Gott, was Gott gehört, dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ (Mt 22, 21)

 

Predigt am 19. Oktober 2014 um 10.45 Uhr Heilig Kreuz Zellerau

Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Dieses geflügelt gewordene Jesus-Wort scheint klar und eindeutig zu sein. So erscheint es uns, weil bei uns das Verhältnis von Kaiser, sprich: Staat und Gott, sprich: Religion gut geregelt ist. Wir bezahlen unsere Steuern wie selbstverständlich (weil es gesetzlich anders gar nicht geht) und geben damit dem Staat das, was wir ihm schulden. Doch geben wir auch Gott das, was wir ihm schulden? Da sieht es schon nicht mehr so rosig oder eindeutig aus. Wie uns das staatliche Gesetz zwingt, von unserem Einkommen Steuern zu bezahlen, so kann uns kein Gesetz zwingen, Gott zu „bezahlen“, was wir ihm schulden. Glaubensfreiheit und Religionsfreiheit sagen uns, dass wir Gott und der Religion gegenüber frei sind. Beten? Spenden? Gottesdienstbesuch? Gott schreibt uns dies per Gesetz nicht vor.

Doch Jesus hat es wohl wirklich so gemeint, wie er es ausdrückte: Wie wir dem Staat gegenüber verpflichtet sind, unseren Anteil abzugeben, so sind wir auch Gott gegenüber verpflichtet, ihm den Anteil abzugeben, der ihm zusteht. Tun wir das? Unsere Freiheit verführt uns, unseren eigenen Willen und nicht den Willen Gottes zu unserem Maßstab zu machen. Gott ist kein Steuereintreiber, kein Beamter. Er will, dass wir von Herzen und aus freien Stücken ihm das geben, was ihm zusteht: nicht um Gott zufrieden zu stellen, sondern weil es uns gut tut, Gott zu geben, was ihm gebührt – von Herzen zu lieben und einander zu dienen. Da aber liegt unsere Schwachstelle, vor allem unter uns Christen in den wohlhabenden Ländern. Denn wem gehört unser Herz? Woran hängt unser Herz? Doch allermeist an äußeren Dingen, an Erfolg und Reichtum, aber nicht an Gott.

Da hilft es uns, wenn wir uns an Christen erinnern, die es uns dies vorgelebt und es bis heute vorleben, was es heißt, Gott aus ganzen Herzen zu lieben und ihm mit Leib und Seele zu dienen. Wir haben diese Woche das Fest der hl. Teresa von Avila gefeiert: sie war eine mutige Frau, die den Mächtigen in Kirche und Gesellschaft trotzte: Solo dios basta, Gott allein genügt. Daraus hat sie ihre ganze Kraft geschöpft und sich von den Ansprüchen der Mächtigen nicht einschüchtern lassen.

Oder Ignatius von Antiochien, der so sehr von Christus erfüllt war, dass er dem Kaiser des Römischen Imperiums – Trajan II. war es - widersprach. Als der Kaiser Ignatius aufforderte, seinem Glauben abzuschwören, verweigerte er dies. Christus bedeutete ihm ein und alles. Deshalb wurde er im Kolosseum den Raubtieren zum Fraß hingeworfen; dadurch ist er zur Glaubensstärke und -nahrung vieler Menschen geworden.

Auch in heutiger Zeit gibt es Menschen, für die es das größte Glück ist, Christus gefunden zu haben und ihn in allem entdecken. „Unsere einzige Lebensaufgabe ist die Liebe“, schrieb Madeleine Delbrel, die französische Sozialarbeiterin und Mystikerin der Straße. Von Mutter Teresa, Erzbischof Romero, Abbe Pierre u.a. lässt sich dasselbe sagen: Wer Gott durch liebende Hingabe an andere zurückgibt, was er uns gegeben hat, wird zum Segen, zur Glaubenssaat für andere.

Jesus von Nazareth hat uns mit seinem Kaiser-Gott-Vergleich noch etwas ganz Anderes, ganz Neues gebracht: nämlich die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht. Die Pharisäer wollten Jesus aufs Glatteis führen. Hätte Jesus auf den Hinweis, die beiden Seiten der Münze anzusehen, geantwortet: Ihr müsst nur Gott, nicht aber dem Kaiser dienen, also auch keine Steuern bezahlen, dann hätten sie ihn als Rebell gegen die römische Besatzungsmacht angeklagt und verurteilt. Jesus verstand ihre Tücke: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“ Er wollte nicht die Staatsmacht auflösen oder zersetzen, sondern das Reich Gottes mitten im Staat aufbauen.

Doch damit stoßen wir auf ein trauriges Thema unserer Tage: Die Weisung Jesu, zwischen Gott und Staat zu unterscheiden, gefällt jenen Extremisten in keiner Weise, die einen Gottesstaat ausgerufen haben und seither mit unfassbarer Gewalt gegen Menschen vorgehen, die sich ihren abscheulichen Vorstellungen widersetzen. Die ganze Welt ist seither beunruhigt, in erster Linie Christen, Kurden und Jesiden im Irak und Syrien, die seit dem Aufkommen des islamistischen Terrorismus unsäglichen Leiden ausgesetzt sind. Sogar bis in unser Land hinein findet die Hasspropaganda der sog. Gotteskrieger vereinzelt Zustimmung. Wie können mit dieser Bedrohung umgehen?

Wir sollten unsere Augen davor nicht verschließen und uns unsere Lebensbejahung und Glaubensfreude auch nicht verderben lassen. Aber wir können als Christen der Frage nicht ausweichen, wie wir uns Menschen gegenüber verhalten sollen, die mit inakzeptablen Gottesvorstellungen viel Leid und Unheil verbreiten.

Oft haben wir Christen uns in der Vergangenheit auch nicht viel anders verhalten: Kirche und Staat haben in Europa lange Zeit gemeinsam regiert und gemeinsam angeordnet, was die Menschen zu tun und zu glauben haben. Die Religionskriege der Christen waren barbarische Kriege. Doch wir haben aus den Fehlern unserer Geschichte gelernt. Wird dies auch den Muslimen gelingen? Die Mehrheit von ihnen lehnt religiöse Gewalt ab. Viele islamische Staats- und Religionsführer denken und handeln jedoch immer noch so, als lebten sie im Mittelalter. Der Koran bedarf einer zeitgemäßen Deutung, damit wir in Frieden zusammen leben können.

Im Thessalonicherbrief, 20 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung geschrieben, dankt Paulus den Christen in Thessaloniki dafür, dass sie durch „Opferbereitschaft der Liebe und durch standhafte Hoffnung“ (1 Thess 1,4). Zeugnis für den wahren Gott gegeben haben. Durch ihr Glaubenszeugnis ist aus der kleinen Zahl gewaltfreier und politisch machtloser Christen die Kirche gewachsen, die Quelle der Hoffnung für viele geworden, die in Unterdrückung und Bedrängnis leben - Hoffnung, dass am Ende der Zeiten Gott alles richten wird und richtig stellen wird. Der Weg dazu ist die Liebe, die alles erträgt und sich selbst an andere verschenkt. Erst am Ende der Zeiten werden die Völker erkennen, dass es nur einen wahren Gott gibt: Gott, der das Leben, das Glück und Heil aller Menschen will. Denn Er ist grenzenlose Liebe, freie Liebe, zu freier Gegenliebe einlädt.

Klaus Beurle