Pakistan

PAKISTAN –
ein Volk lässt aufhorchen


Pakistan gilt als ein Land, das in Terrorismus und politisches Chaos versunken ist. Für die Wahlen am 11. Mai hatte man aus westlicher Sicht nur Schlimmes befürchtet. Doch die Pakistaner haben aufhorchen lassen. Sie haben Selbstvertrauen bewiesen. Über 60% der Wahlberechtigte, die sich durch den blutigen Terror der Taliban nicht einschüchtern ließen, gingen zur Wahl.

 

Es gibt mehr als Terror“, so hatte die Würzburger MAINPOST in einer Headline am 16. Januar die Eindrücke eines aus Pakistan Zurückgekehrten wiedergegeben. Die pakistanische Bevölkerung erinnert sich sehr wohl daran, dass die Taliban unter Bin Laden von den USA, damals im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan, aufgebaut worden waren. Begonnen hatte der Terror 1977 mit dem von den USA lancierten Militärcoup durch General Zia ul Haq. Der spätere Diktator sollte mit dem Aufbau Islamschulen (Madrassas) für die Frommen die Sowjets in Afghanistan bekämpfen und zugleich das säkulare Indien in Schach halten.

Seitdem schwebt der pakistanische Staat, der bisweilen bereits als gescheitert erklärt wird, in einem Trancezustand volksentfremdeter, korrupter Regierungen, die auf amerikanischen Geheiß und mit den entsprechenden Finanzmitteln Terroristen sowohl überwachen als auch vernichten sollen, um die einmal gerufenen Geister wieder los zu werden. Nur mit dieser absurden Strategie konnte sich bis 2011 Bin Laden, auf dessen Taliban-Regime sich die USA seit 2001 stützte, in seinem pakistanischen Anwesen in Abbottabad schadlos halten. Opfer der Außenpolitik Amerikas ist bis heute die pakistanische Bevölkerung.

Die Pakistaner haben am Wahltag bewiesen, dass die Taliban nicht repräsentativ sind für ihr Volk und dass sie sich ihnen nicht beugen wollen. Diszipliniert standen sie vor den Wahllokalen, Jung und Alt, Islamisten und Säkulare - Frauen und Jugendliche so zahlreich wie nie zuvor. Die Wahlen verliefen im Großen und Ganzen friedlich, obwohl es, widersprüchlich genug, auch am Wahltag einen Terroranschlag mit 24 Toten gab. Die internationale Wahlkommission bezeichnet die Wahlen als „frei und fair“ – ein Indiz dafür, dass das Volk etwas anderes will als Diktatur, Misswirtschaft und Gewalt.

Abgewählt wurde Ministerpräsident Asif Ali Zadari, der Ehemann der ermordeten Benazir Bhutto, der sich nicht nur äußerst korrupt, sondern auch unfähig war, das Land zu regieren. Eine der mächtigen Dynastien - Bhutto-Dynastie – ist damit erledigt. Aus der Wahl sind zwei Mitte-Rechts-Kandidaten als Sieger hervorgegangen: Nawaz Scharif und Imran Khan. Khan hat sich als Kricket-Star in die Politik eingeschaltet und die urbane Jugend für ein demokratisches Pakistan mobilisiert. Er hat gut abgeschnitten, aber nicht gut genug, um Regierungschef in Islamabad zu werden. Doch ist er davon überzeugt: Wir haben einen demokratischen Prozess gestartet. Unsere Partei ´Bewegung für Gerechtigkeit´ hat sich als politische Kraft etabliert. Wir werden im nationalen Parlament in die Opposition gehen und die nötige Kontrolle ausüben, die eine Demokratie braucht". Den guten Willen sollte man dem Neuanfang nicht absprechen. Doch wo soll eine Wende herkommen, wenn politische Reformen und wirtschaftliche Investitionen nicht in Sicht sind? Der Islam wird auch hier nicht – so wenig wie in Ägypten – die Lösung sein.

