Indien

Schwerpunktthema

 

INDIEN – jetzt ganz rechts?

 

Am 26. Mai wurde Nahendra Modi, der Vorsitzende der BJP, als Premierminister Indiens vereidigt. Seine Partei hatte bei den Lok Sabha Wahlen, den Unterhauswahlen für das gesamtindischen Parlaments, einen phänomenalen Sieg errungen. Der Hindu-Nationalist Nahendra Modi wurde zum Regierungschef der weltweit größten Demokratie gewählt (1993: 1.239,26 Milliarden Einwohner). Die traditionsreiche Kongresspartei, die von der Gandhi/Nehru-Dynastie – nicht mit Mahatma Gandhi zu verwechseln - über Jahrzehnte beherrscht worden war, hatte ihr schlechtestes Ergebnis bei allen gesamtindischen Wahlen der letzten 60 Jahre erreicht.

 

Die vorbildlich abgelaufenen Wahlen dauerten vom 7. April bis zum 12. Mai, bei denen ca. 815 Millionen Wahlberechtigte in 930.000 Wahllokalen ihre Stimmen abgaben – Indien hat mehr Wahlberechtigte als die gesamte Europäische Union, die Vereinigten Staaten und Russland zusammen. Die Wahlen zogen sich über Wochen hin – aus Sicherheitsgründen, weil die Polizei nicht in allen Bundesländern gleichzeitig für Sicherheit und Ordnung sorgen kann. In den Wüstenlandschaften Nordwestindiens müssen die Wahlurnen durch weitflächige Sanddünen transportiert werden. Nicht zu Unrecht waren die vielen freiwilligen Wahlhelfer/innen stolz auf den größtenteils transparenten, sauberen Wahlablauf. Die (meist jungen) Wahlhelfer/innen sahen darin einen Beweis, dass die Demokratie Indiens funktioniert.

Der Sieg der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) mit Nahendra Modi als Wahllokomotive hat indessen Befürchtungen verstärkt, ein Wandel des Wertesystems stehe bevor, durch den Indien seinen Charakter als säkularer Staat verlieren könne. Modi, der Macher und hinduistischer Agitator, zuletzt erfolgreicher Premier des Bundesstaats Gujarat, stammt aus einfachen Verhältnissen und vertritt eine andere „Welt“ als sein Vorgänger - der intelligente, aber durchsetzungsunfähige, aus der Oberschicht stammende säkulare Mohandas Singh. Der Hindu-Nationalist Modi, so seine Kritiker, werde das Land religiös spalten. Er habe eine Mitschuld an den religiös motivierten Unruhen in seinem Bundesstaat 2002, bei denen über 1000 Muslime ums Leben kamen.

Orthodoxe Hindus erheben der Hindutva-Mythologie folgend den Anspruch, dass das moderne Indien nicht Erbe multi-religiöser und multi-kultureller Zivilisationen sei, sondern Erbe der hinduistischen Zivilisation. „Im Programm der Hindutva wird ein von Hindus in geokultureller Einheit dominierter Subkontinent angestrebt und eine Neuschreibung der indischen Geschichte gefordert. Dieses kulturelle und mythologische Konzept ist um eine Tradition heiliger Flüsse, heiliger Pilgerstätten, den Wohnsitz der Götter im Himalaya und unzählige Schreine gebaut“, so der ehemalige Botschafter Wolfgang von Erffa in Tag für Tag im Deutschlandfunk. Eine Vorreiterrolle der „Hinduisierung“ Indiens spielen die Shiv Sena, die ´Armee Shivas´, und die RSS, eine Wohlfahrtsorganisation der Hindus. Shiv Sena konnte als politische Partei die Zahl ihrer Wähler in den letzten 20 Jahren verfünffachen.

