Ökumenischer Asylkreis

Bedrängender Flüchtlingsansturm

Was muss anders werden?

 

Der nicht enden wollende Flüchtlingsstrom bringt uns in arge Bedrängnis. Schätzungsweise 800 000 Menschen werden laut Innenminister in diesem Jahr in Deutschland Zuflucht suchen. Dies ist eine Herausforderung, stellt die Bundeskanzlerin fest, die schwerer zu bewältigen ist als die Euro- oder Griechenlandkrise. Wir alle leben nach Papst Franziskus in „einem gemeinsamen Haus“, das erschüttert und vom Einsturz bedroht ist.

 Was aber hat den plötzlichen Ansturm von Flüchtlingen ausgelöst? Was ist falsch gelaufen? Was muss sich ändern?

Offensichtlich ist, dass wir in Deutschland bzw. in Europa an Grenzen stoßen und der Flüchtlingsstrom zu einer nationalen und kontinentalen Zerreißprobe geworden ist. Politiker erscheinen hilflos. Staatliche Bürokratien und freiwillige Helfer/innen sind überfordert. Besonders alarmierend sind die vielen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und die zunehmenden Straßenkämpfe. Der soziale Friede ist gefährdet und dabei haben wir noch keine Antwort auf die Notrufe der Flüchtlinge gefunden.

 Die Fluchtursachen sind unterschiedlich: Krieg, Terror und Verfolgung einerseits - Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit andererseits. Vielen Flüchtlingen müssen wir Asyl gewähren: unser Grundgesetz und unsere mitmenschliche Verantwortung verpflichten uns dazu. Armutsflüchtlinge, etwa aus dem Balkan, müssen wir rechtlich gesehen nicht aufnehmen. Doch auch die Not unserer europäischen Nachbarn ist groß.

 Feststeht jedenfalls: So lange im Nahen Osten - in Syrien mit bereits 250 000 Kriegsopfern, im Irak, in Libyen - Gewalt, Terror und Krieg regieren, so lange afrikanische Völker unter staatlicher Willkür, Anarchie und Unterdrückung leiden und so lange Ost-Europäer, durch Korruption und Misswirtschaft bedingt, keine Arbeit und keine Lebensgrundlage in ihrem Land finden..., so lange werden Hunderttausende von Menschen in Europa, vor allem in Deutschland Zuflucht und Rettung suchen.

 

Ursachenbekämpfung wird gefordert - sie ist wahrlich erforderlich. Doch staatliche und zivile Entwicklungs- und Wirtschaftshilfe für arme Länder, wenngleich notwendig, greifen meist erst nach vielen Jahren - oder greifen überhaupt nicht, wenn Millionenbeträge in die Taschen von Regierenden verschwinden. Noch dringender sind Friedensinitiativen und Konfliktvermittlungen, wenn nur die Vereinten Nationen oder andere Institutionen die dafür benötigte Autorität und Unterstützung hätten. Es wird tragischerweise wohl noch viel Blut fließen, bis sich im Nahost-Machtkampf friedliche Lösungen abzeichnen. Zu verhärtet, zu irrational aufgepeitscht und religiös verdorben sind die Ideologien der Kriegsführenden, die im Fall von IS selbst vor satanischen Gräueltaten nicht zurückschrecken. Es macht bedenklich, dass es am Beginn des Afghanistan-und Irakkriegs etwa hundert Terroristen gab, während uns heute Hunderttausende von Terroristen bedrohen. Die wirtschafts­orientierten Expansionsansprüche der Westmächte und die fatale Erzfeindschaft zwischen shiitischen und sunnitischen Muslimen haben zu der Verwirrung und Tragödie geführt, die heute unzählige Menschen in die Flucht treiben. Ursachenbekämpfung ist angesagt, aber eben leicht gesagt. Jeder tote Flüchtling ist indessen eine Niederlage der Menschlichkeit.

