Was geschah in Srebrenica? Geschichtliche Hintergründe; politische Ursachen - Unverheilte Wunden, ungelöste Probleme

Michael Stolz

Am 11.April 2014 fuhr unsere interreligiöse Reisegruppe von Sarajewo nach Srebrenica zum Gedenkzentrum nach Potočari, wo über 8000 meist muslimische Jungen und Männer zwischen 13 und 78 Jahren beerdigt sind, Opfer eines Massakers, der internationale Gerichtshof wird den Begriff Genozid dafür verwenden, ausgeführt durch christliche bosnisch-serbische Militärs und Paramilitärs am 11. Juli 1995 und den folgenden Tagen – also genau vor 25 Jahren. Das geschah unter den Augen von UNO-Blauhelmen aus Holland. Wir sahen die Fabrikhalle, in der die Menschen damals ohne Nahrung und Hilfe ausharren mussten.

Wie kam es dazu?

Solch ein erbarmungsloses Gemetzel hat eine Vorgeschichte.

Die Zeit Titos von 1949 – 1980, dessen Unangreifbarkeit von seiner Partisanengeschichte im 2. WK herrührte und daher, weil er Jugoslawien dem sowjetisch dominierten Ostblock entwunden hatte.  In diesen Jahren konnte man sich in diesem Völkergewirr an den anderen und an das Andersartige als alltägliche Erfahrung gewöhnen. Doch gab es einen wirtschaftlichen Verteilungskampf zwischen den armen und den reichen Teilrepubliken. Die Bewohner der unterentwickelten Südregionen fühlten sich national benachteiligt, die des entwickelten Nordens als ausgebeutete Nationen. Lange unklar war die Stellung der bosnischen Muslime im jugoslawischen Nationalitätengefüge, die aber nicht zur Staatsnation erklärt wurden.
Nachdem Tito 1980 in hohem Alter gestorben war, fehlte dem Vielvölkerstaat seine wichtigste Integrationsfigur gerade in dem Moment, als das Land auf eine tiefe Wirtschaftskrise zusteuerte. 

Ermuntert durch den deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, erklärten Slowenien und Kroatien am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit. Daraufhin votierten auch die Parlamente Bosnien-Herzegowinas (allerdings ohne die Stimmen der Serben) und Mazedoniens für die Unabhängigkeit, während Montenegro und Serbien die "Bundesrepublik Jugoslawien" bildeten.

Die Verrohung schritt voran: Die ethnische Zugehörigkeit wurde jetzt entscheidend: verbunden mit einer Unterscheidung zwischen "Uns" und "den Anderen", wobei die anderen abgewertet und die ethnische Eigengruppe aufgewertet wurde.

Im Kriegsgeschehen und bei den sogenannten „Säuberungen“ sanken die moralischen Hemmschwellen.

Im April 1992 begann die Belagerung von Sarajevo.

Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Streitkräfte beim Sturm auf die UNO-Schutzzone Srebrenica mehr als 8.200 bosniakische Männer – das Ereignis gilt als der erste Genozid auf europäischem Boden seit 1945. Insgesamt wurden während des Krieges mehr als 100.000 Menschen unterschiedlicher Volkszugehörigkeit getötet, wobei die Bosniaken bei Weitem die höchsten Opferzahlen zu beklagen hatten.

1995 beendet das Abkommen von Dayton  auch den BosnienkriegBosnien und Herzegowina wird als unabhängiger Staat anerkannt.

FOLGEN: Somit zerfiel Jugoslawien nacheinander in sieben Nachfolgestaaten, von denen heute bereits zwei – Slowenien und Kroatien – Mitglieder der Europäischen Union sind. Serbien, Montenegro und Mazedonien besitzen einen offiziellen, Bosnien-Herzegowina und Kosovo einen potenziellen Kandidatenstatus. Ob und wann sie je der EU beitreten werden, ist allerdings noch offen, wir wünschen es.

Heute, 25 Jahre nach dem Völkermord, sind wir eine Initiativen, die Gräben zwischen den früher verfeindeten Nachbarn und Nachbarvölkern zuzuschütten. Vielleicht sind noch gar nicht alle Massengräber entdeckt und alle Schuldigen bestraft worden. Und dennoch sind wir am Platz der Versöhnung hier versammelt, um das Leid der Ermordeten und ihrer Hinterbliebenen zu teilen und anzuerkennen. Und wir tun das in aller Unterschiedlichkeit der Religionen und der Herkünfte.

 

Kontakt

Dr. Klaus Beurle

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