 

Es gibt widersprüchliche Ansichten zu dem Entwicklungspotential, das die hinduistische Zivilisation in sich birgt. Noch vor zwei Jahrzehnten gab es starke Stimmen, die im traditionsgebundenen Kastensystem, in der Stellung der Frau oder der unkontrollierbaren Korruption Hinderungsgründe für eine Modernisierung Indiens sahen. „Sie bezweifelten, dass die sozialen und wirtschaftlichen Antriebskräfte, welche die hinduistische Religion, Philosophie und Denkweise freizusetzen in der Lage sind, für eine Entwicklung des Landes zu einem relativen Wohlstand ausreichten. Die Möglichkeiten zur Modernisierung erschienen insbesondere dadurch beschränkt, dass nach der hinduistischen Ethik das Bestreben im gegenwärtigen Leben darauf ausgerichtet sein soll, Verdienste anzusammeln, damit das Karma günstig ist für die nächste Wiedergeburt.“ (Wolfgang vom Erffa) Durch äußerliche Rituale lasse sich eine entscheidende Verbesserung des Seelenzustandes erreichen. Sünden können durch ein Bad im Ganges weggewaschen werden. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lebensverhältnisse ist in diesem Seele/Weltverständnis nicht vorgesehen.

 

Noch vor drei Jahrzehnten erschien das Lebensziel eines großen Teils der damals nur 600 Millionen Hindus auf die Verbesserung des Karmas gerichtet zu sein, nicht aber auf gesellschaftliche Veränderungen durch Industrialisierung, durch Informationstechnologien u.ä.. Spätestens seit der Durchsetzung der wirtschaftlichen Liberalisierungspolitik vor zwei Dekaden hat sich jedoch das Ethos eines Großteils der inzwischen knapp eine Milliarde Hindus entscheidend geändert. Richtungsweisend ist heute die durch Medien propagierte globale Verwestlichung, die mit gesteigerten Konsumwünschen und neuen zivilisatorischen Lebenspraktiken einhergeht.

 

Die säkulare Kongresspartei regierte acht Jahre lang. Ihr zuvor war die hinduistische BJP-Regierung unter Premier Vajpayee an der Macht, gleichfalls acht Jahre. Die hinduistische Vajpayee-Regierung wurde abgewählt, weil ihr eine wesentliche Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse, die sie vollmundig versprochen hatte, nicht gelungen war und weil sie nach kurzer Zeit nicht minder als die Kongress-Partei bis auf die Knochen korrupt war. Die Religion der Hindus spielte schon immer bei Wahlen eine Rolle: Sie ist inzwischen immer wichtiger geworden und steht heute weit an vorderster Spitze der Motivationskräfte.

 

BJP, Shiv Sena und RSS führen den Kampf der Hindutva als Kampf um die Seele Indiens. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich unter Führung des Premiers Nahendra Modi alle Bestrebungen darauf richten werden, den wirtschaftlichen Aufschwung Indiens zu beschleunigen. Erklärtes Ziel ist es, China als Wirtschaftsmacht zu übertreffen. Durch diesen Pragmatismus werden sich voraussichtlich die Energien des neuen Selbstbewusstseins der Hindus zunächst bündeln und bändigen lassen und kommunale Exzesse verhindert werden. Nicht der Religion, sondern seiner wirtschaftlichen Erfolge in Gujarat wegen wurde Modi gewählt. Entscheidend wird sein, ob sein Gujarat-Modell auf Gesamtindien übertragen werden kann (woran es begründete Zweifel gibt). Nicht an der Hindutva-Ideologie wird sich das Schicksal der Modi-Regierung entscheiden, sondern an wirtschaftlichen Fortschritten. Die erste einschneidende Veränderung, die die Regierung Modi herbeigeführt hat, war die Erhöhung der Bahnpreise um 14%, was vor allem die armen Bevölkerungsschichten getroffen hat. Wird Modi seine Wirtschaftspolitik auf dem Rücken der Armen austragen? Es wird sich zeigen. Das indische Volk wird den Rechtsruck durch Nahendra Modi und seiner BJP akzeptieren, sich aber seine traditionelle Toleranz und religiös-kulturelle Vielfalt weder abkaufen noch zugrunde richten lassen. Zählen wird allein, wie es um die Portemonnaies der kleinen Leute am Ende der laufenden Legislaturperiode stehen wird.

Klaus Beurle