Interreligiös

Glaube/Perspektive

Mein Volk – mein Ein und Alles

Immer wieder gibt es Menschen, die das eigene Volk für etwas Einmaliges und über allem anderen Stehendes halten. Die Sendung des von Jahwe einmalig auserwählten Volkes besteht darin, Segen für alle Völker zu sein - so schon in Gen 12,2-3. Die Erwählung des Volkes Israel ist verknüpft mit seiner universalen Sendung. Allerdings kam die universale Sendung Israels erst voll zur Entfaltung, als einige Juden dem auferstandenen Jesus als dem Messias Glauben schenkten. Im Neuen Testament wird Völker-Feindbildern kräftig entgegengesteuert, etwa in der Bergpredigt (Mt 5,44 f.): Gott begegnet allen Menschen – und damit allen Völkern – mit gleicher Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Die Anhänger des Gottesreiches sind Fremdlinge und Gäste auf Erden; ihre Heimat ist im Himmel (vgl. Hebr 11,9.13; Phil 3,20). Die Ausweitung der Sendung der jüdischen Jünger (Mt 10,5ff.) auf alle Völker (Mt 28,19) ist wohl als Entwicklung des Volks- und Heilsverständnisses zu deuten, bei der Jesu „Lernprozess“ (Mt 15,22ff) ebenso eine Rolle spielt wie die Ablehnung des Messias durch das erwählte Volk des ersten Bundes (Mt 27,25).

Es bedurfte anderswo eines Genius vom Schlage Alexanders des Großen, der in der "Hochzeit zu Susa" den Polis-Horizont griechischer Staatsvorstellungen durch die Vereinigung von Persern und Griechen zu überschreiten suchte. In den Diadochenreichen nach Alexander hat sich der Hellenismus auf der Basis einer Einheitssprache, der Koiné, entwickelt - einer griechischen Umgangssprache, ohne die es wohl keine christliche Mission gegeben hätte: Griechisch, nicht das Aramäisch der Juden ist die Sprache des Neuen Testaments.

Mit der Entwicklung der römischen Reichsidee wurde im heutigen Italien das Bürgerrecht allen Bewohnern des römischen Reichs zuerkannt. Der Kaiserkult, der als Loyalitätstest verstanden wurde, brachte die ersten Christen in Bedrängnis (vgl. Offb). Römische Christen bezahlten ihre Verweigerung des Kaiseropfers mit dem eigenen Leben. Mit dem Toleranzedikt und der späteren Anerkennung des Christentums als Reichsreligion ist es den Römern gelungen, sich die Vorstellungen der neuen Religion einzuverleiben und rechtlich die Christengemeinschaft als "Kirche" anzuerkennen und abzusichern. Dem einen Kaiser entsprach jetzt der eine Gott. In den Ostkirchen entspricht weithin bis heute dem einen Gott der eine Herrscher.

 

Die Mehrzahl der Christen arrangierte sich in der Konstantinischen Zeit mit der Reichsmacht. Zugleich „schaffte“ es die römische Kirche, durch die Dualität von “Heiden“ und „Christen“, später von „Rechtgläubigen“ und „Ketzern“ und schließlich durch den Investiturstreit von der Universalkirche zur Universalmacht zu gelangen. Aber kaum waren die Staufer endgültig besiegt, machte der aufkommende Nationalstaat der Franzosen die Träume der Päpste vom „Gottesstaat“ zunichte.

 Die Zukunft gehörte von nun an der National-Idee und damit den Nationalkirchen. Bei der Probe aufs Exempel hat sich die Kirche immer auf die Seite des Nationalen gestellt - der Papst mit seinem Kirchenstaat vorneweg, etwa in der "Heiligen Allianz". Er verbündete sich mit der Türkei und Spanien gegen Frankreich. Die christliche Universalidee hält einem Realitätscheck nicht stand. Im Land der Reformation entwickelte sich unter dem Prinzip cuius regio, eius religio eine deutsche Variation des Bündnisses zwischen staatlicher Obrigkeit und regional vorherrschender Konfession. Blutige Religionskriege waren die Folge.

Die Intoleranz christlicher Staats- und Kirchenleitungen gegenüber Andersgläubigen bzw. nicht-christlichen Völkern ist kennzeichnend für die lange Epoche der Kolonialisierung, in der, von den Katholischen Königen Spaniens 1492 mit der Vertreibung der Juden und Muslime eingeleitet, die Vision eines einheitlichen spanisch-portugiesischen Großreiches verfolgt wurde. Unterwerfung und Vereinnahmung indigener und nichtchristlicher Völker haben zunächst in Lateinamerika, später in Asien (mit geringerem Erfolg) die Machtverhältnisse verändert – mit weitreichenden, vorwiegend negativen Auswirkungen. Währenddessen wurde im 20. Jahrhundert der Begriff Reich und Volk im Dritten Reich neu definiert. Die christliche Religion wurde zur Weltanschauung „erhoben“; die Perversion des Volks- und Religionsbegriffs führte zur größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte: zum Holocaust, zum millionenfachen Völkermord.

 

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich teilweise die Einsicht durchgesetzt, dass ein nationalistisch verstandenes Christentum Verrat an der Botschaft der Bibel und darüber hinaus Primärursache internationaler Konflikte ist. Das Vatikanische Konzil hat als Konsequenz aus den Tragödien der kolonialen Expansion und der beiden Weltkriege das biblische Volksverständnis wiederentdeckt: Die Kirche ist als Volk Gottes eine "hierarchiefreie", geschwisterliche und grenzüberschreitende Gesellschaft von getauften Menschen. Kirche als pilgerndes Volk Gottes zieht über alle Staatgrenzen hinweg. Dennoch erstanden weltweit sich vermehrende Gruppen und Netzwerke neonationalistischer Ambitionen und Ansprüche. Ein Beispiel dafür sind die NSU-Aktivitäten in Deutschland, dessen Gefährlichkeit der Bundesverfassungsschutz vollkommen unterschätzt hat. Zerstörerische Auswüchse zeigen sich gegenwärtig in erschreckender Weise in der fatalen Verknüpfung von missbrauchten Religionen mit diktatorischen Machtansprüchen.

 

Die Kirche als grenzüberschreitendes, pilgerndes Volk Gottes weiß, dass es noch nicht am Ziel angekommen ist und dass es keine endgültige Gestalt von Kirche und Gesellschaft geben wird. Daher ist eine „gesunde“ Kirche immer auch Korrektur und Provokation gegenüber klerikalen und staatspolitischen Machtansprüchen. Die Kirche kann sich ihrerseits auf nichts Endgültiges berufen oder einlassen – von der endgültigen, universalen Menschenliebe des göttlichen Menschen Jesu von Nazaret abgesehen. So bleibt die Frage: Habe ich das Volk-Gottes-Verständnis der Bibel und des Vatikanischen Konzils so verinnerlicht, dass ich daraus mein Engagement in Kirche und Gesellschaft ableite mit der Bereitschaft zu Widerspruch und Widerstand gegenüber vielfältigen kirchlichen und staatlichen selbstbezogenen Machtansprüchen?

 

Klaus Beurle