BERLIN – Stadt der 1000 Götter

Eine Pfingstreise

 

Eine siebenköpfige Gruppe aus Würzburg feierte Pfingsten in der Stadt der 1000 Götter: Pfingsten in Beziehung zu den vielen Religionen Berlins – über 200 sind es an der Zahl. Was stellen sich die verschieden Glaubenden unter Gott vor?

 

Es war spannend: Am Pfingstvorabend führte uns Thomas A. Schimmel von der Franziskanischen Initiative 1219 in die religiöse Vielfalt Berlins ein. Schimmel organisiert jährlich die Lange Nacht der Religionen, an der sich nahezu hundert Religionsgemeinschaften beteiligen. Knapp 60 Prozent der Berliner sind allerdings konfessionslos.

 

Liturgisch haben wir Pfingsten festlich beschwingt in „Maria Regina Martyrum“ gefeiert, danach in der „Teichterrasse“ gespeist, bevor wir uns zur Gedenkstätte Plötzensee aufmachten. Die Gräueltaten Nazi-Deutschlands standen uns heute vor Augen. Abends begann an der Hedwigs-Kathedrale der Ökumenische Pilgerweg.

 

Von der Ökumene ging es am Pfingstmontag zum Karneval der Kulturen. Ein starkes Moment war dabei das Interreligiöse Friedensgebet in der Heilig-Kreuz-Kirche in Neukölln. Entspannt, spirituell intensiv wurde die Friedenssehnsucht verschiedener Religionen zum Ausdruck gebracht.

 

Anderntags besuchten wir die jüdische Reformsynagoge in der Herbartstraße. Synagogenvorstand Konstantin Münz erschloss uns temperamentvoll die heutige Situation jüdischer Gemeinden in Berlin. - Danach ging es nach Kreuzberg in die Emmaus-Gemeinde zu Pfarrer Jörg Machel. Machel verwirklicht eine Gemeindevision, nach der „24 Stunden lang“ Menschen für andere da sind. Kirchentreue Freiwillige, Kirchenferne und Konfessionslose engagieren sich. Liturgie und Predigtgespräch sind Mitte des Gemeindelebens.

 

Mittwoch war drei kleineren Gemeinschaften gewidmet, die am Rand der großen islamischen Gemeinschaften stehen:

Die Ahmadiyyas, die in Pakistan bekämpft werden, haben die protestierende Bevölkerung in Heinersdorf überzeugen können, dass ihre Moschee friedlichen Absichten dient.

Die Bosnische Gemeinde in der Adalbertstraße erscheint gegenüber den großen türkischen und arabischen Gemeinden als unscheinbar. Doch zeichnet sie sich durch ihre Unabhängigkeit vom Staat und ihre Offenheit anderen Religionen gegenüber aus.

Die Aleviten haben Zuflucht in der Waldemarstraße gefunden. Jahrhundertelang wurden sie in der Türkei verfolgt und werden heute noch unterdrückt, weil sie sich von der sunnitischen Tradition entfernt haben.

Da es zur Begegnung mit Hindus nicht kam, war die Begegnung mit Buddhisten im „Lotos Vihara“ um so wichtiger. Zwischen hohen Regierungsgebäuden liegt eine Oase der Stille, in der Christen sich die Tiefen buddhistischer Spiritualität zu Eigen gemacht haben.

Den Abschluss der Woche bildete ein Gespräch mit Prof. Michael Bongardt von der FU in Dahlem. Er führte uns in die gesellschaftliche Wirklichkeit Berlins zurück: „Religion ist keine Thema dieser Stadt. Religionen leben in kleinen Gruppen am Rand der Gesellschaft. Bedrängend ist die Frage, auf welcher Basis gemeinsamer ethischen Werten das Zusammenleben von Menschen verschiedenster Traditionen und Gesellschaftsvorstellungen gelingen kann.“

Klaus Beurle