Dreifaltigkeits-Sonntag 2017

Gott spricht wirklich mit sich selbst?

Die Nachpfingstzeit, die ja bis zur Adventszeit anhält, beginnt mit dem heutigen Dreifaltigkeits-Sonntag. .Alles wird in der Sonntagskirche wieder alltäglich - oder doch nicht so ganz? Können wir begreifen, wie unbegreiflich dynamisch Gott ist? Das ist nicht alltäglich. Gott ist zuallererst, bevor er uns erschafft und sich mit uns befasst hat, Gespräch und Leben in und mit sich selbst. Er ist Beziehung durch und durch, dreifaltig Eins in sich selbst. Wer soll denn das begreifen?

Die anderen großen monotheistischen Religionen – Judentum und Islam - können mit der Dreifaltigkeit Gottes auch rein gar nichts anfangen. Aus ihrer Sicht ist Gott ist einzig und einer ohne einen Zweiten oder Dritten. Muslime sehen häufig in unserem Glauben einen mangelhaften Ein-Gottglauben. Doch ist dem so?

Es ist unbestreitbar, dass vor aller Zeit, also bevor das irdische Welttheater begann, das Wort war und das Wort bei Gott war und Gott das Wort war“, so steht es am Anfang des Johannes-Evangeliums. Gott ist also Wort: er kreist nicht monologisch um sich selbst, sondern spricht mit sich selbst und lebt „in einer gesunden und heilsamen Beziehung“. Er ist reine Liebe und zur Liebe gehört das Wort, gehört Beziehung. Gott befindet sich – so unbegreiflich es auch ist - in einem fortwährenden Liebesaustausch mit sich selbst. Gott hat keine Bedürfnisse außer dem Bedürfnis, gelebte Liebe zu sein. Er spürt Liebe in sich selbst und erkennt sich selbst in der Liebe. Wer kann das schon begreifen? Doch der dreifaltige Gott geht weit über unser Verstehen hinaus und der Glaube an einen solchen Gott hat reiche Folgen. Und er steht nicht im Widerspruch zum mahnenden Prophetenwort: „Es gibt keinen Gott außer mir“ (Jes. 45,22)

Gott ist nicht weltabgehoben und nicht unbeweglich – er ist überströmendes Leben

Nehmen wir unser Menschsein als Verstehenshilfe: Man kann den dreifaltigen Gott in etwa mit unserem Verstand, unserem Herzen und unserem Leib vergleichen. Alle drei bilden eine Einheit und sind doch ganz verschieden. Jedes hat eine eigene Funktion. Unser Herz sagt manchmal zu unserem Verstand: „Nimm dich doch nicht so ernst, lass dich nicht zermürben, leb im Frieden mit dir selbst“. Und es ist gut, auf unser Herz zu hören. Ähnlich hört Gott auf sich – der Sohn auf den Vater, der Geist auf den Sohn. Wir sagen auch: Es ist wichtig, dass unser Verstand auf unseren Körper hört, auf die Zeichen und Signale unseres Körpers. Analog dazu: Als das Wort am Anfang war, hat es der Schöpfergott sich zu Herzen genommen und die Welt geschaffen. Gott ist nicht uneins in sich selbst (wie wir es manchmal sind), sondern handelt aus der inneren Zustimmung zu seinem Wesen. Er braucht uns dazu nicht und doch will er uns haben, weil er überströmende Liebe ist.

Weil Gott aber vollkommen ist, verschenkt er sich vollkommen

Weil nun Gott vollkommen ist, will er andere Wesen an seiner vollkommenen Liebe teilhaben lassen. Deshalb erschafft Gott die Welt und uns Menschen. Das ist seine freie Entscheidung. Gott braucht uns nicht, aber weil er vollkommene Liebe ist, genügt er sich mit seinem Gott-Sein nicht, er beschränkt sich nicht auf sich selbst. Gott lässt es nicht zu, dass nur er allein liebend lebt. Es ist der Aus- und Überfluss göttlicher Lieb. In dem, den wir Gottes Sohn, der nichts anderes als der Vater ist, geht Gott über alle Grenzen des Gott-Seins hinaus und lässt uns teilhaben an seiner Lebensfülle. Später erst erkennt er, wie er nicht anders kann, als uns aus unserer menschlichen Lieblosigkeit herauszuholen, aus unserer Selbstgenügsamkeit und Unzufriedenheit. Er will uns durch seinen Geist frei machen von unserer Ichbezogenheit, von unserer Schuld, die wir selbst nicht bewältigen können.

Der dreifaltige Gottes ist Antwort auf unsere vielfältigen Lebensfragen

In unserem Alltag ist es nicht so einfach, Gott so wahrzunehmen, wie er ist: dreifaltig. Wir alle haben mehr Grenzerfahrungen als Erfahrungen der Grenzlosigkeit, haben Schmerz- und Todeserfahrungen, haben Traum-- und Angstvorstellungen. Oft haben wir den Blick nicht frei für die schöpferische, tröstende und befreiende Liebe Gottes. Oft stehen wir Gott im Weg, wenn er sich uns mitteilen will. Aber gerade in der Öffnung unseres menschlichen Seins, unserer Grenzen und Leiden auf die Liebes- und Erlösungskraft Gottes hin gewinnen wir den weitesten Horizont, den wir uns vorstellen können und erreichen den tiefsten Grund unseres Lebens, der nicht wir, sondern Gott selbst ist. Durch die dreifältige Daseins- und Liebensweise Gottes wird deutlich, wie sinnlos und gottwidrig es ist, aus Verzweiflung oder Selbstanmaßung das Leben anderer Menschen zerstören zu wollen. Unsere Antwort auf Terror und Gewalt ist die Antwort des sich selbst verschenkenden dreifaltigen Gottes: Weil sich Gott aus innerster Selbstbejahung in seinem Sohn an uns verschenkt und durch seinen Geist alles Leben an sich zieht, können wir nicht verzweifeln, sondern nur liebend hoffen und glauben. Etwas Einmaligeres und Größeres gibt es nicht.

Klaus Beurle