Phänomen. Conchitas Interview nach ihrem Sieg hatte eine durchaus politische Färbung. Man kann sich fragen, ob effekthascherische mediale Shows und Contests langfristig der Sache der Toleranz und der Gleichwertigkeit aller Menschen dienen, und ob es Medien häufig nicht eher um Voyeurismus als um ehrliche Toleranzförderung geht. Vielleicht ist es Conchita gelungen, eine Lanze zu brechen für die kleine Zahl von Menschen, die - heterosexuell oder homosexuell orientiert - das gelegentliche Tragen von gegengeschlechtlichen Kleidern als Ausdruck ihrer Geschlechtsidentität verstehen. Ob es dem „Transvestie-Künstler“ gelungen ist, etwas Kunstvolles zu schaffen, ist Geschmackssache. Und ob die zeitweilige, äußere Zugehörigkeit zum andern Geschlecht ein zu bejubelndes Phänomen ist, bleibt dahingestellt. Das Phänomen des Transvestitismus als psychische Störung zu bezeichnen, bringt aber auch nicht viel.

Es stellt sich aber die Frage, ob sich „westliche“ Toleranz (die es versteckt auch in antiwestlichen Ländern gibt) langsam weltweit durchsetzen wird. Es wird behauptet, dass „der Westen“ immer stärker die Moral und Lebenspraktiken der Menschen aller Völker bestimmen wird, so wie durch die wirtschaftliche Globalisierung weithin bereits eine globale kulturell-moralischen „Vereinheitlichung“, eine Monokultur, geschaffen wurde. Es wird sich zeigen, ob Tom Neuwirth - Diva mit Vollbart – dazu beigetragen hat, den Umgang mit einer kleinen, spektakulär auftretenden Minderheit mit extremer sexueller Orientierung zu fördern. Es scheint jedoch weltweit ein offener oder heimlicher Konsens darüber zu bestehen, dass jegliche Diskriminierung kleiner Bevölkerungsgruppen mit spezieller sexueller Orientierung heutzutage inakzeptabel ist.

Westliches Toleranzverständnis ist nicht der Gipfel recht verstandener Freiheit. Wenn Toleranz zu unreflektierte Grenzenlosigkeit und Gleichstellung aller Phänomene verkommen würde, hätte der Song Contest keinen Fortschritt gebracht. Schöpfungstheologisch ist alles Geschaffene wertvoll und Ausgrenzungen haben in Gottes Schöpfung wahrlich keinen Platz. Alles Geschaffene ist wertvoll und von Gott gewollt und geliebt. Darin sind sich auch große Religionen grundsätzlich einig. Dies kann aber nicht bedeuten, dass alles Geschaffene gleichrangig ist und gleiche Funktionen hat. Heterosexuell veranlagte Menschen, die die überwiegend Mehrheit der „Normalität“ ausmachen, fühlen sich durch Selbstdarstellung und Selbstüberschätzung von Homosexuellen und – eben jüngst – durch Transvestiten in der medialen Öffentlichkeit ausgespielt und geradezu an den Rand gedrängt. Auch künftig wird die Geschlechterzuordnung von Mann und Frau, die sich in den traditionellen Wertvorstellungen von Ehe und Familie widerspiegelt, maßgebend sein. Wo allerdings radikale Gruppen oder autoritäre Regierungen und Religionsführer ihre Wertvorstellungen im Blick auf Minderheiten bestimmter sexueller Orientierung mit Gewalt aufzwingen und öffentliche Gender-Diskussionen verhindern, ist der Weg zu einer freien, verantwortungsvoll handelnden Gesellschaft noch ein langer Weg. Mediale Eintagsfliegen sind für ein Weiterkommen in Sachen Toleranz allerdings nicht ausreichend. Es wird sich zeigen, ob das Spektakulum von Kopenhagen zur Klärung anstehender Fragen und Themen etwas beigetragen hat.

Klaus Beurle, Würzburg