Srebrenica und die Religionen

Welche Rollen haben die Religionen gespielt?... vor, während und nach dem Massaker von Srebrenica? Haben die drei großen Religionen den Gewalttätern geholfen, den Völkermord angeschürt oder haben sie gebremst, Widerstand geleistet gegen Gewalt und zu Gewaltfreiheit und Frieden aufgerufen?

Um welche Religionen handelte es sich, als es zum „Schwarzen Fleck“ in der europäischen Nachkriegsgeschichte kam? Es handelte sich um autokephale Muslime, orthodoxe Serben und katholische Kroaten. Heute sind lt. Zählung 2013 etwa 50,1 % Muslime, Bosniaken genannt, 30,80 % sind orthodoxe Serben und 14,4 % römisch-katholische Kroaten. Es gibt noch eine kleine Zahl von gnostischen Bogomilen. Doch wichtig sind die Bosniaken für die Juden geworden, als diese 1492 aus Spanien vertrieben wurden und als sog. Sephardischen Juden bei den muslimischen Bosniaken Zuflucht fanden. für sie die Bosniaken, nachdem die aus Spanien 1492 vertriebenen sog. sephardischen Juden. Vor dem Weltkrieg lebten gut 15 000 Juden in den Städten Bosniens. Doch nach dem Bosnienkrieg hat sich die Zahl sehr verkleinert

Die wertvollste Erfahrung Bosniens ist, dass die sehr unterschiedlichen Religionsgemeinschaften über Jahrhunderte respektvoll, friedlich und freundschaftlich miteinander lebten…. bis dann plötzlich, fast wie aus heiterem Himmel, Freunde zu Feinden, Nachbarn zu Gewalttätern oder Gewaltopfern wurden. Die Hintergründe dafür werden an anderer Stelle sorgfältig dargelegt.

Was war im Kern die Ursache für diesen unfassbaren Bruch mit der Geschichte, die im 11. Juli 1995 ihren unbegreiflichen Brennpunkt fand in der Ermordung von 8000 muslimischen Männern und Jungen, deren Frauen unter UN-Schutz zuvor abtransportiert worden waren? Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage. Niemand kann es letztlich erklären noch begreifen. Aus meiner Sicht liegt die Ursache nicht direkt bei den Religionen, sondern vor allem bei einem plötzlich ausbrechenden ethnischen Nationalismus. Die Serben als Nachfolger des Osmanischen Großreiches und des zerfallenden jugoslawischen Nationalstaats wollten sich als die „Größten und Mächtigsten“ ausgeben. Aus dieser Hybris heraus schossen Hass und Zerstörungswut unter Verlust jeglicher ethischer Werte und menschlicher Gefühle, die zu den Gräueltaten und dem Beginn des Völkermords führten.

Dass die Religionen dabei keine Rolle spielten, käme einer Verkennung politischer Mechanismen und psychischer Prozesse gleich. Die Religion spielte auf den Irrwegen, die zum Massaker in Srebrenica führten, eine Rolle, sogar eine entscheidende. Die Vermischung meiner Ethnie und mit meinem Kulturbewusstsein mit meiner Religion und meinem Glaubensbekenntnis geschieht normalerweise auf höchst subtile wie auch höchst verführerische Weise. Insofern die orthodoxen Serben aus geschichtlichen und politischen Gründen beanspruchten, eine Machtfunktion übernehmen zu müssen, bahnte sich die Tragödie an. Da nun religiöse Autoritäten nicht immer oder gar selten vor der Vermischung von Macht und Politik gefeit sind, hatte die Übereinkunft der serbischen Religionsführer mit den politischen Hoheiten derart verheerende Folgen. Die serbisch-orthodoxe Kirchenleitung war sich mit den Regierenden und Herrschenden darin einig, dass die „geschichtliche Sendung“ der Serben eine außergewöhnliche ist. Anstatt vom christlichen Auftrag der Kirchen her auf das Gemeinwohl aller verpflichtet und zur Verkündigung der Friedensbotschaft berufen, haben sie die Waffen der Kriegsmacher gesegnet und ihren „Mut“ bejubelt. Ihren Auftrag und ihre Sendung haben sie dadurch verraten. Die katholischen Kroaten standen anfangs auf der Seite der friedensbereiten Muslime. Doch je mehr die Serben Hass gegen Muslime verbreiteten und mit ihrer Vernichtung drohten, desto mehr stellten sich die kroatischen Milizen auf die Seite der Serben.

Bleibt die Frage, wie dieses Unrecht gesühnt werden kann und wie Gerechtigkeit und Versöhnung als Voraussetzung für Frieden erzielt werden kann und welche die Rollen die Kirchen heute einnehmen oder einnehmen können oder sollten? Weiteres versagen? Oder sind die Religionen im heutigen Bosnien-Herzegowina und darüber hinaus im Westbalkan bereit, Agenten und Motore des Friedens und der gerechten Versöhnung zu sein? Es gibt positive Beispiele dafür, es gibt Anstrengungen der Religionen, Bosnien wieder auf die Wege der Toleranz und der bereichernden Vielfalt zu führen. Doch Gegenteiliges, Festhalten am status quo, Unversöhnlichkeit, Ausbeutung usw. gibt es leider auch. Viel zu sehr fehlt es noch am Mut zur Wahrheit und zur aktiven Gewaltfreiheit, die Streit zulässt, aber keine Verlierer und Besiegte duldet.

Würzburg, 11. Juli 2020 Klaus Beurle