Interreligiöser Gesprächskreis

Religionen der Flüchtlinge. Tatsachen, Erfahrungen, Reflexionen

24. Okt 2017 Interreligiöser Gesprächskreis Würzburg - Bosnischen Moschee Zellerau

 

Wir leben in einer dramatischen Umbruchsituation: Umbrüche, Zusammenbrüche, Aufbrüche ereignen sich überall. Risse und Wunden, krasseste weltweite Gegensätze: Hunger, Flucht, Menschenverachtung und dazu Ausbeutung, Luxus, Überfluss.

Deutschland erfährt diese weltweiten Gegensätze und Zerreißproben durch nichts mehr als durch die Flüchtlingsströme. Die Frage ist: Welche Religionen brachten Flüchtlinge in unser Land? Was bedeuten die Religionen den Flüchtlingen? Welche Rolle spielen Religionen im Leben der Flüchtlinge? Hat die Art, wie Flüchtlinge ihre Religionen praktizieren, mein Verhältnis zur Religion verbessert oder verschlechtert?

 

1. Vorläufer der Flüchtlinge sind die sog. Gastarbeiter – Italiener, Türken, Jugoslawen… Die meisten Gastarbeiter gingen nicht zurück in ihre Heimat, sondern blieben in Deutschland, ihre Familien kamen nach. Etwa 700 000 Türken fanden nach dem Abwerbeabkommen von 1961 Arbeit in deutschen Unternehmen. „Gerufen hatte man Gastarbeiter – gekommen sind Menschen“, schrieb Mak Frisch bereits 1965 - Menschen mit ihrer Kultur und Religion, mit ihrem ganz spezifischen Religionsverständnis und Religionsverhalten.

 

2. Parallel zu den Flüchtlingen kamen und kommen Studenten bzw. Stipendiaten in unser Land - gleichfalls mit ihrer jeweiligen Kultur und Religion. Ich habe in Würzburg eindrucksvolle Erfahrungen mit jungen hinduistischen Stipendiaten gemacht. Junge Konfuzianer aus China und Schintoisten aus Japan habe ich an der Musikhochschule kennen und schätzen gelernt. Über Religion zu sprechen legte sich selten nahe. Auch junge Atheisten aus Übersee sind mir begegnet.

 

3. Die ersten Asylsuchenden Flüchtlinge – also in ihren Heimatländern aus politischen oder religiösen Gründen Unterdrückte oder Verfolgte - habe ich von 2001 an durch den ÖAK (Ökumenischer Asylkreis) im Gemeindehaus der Kuratie Heilig Geist in Unterdürrbach kennengelernt. Vor den Toren der GU Würzburg hatten ökumenisch gesinnte Christen wöchentlich einen Tee-Abend für die Insassen der Asylanten-Gemeinschaftsunterkunft angeboten. Meist in kleiner Zahl kamen Flüchtlinge aus Osteuropa, den Balkanstaaten; aus der ehem. Sowjet Union, vor allem Tschetschenen, aus China, aus dem Iraq und der Türkei, aus Äthiopien und Eritrea. Die Flüchtlinge waren meist schüchtern. Wir hielten uns sehr zurück, nach Fluchtursachen der Asylanten zu fragen. Religion war nahezu kein Thema.

 

4. Balkanflüchtlinge sind uns vor allem durch Bosnier (Bosniaken) bekannt geworden, die dem ethnisch motivierten Krieg von 1992-1995 entflohen waren. Der Austausch mit ihnen war von Anfang an offen und freimütig. Tabus gibt es keine. Imam Zahid Durakovic und seine Gemeinde stehen für einen offenen, dialogbereiten, regierungsunabhängigen und humanen Islam. An Fastenbrechen, Eid al-Fitr und Freitagsgebet nehme ich immer wieder teil, mit einigen wenigen Christen.

 

5. Durch den großen Flüchtlingsstrom von 2015/16 hat sich vieles verändert. Über eine Million Flüchtlinge suchten den Weg nach Europa, vor allem nach Deutschland. Europa wurde erschüttert. Aktionen des Willkommens und der Ablehnung wurden unternommen. Unvermittelt wurden traditionelle europäische Christen mit Menschen anderer Kulturen und Religionen konfrontiert. Die Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen hat den Bundestagswahlkampf im September d.J. wesentlich beherrscht.

 

6. Die größte Anzahl der Flüchtlinge sind ihrer Religion nach Muslime. In Deutschland leben inzwischen etwa 4,4 – 4,7 Millionen Muslime, 5,4 – 5,7% der Gesamtbevölkerung (Erhebung 2015). Immer wieder beschäftigt sich die deutsche Öffentlichkeit mit Fragen, die durch die starke Präsenz von Muslimen ausgelöst werden: Moscheebau, Minarette und Muezzine, Kopftuch und Beschneidung, Schächten, Schwimmkleidung, Ehrenmorde, Terrorismus… Nach dem 11.September 2001 hat sich die Auseinandersetzung wesentlich verschärft.

 

6.1. Muslimischen Flüchtlinge: glaubensstark, indifferent, suchend

Wie leben Muslime ihren Glauben? Mit Flüchtlingen aus Afghanistan, dem Kosovo, Syrien, Pakistan und Tunesien bin ich seit Jahren in enger Verbindung. Sechs von ihnen begleite ich durch wöchentliche Gespräche, sie leisten Freiwilligenarbeit.

>In der bosnischen, arabischen und Ahmadiyya Moschee habe ich Muslime kennen gelernt, die tief von ihrem Glauben überzeugt sind und die glaubensfest sind. Sie gestalten ihren Alltag aus ihrem Glauben und erfüllen die Gebote des Islams. Sie haben keine Berührungsängste anderen Religionen gegenüber, sind dialogbereit.

>Die zahlreichen jungen betenden Muslime in der arabischen und bosnischen Moschee berühren mich sehr. Ich denke dann an die jungendleeren christlichen Kirchen! Dass es in Würzburg noch keine Moschee für diese Muslime gibt, ist ein Skandal!

>Ich habe auch einige muslimische Flüchtlinge kennen gelernt, die ihrer Religion gegenüber indifferent sind und denen ihre Religion nichts bedeutet. Besonders negativ und ablehnend sind junge Iraner dem Ayatollah-Islam im Iran gegenüber.

>Es gibt einige wenige muslimische Flüchtlinge, die zu Konversion neigen bzw. zum Christentum konvertiert sind. Ich habe vor wenigen Jahren vier iranische Flüchtlinge getauft. Da kommen mir die jungen Deutschen in den Sinn, die sich den ISIS Kämpfern in Syrien angeschlossen haben und zum „Islam“ konvertiert sind.

Schwierigkeiten habe ich häufig mit türkisch-stämmigen Muslimen.

>Ein nationalistisches, regierungsabhängiges Islamverständnis tut sich schwer mit offenherzigen Dialogbegegnungen. (vgl. Erdogan-Referendum). Die ACIB (AG von Christen und türkischen Muslimen) wurde nach fünfjähriger Tätigkeit 2012 aufgelöst.

 

7. Was bedeuten die Religionen der Flüchtlinge für uns?

- Viele Flüchtlinge bestärken mich durch ihre Glaubensfestigkeit in meinem Glauben.

- Verbindende und trennende Wertvorstellungen will ich erkennen, Gutes vertiefen.

- Verschiedenheit anerkennend wünsche ich, einmütig für das Wohl unserer Mitmenschen arbeiten. Bosnische Moschee, am 26.10.17 Klaus Beurle