Ökumenischer Asylkreis

Flüchtlinge vor unserer Tür

 

Würzburg ist Zentrum der staatlich-unterfränkischen Flüchtlingsbetreuung. Die Flüchtlinge – zuvor Asylanten, dann Asylbewerber genannt – sind in einer ehemaligen amerikanischen Garnison vor den Türen der Stadt untergebracht. Sie wird staatlicherseits heute nicht mehr Sammelunterkunft, sondern Gemeinschaftsunterkunft (GU) genannt. Doch ist dort, wie Flüchtlinge bestätigen, keine Spur von Gemeinschaft.

          Derzeit leben etwa 450 Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen in der GU unter einem Dach. Es sind Menschen, die Bedrohung, Verfolgung oder Hunger in ihrer Heimat entflohen sind. Heimatlosigkeit, Einsamkeit, Perspektivlosigkeit, Traumata lasten schwer auf ihren Seelen. Isaa Yakubu beschreibt in Stadt der Gesichtslosen seinen Alltag:

„Ich habe nur dieses eine Leben auf dieser einen Erde, und doch zerrinnt es, Tag für Tag, bestimmt von Sorgen, Angst, Stress und Grübelei. Warum geschieht dies alles? Warum lässt man mich nicht leben in Frieden und Wertschätzung? Die Entscheidung über mein Leben ist mir aus der Hand genommen, andere bestimmen nun über mein Schicksal. Als ein Flüchtling, der bereits seit Jahren in einem Flüchtlingslager wohnt, habe ich viele entmutigende Erfahrungen machen müssen. Der einzige Freund, mit dem ich sie hier im Lager teilen kann, ist der zerbrochene Spiegel. Wenn ich mich darin anschaue, kommt mir Vieles in den Sinn: Erinnerungen, Bilder aus der Kinder- und Schulzeit, von der Familie und aus dem Dorf, von Freunden und meiner Arbeitsstelle bis zu meiner Heimat im Allgemeinen. Und dann drängt sich dieses Bild in den Vordergrund von meinem Alltag im Lager: essen und schlafen, essen und schlafen… Ich besuche meinen zerbrochenen Spiegel oft, besonders spät abends. Manchmal lache ich laut auf, wenn ich mich darin ansehe: Wow! Was ein wunderbarer junger Mann in diesem Splitter von Spiegelglas! Doch dann wieder diese Traurigkeit und Erschöpfung. Ich frage mich, ist das wirklich mein Leben?“

 

Sie können diesen Text nachlesen im Heimfocus, Nr. 9, 04 / 2012der einzigen Zeitschrift in Deutschland, die Flüchtlingen eine Stimme gibt (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Ökumenischer Asylkreis Würzburg

Seit gut zehn Jahren arbeite ich im Ökumenischen Asylkreis Würzburg mit.. Wenn ich ein paar Stunden in der GU mit Flüchtlingen verbracht habe, mit Männern und Frauen aus dem Irak oder Iran, aus Äthiopien, Eritrea, Nigeria oder China zu sprechen versucht habe, gehe ich mit einem gespaltenen Herzen zurück in meine kleine, heimelige Wohnung – überwältigt von der Lebenskraft der Flüchtlinge und ihrem Mut zum Überleben, - mit halb depressiven Gefühlen, wenn ich an die Lebensverhältnisse der Flüchtlinge denke und meine Ohnmacht verspüre, an ihrem Schicksal, fast nichts verändern zu können. (www.klaus-beurle.de/öak)

Würzburg hat jüngst zu Flüchtlingsthemen immer wieder Schlagzeilen gemacht: Selbstmord eines Iraners in der GU, Protestmarsch von Würzburg nach Berlin gegen die deutsche Asylpolitik, monatelanger Zeltstreik einer Gruppe von Iranern in der WürzburgerInnenstadt, Aufschrei wegen lebensbedrohlicher Zwangsabschiebung einer tschetschenischen Familie, Interventionen von Asylgruppen gegen die bayerische Asylpolitik. In christlichen Gemeinden begegnen wir eher Misstrauen oder massiver Ablehnung gegenüber Flüchtlingen. Manchmal wünsche ich mir ein ökumenisches Wort der deutschen Bischöfe gegen ausländerfeindliche, Strömungen in unserer Gesellschaft und für die Menschenwürde der Flüchtlinge mitten unter uns. Oder reicht es, dass wir uns mit den Flüchtlingen vor Ort solidarisieren, ihre Lebenssituation ein wenig mit aushalten und uns, soweit möglich, lokal und landesweit in die Asylpolitik einmischen?

Es war ermutigend, dass das Bundesverfassungsgericht im Juli d.J. unmissverständlich feststellte, dass allen Menschen dieselbe Menschenwürde zusteht, Deutschen und Nichtdeutschen - allen, unabhängig davon, ob sie seit kurzer oder langer Zeit in unserem Land leben. Deshalb, so das Bundesverfassungsgericht, haben alle Menschen Anrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum. In Folge dieses Urteils wurden die die Zuwendungen für Flüchtlinge denen von Hartz IV-Empfängern angeglichen. In Bayern müssen sie aber leider immer noch von Essenspaketen leben. Daher erhalten sie statt des vollen Hartz IV-Satzes nur Euro 134,00). Das hat wiederum neue Ängste und Debatten in der Bevölkerung wach gerufen, als würden wir jetzt Flüchtlinge zu uns einladen. Nicht selten verbreiten Medien den Eindruck, als nehme die Zahl der Flüchtlinge bedrohlich zu. Im Jahr 2011 wurden 45.741 Asylanträge gestellt, womit es elf Prozent mehr waren als im Vorjahr. Weit ärmere Länder wie Jordanien, Libanon, Türkei oder Tunesien haben unvergleichlich mehr Flüchtlinge aufgenommen. Mediale und politische Stimmungsmache verstärken die Vorurteile gegen Flüchtlinge.