Scharif hat die meisten Stimmen bekommen und sich zum Sieger erklärt. Er ist ein erfahrener Politiker, war schon zweimal Premier, konnte in seinen Amtszeiten jedoch wenig Positives aufweisen. Er gilt indessen als wirtschaftlich initiativ und kompetent, an Ehrgeiz fehlt es ihm nicht. Seine Partei, die Muslimliga, gilt als Partei des Wirtschaftswachstums und der Energiesicherheit. Die Probleme, die sich seiner Regierung stellen, sind zweifellos unermesslich: wirtschaftliche Stagnation, Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, mangelndes Steuermanagement, Energiekrise, ethnisch-religiöse Konflikte, Terrorismus… Der Standard westlicher Demokratien erscheint noch lange unerreichbar, was für nahezu alle islamischen Staaten gilt.

Imran Khan hatte stark auf die anti-amerikanische Karte gesetzt. Er weiß, dass demokratisch gesinnte Pakistaner sich der Entstehung der Taliban erinnern und sich gegen die fortgesetzte Bevormundung durch Amerika zur Wehr setzen wollen. Neuerdings schüren die Stützpunkte auf pakistanischem Boden für amerikanische Drohnenangriffe auf Afghanistan den Anti-Amerikanismus und geben dem Terrorismus Auftrieb. Was anderes als die Religion konnte Imran Khan als Gegenkraft zu den USA ins Feld führen? Fundamentalist ist der welterfahrene Khan deswegen noch lange nicht.

Die großen Gewinner der Wahl sind die pakistanischen Wähler selbst, die den blutigen Terroranschlägen der Extremisten getrotzt haben. Sie hoffen, dass die zunehmenden zivilen und kulturellen Kontakte zur indischen Bevölkerung und die wirtschaftlich wachsende bilaterale Kooperation zwischen beiden Ländern trotz gelegentlicher Rückfälle weiter ausgebaut werden und für weitere Entspannung sorgen. Dafür weckt, bei allen anderen Zweifeln, die Regierung Scharif Hoffnung. Pakistan wird dessen ungeachtet noch lange ein Land extremer Widersprüche und immer wieder aufflammender Gewalt bleiben.

Religion wird in der Politik des pakistanischen Gottesstaats wie bisher eine entscheidende Rolle spielen. Doch es handelt sich in Pakistan nicht um einen fundamentalistischen Islam, wenn auch der Mob zu sinnlosen Aktionen angestachelt werden kann. Obwohl die Christen in Pakistan, die ungefähr - niemand weiß es genau - 1% - 2% der Gesamtbevölkerung von 180 Millionen ausmachen, starken Benachteiligungen ausgesetzt sind, wird ihnen volle Religionsfreiheit zugestanden. Die meisten Christen pflegen gute Beziehungen zu ihren muslimischen Nachbarn, Frauen bewegen sich frei in der Gesellschaft, andere Religionen sind akzeptiert, von der Religionsgemeinschaft der Ahmadiyya abgesehen, die für die Wiederherstellung der ursprünglichen Lehre des Islam eintritt und von den Sunniten als Bedrohung angesehen werden. Der pakistanische Islam ist dennoch weit entfernt vom repressiven, intoleranten arabischen Islam, wie er von Saudi-Arabien und den Emiraten praktiziert und weltweit verbreitet wird. Dort liegen die Keimzellen des aggressiven, intoleranten Islam. Doch gerade die islamischen Hardliner-Staaten, die den rigorosen Islam unterstützen, sind politische Freunde und bevorzugte Handelspartner des Westens, einschließlich Deutschlands. Pakistan braucht Freunde, die Schluss machen mit dem Klischee, Pakistaner seien von ihrer Religion her gewalttätig und zur Demokratie unfähig. Auch wenn der Weg zur Demokratie noch weit ist, hat die pakistanische Bevölkerung Mut zur Demokratie bewiesen und solidarische Freunde verdient.

Klaus Beurle