Indien

Link TextDriftet Indien nach rechts ab?

Autokratische Regierungen sind auf dem Vormarsch. Indien ist mit 1,2 Milliarden Einwohnern eine funktionierende Demokratie. Das Land hat eine multireligiöse Bevölkerung, in der verschiedene Religionen traditionell friedlich miteinander leben. Hat die Machtübernahme Ende Mai 2014 durch den hinduistisch-nationalistischen Ministerpräsidenten Narendra Modi daran etwas verändert?

Drei Wochen verweilte ich im Mai in Kerala: Zwei Wochen zu Meditationen im Zentrum für indische Spiritualität, dem „Sameeksha-Ashram“ von Sebastian Painadath S.J., und eine Woche zur Erstkommunionfeier bei der Großfamilie des Wernecker P. Vincent Moolanparambil OCD. Die Frage, ob Indien seit Modi intoleranter geworden ist, tauchte immer wieder auf. Übergriffe auf religiöse Minderheiten häufen sich, Christen und vor allem Muslime müssen sich vor gewaltsamen Attacken fanatischer Hindus vor allem im Norden des Landes fürchten.

Der weißbärtige 63-jährige Narendra Modi mit randloser Brille, der – so in seiner Antrittsrede - „eine glorreiche Zukunft für Indien erschaffen will“, hat zwei Gesichter: Er schätzt den häufig zitierten Religionsphilosophen Swami Vivekananda (1863-1902), der universal dachte und für den alle Religionen gleichwertig waren. Auf der andern Seite war Modi 1971 der hinduistisch-nationalistischen Vereinigung Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) beigetreten, die der Hindutva-Ideologie mit Anlehnungen an Hitler und Mussolini huldigt und die behauptet, dass der „heilige Boden“ Indiens ausschließlich Hindus vorbehalten sei. In Modis Partei BJP (Bharatiya Janata Party) hat diese Strömung starken Einfluss gewonnen.

Die Christen in Kerala haben keine Angst, haben aber Reserven gegenüber der Regierung Modis. Die allgemeine Verunsicherung hat zugenommen. Erzbischof Felix Machado von Vasaj, mit dem ich in den 70ern zusammen als Novize in Taizé lebte, bezeichnete die derzeitige Politik Modis als „Angriff auf die Seele Indiens“.

Der 1933 in Bengalen geborene Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen schätzt die Situation realistisch ein: „Als Inder haben wir Grund, stolz auf unsere Tradition der Toleranz und Pluralität zu sein, aber wir müssen uns anstrengen, um sie zu bewahren.“ Klaus Beurle