Wir sind uns aber auch darüber im Klaren, dass eine unkontrollierte, naive Asylpolitik rechtsradikale und nationalistische Kräfte in unserem Land auf den Plan ruft und so den sozialen Frieden gefährdet. Deutschland kann nicht unbegrenzt Menschen aus allen Krisen- und Konfliktgebieten der Welt aufnehmen. Doch müssen Menschen, die oft unter Todesgefahr den Weg zu uns gefunden haben, menschenwürdig behandelt werden und dürfen nicht unter Scheingründen abgeschoben werden.

Deutschland hat während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 eine größere Zahl von Flüchtlingen aufgenommen. Doch als der Krieg formell zu Ende war, das Land Bosnien-Herzegowina aber noch lange nicht befriedet war, wurden Bosniaken und Kroaten gezwungen, in ihre Heimat zurückzukehren. Erneut dem wahrscheinlichen Tod ausgeliefert, mussten viele bosnische Flüchtlinge Deutschland verlassen und in andere westliche Länder fliehen.

Spannung zwischen Missionsauftag und religionsneutraler Sozialarbeit

Im Bosnienkrieg prallten auf grausame Weise Kulturen und Religionen aufeinander. Um die Wahrnehmung verschiedener Kulturen und Religionen geht es auch in der GU Würzburg. Religionen stehen nicht im Vordergrund, aber sie sind in ihrer Unterschiedlichkeit spürbar. Sie können ertragen und sogar anerkannt werden. Manche Freikirchen oder Einzelpersonen mit evangelikalem oder ultrakatholischem Hintergrund betätigen sich missionarisch. Unser Arbeitskreis ist der festen Überzeugung, dass Asylarbeit und Missionsarbeit streng voneinander zu trennen sind. Daran halten wir uns.

Dennoch habe ich in der Osternacht 2010 vier Iraner im Ostergottesdienst der Kuratie Heilig Geist getauft. Die Kuratie liegt vor den Toren der GU. Vier Iraner wollten – mehr oder weniger vorbereitet - Christen werden. Die Gemeinde hat das Ausnahmeereignis mitgefeiert; es wurde deutsch und persisch gesprochen, gebetet und gesungen. Es war eine Osternacht eigener Art.

Die Spannung zwischen christlichem Missionsauftrag und religiös neutraler Sozialarbeit muss ausgehalten werden. Auch Flüchtlinge haben das Recht zur Konversion. Doch sollte dieses Recht künftig entsprechend den neu entwickelten Richtlinien der Katholischen Kirche im Bistum Würzburg nur dann wahrgenommen werden, wenn die Katechumenen in einer christlichen Gemeinde aufgenommen und langfristig begleitet werden. Das Risiko bleibt, dass sie auf ihrem Weg Benachteiligungen erfahren, sie nach Ablehnung ihres Asylantrags in ihr Heimatland zurückkehren müssen und mit allen Konsequenzen der dortigen Gesetzgebung konfrontiert werden. Christen tragen deswegen auch Verantwortung für künftig mögliche Ressentiments, die die meisten Asylbewerber in ihrer Situation kaum übersehen können.

An Asylarbeit und Flüchtlingsbetreuung beteiligen wir ausschließlich um der Menschen willen und ihrer religions- und kulturüberschreitenden Menschenwürde wegen. Unsere Motivation schöpfen wir aus unserem christlichen Glauben. Anlässlich der Ökumenischen Friedensdekade im vergangenen November haben wir unter dem Thema „Flüchtlinge zu uns“ in der Würzburger Marienkapelle erläutert, worum es uns geht: um Begegnungen mit Asylsuchenden, um Informations- und Planungsforen rund um die GU, um Sprachförderung durch Deutschunterricht für Gruppen und Einzelne, um Begleitung von Flüchtlingen bei Behördengängen, Arbeits- und Wohnungssuche, um Zusammenarbeit mit anderen engagierten Gruppen und Organisationen und um Gespräche mit Gemeinden, Kirchen und der Regierung von Unterfranken.

Eine Vision

Wir haben eine Vision, von der wir uns leiten und von der wir uns nicht abbringen lassen, auch wenn die Ungleichheit in der Welt fortbestehen wird. Es wird Neues kommen, das Vera Krause bei der Misereor-Aktion 2011unter dem Leitwort „Menschenwürdig leben. Überall“ in unserem Glauben begründet sieht:

 

Profis
In der Entwicklungszusammenarbeit
Meister
der Wohltätigkeit
Weltmeister im Spenden
Doch
wie lernt man
die zu sehen
die man lieber nicht sieht
denen zuzuhören
die man eher überhört
sich für die einzusetzen
die niemals etwas zurückzahlen können
Lade die ein
deren Freundschaft niemandem nützt
          sagt Jesus
und nimmt Platz
am Tisch der Ausgegrenzten
zum Mahl
bei dem alle satt werden.

Klaus Beurle