 

Erforderlich sind sicherlich die Aktualisierung des deutschen Asylgesetzes, die rasche Ausarbeitung eines für unsere gesellschaftliche Zukunft notwendigen Einwanderungs­gesetzes und die fast utopisch erscheinende Einigung der Regierungen Europas auf ein europäisches Asylgesetz. Die Verzweiflung der Flüchtlinge und die Bewahrung des sozialen Friedens erlauben jedoch keinen Aufschub. Werden Vernunft oder Egoismus siegen?

 

Vieles muss sich ändern, schnell ändern. Doch Friedensstiftung und Armutsbekämpfung erfordern viel, allzu viel Zeit. Die Sehnsucht nach Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden ist jedoch unendlich groß ist. So lange aber Waffen nicht ruhen, wirtschaftliche Ausbeutung gang und gäbe ist und Despoten die Würde ihrer Untertanen mit Füßen treten, so lange werden Menschen mit dem Risiko des eigenen Lebens nach Fluchtwegen suchen. Die Geschichte fordert von Macht und Reichtum einen hohen Tribut.

 

Deutschland hat in Europa neben Schweden und Österreich die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Das Traumland unzähliger Menschen heißt - Deutschland. Sie hoffen - utopisch oder nicht - an den Vorteilen und Errungenschaften der deutschen Nachkriegs­gesellschaft teilzuhaben – an unserem Wohlstand, an sozialer und rechtlicher Sicherheit, an Freiheit, Menschenrechten und Sozialleistungen, an unseren (bei wenig Korruption) funktionierenden wirtschaftlichen und politischen Strukturen... Wir sind sicher und reich.

 

Die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit ist inzwischen emotional aufgeladen, sie polarisiert sich mehr und mehr. Schwarz-weiß Schablonen dominieren: alles oder nichts, für oder gegen Flüchtlinge. Differenzierende Sachdebatten sind die Ausnahme. Die Würde des Menschen steht auf dem Spiel – sie fällt jedoch nicht unter den Vorbehalt „es sei denn, es sind zu viele“. Jeder Flüchtling ist ein Juwel, ein wertvoller Mensch. Flüchtlingssolidarität ist bei uns immer noch größer als Ausländerfeindlichkeit. Nach dem jüngsten Politbarometer glaubt die Mehrheit der Deutschen, mit „dem Flüchtlingsstrom fertig zu werden“. Es war denn 12 Millionen Flüchtlinge, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen haben...

 

Was muss sich ändern? Was kann nicht weitergehen wie bisher? Wir kommen nicht umhin zu lernen, neu zu denken, unsere Lebensmaßstäbe zu revidieren, interkulturell miteinander leben und mit verschiedenen Ethnien gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung über­nehmen. Ethische und spirituell-religiöse Werte und Orientierungen sind dafür grundlegend.

 

Was können Einzelne tun? Jede/r kann dazu beitragen, differenzierte Beiträge in die öffentliche Diskussion einzubringen und sich gegen schwarz-weißen Stammtischparolen zu wehren. Rassistische und ausländerfeindliche Stimmungen dürfen wir nicht aufkommen lassen. Es ist notwendig, dass freiwillige Helfer und Gruppen sich vernetzen und sich zusammen mit Hilfsorganisationen mehr Gehör verschaffen bei schwerfälligen, am Gesetz klebenden staatlichen Bürokratien. Ich kann Einspruch bei der Landesregierung erheben gegen jahrelang schwebende Asylverfahren von Afghanen und Iranern; ich kann gegen die Abschiebung eines Schwerkranken aus dem Balkan protestieren. Aller Vergeblichkeit zum Trotz können wir aufstehen. Die Kirchen sollten nicht müde werden, sich selbst und ihre Gemeinden auf ihre leibhaftige Solidarität mit Flüchtlingen zu befragen und sich konkret in Gottesdiensten und Sozialdiensten noch mehr auf die gegenwärtige Herausforderung einlassen. Unser Glaube, unsere Kultur und unser Menschsein stehen auf dem Prüfstand.

Klaus Beurle