Srebrenica 1955
Die Wunde Europas kann nicht vergessen werden

Als wir die Gedenkstätte Srebrenica-Potočari erreichten und vor den großen Steintafeln standen, begannen wir, die 8372 aufgelisteten Namen der Toten still zu lesen. Wir konnten sie nicht zu Ende lesen - zu unbegreiflich, zu unfassbar ist die Gräueltat, heute noch.

Die Wunden des Massakers von Srebrenica und anderer Orte vom Juli 1995 sind noch lange nicht verheilt. Angehörige der Opfer der Gräueltaten leiden nach zwei Jahrzehnten immer noch unter den Folgen der ethnisch motivierten Morde. Immer wieder werden neue Massengräber gefunden und immer noch wird nach der Identität verstümmelter, zerstreuter Leichen gesucht.

Hatidža Mehmedović (54), die das Massaker in Srebrenica überlebt, jedoch alle ihre männlichen Angehörigen verloren hat, beteuerte uns vor den Tafeln mit den eingravierten Namen: „Erst wenn wir die Spuren der zerstreuten Überreste aller Angehörigen gefunden haben, werden wir Trost finden und aufhören zu weinen.“

Es handelt sich bei der Tragödie vom Juli 1995 um mehr als um eine menschliche Tragödie. Das selbstbewusste Europa, das dabei war, die Spuren des Zweiten Weltkriegs zu verwischen, schaute plötzlich in den tiefen Abgrund grausamer Unmenschlichkeit. Srebrenica war das schwerste Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg.

Hasan, Kriegsüberlebender, war 19 Jahre alt, als der sog. Bosnien-Krieg im Juli 1995 endete. Er schilderte uns vor den Gedenktafeln seine Erfahrungen: „Ich kämpfte damals fort und fort weiter, um doch noch zu überleben – und ich kämpfe bis heute um mein Überleben. Es ist unfassbar, dass sich immer noch bekannte Kriegsverbrecher unbehelligt in unseren Straßen bewegen. Solange wir uns unserer Geschichte nicht stellen, bleibt Bosnien-Herzegowina ein Unruheherd im Südosten Europas. Wir wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt – und wir wollen: Nie wieder Krieg!“

Das UN-Kriegstribunal in Den Haag hat vor kurzem fünf ranghohe serbische Offiziere für schuldig erklärt. Doch damit ist der Prozess zur Aufdeckung von Kriegsver­brechen noch lange nicht abgeschlossen. Das Urteil gegen den ehemaligen Serben-Führer Radovan Karadžić wird für kommenden Oktober erwartet.

Das Massaker stellt militärisch und moralisch eine Zäsur dar. Westeuropäer lebten im Hochgefühl eines goldenen Friedenszeitalter, nachdem in Europa fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs die Waffen geschwiegen hatten. Der Appell Nie wieder Krieg hatte den Europäern Ruhe und Sicherheit geschenkt. Doch sollte sich die Hochstimmung als Illusion erweisen. Die NATO-Angriffe auf Belgrad und auf den Kosovo (1999) sorgten für die Rückkehr von Bomben und Waffen nach Europa. Die Bundeswehr begann, über „humanitäre Kriegseinsätze“ nachzudenken.

Zehn Jahre nach Srebrenica wurde von den UN die „Schutzverantwortung“ der internationalen Gemeinschaft festgelegt. Der jeweilige Staat hat die Verantwortung, seine Bevölkerung gegen Völkermord und Kriegsverbrechen zu schützen. Kann oder will die Staatsführung dieser Verpflichtung nicht nachkommen, übernehmen die Vereinten Nationen die Schutzverantwortung.

Der Wille, im Namen der Menschlichkeit bedrohten Völkern zu Hilfe zu kommen, wird durch machtpolitische Interessen und durch geopolitische Strategien fort und fort gebrochen. Es ist dies am Beginn des 21. Jahrhunderts eine bittere Erkenntnisse. Die Frage ist ungelöst, wie bedrohte Völker wie derzeit in Syrien und Libyen, in der Ukraine oder im Irak wirksam beschützt und vor der Vernichtung bewahrt werden können, ohne militärische Interventionen als Lösung des Problems zu fordern.

Der Krieg um die Zukunft Ex-Jugoslawiens hat sich zeitlich und räumlich „ganz in unserer Nähe“ abgespielt. Unter dem Eindruck des Massakers von Srebrenica hat sich unumgänglich die Frage nach der Mitverantwortung und Mitschuld Europas gestellt. Für die UN hatten die Niederländer die Schutzverantwortung der bedrohten bosnischen Bevölkerung übernommen. Die UN-Schutzzone Srebrenica in Bosnien-Herzegowina war am 11. Juli 1995 von serbischen Truppen unter Leitung von General Ratko Mladić überrannt worden. Die niederländische UN-Einheit Dutchbat hatte sich kampflos ergeben, sodass die serbische Armee in wenigen Tagen über 8000 bosnisch-muslimische Männer und Jungen ermorden konnten.

Vor 20 Jahren geschah es - „vor unserer Haustür.“ Die Ideologie des ethnischen Nationalismus hat durch unser eigenes Volk die größte Tragödie der Geschichte ausgelöst. Heute sind ethnischer Nationalismus und expansiver Machtanspruch einzelner Völker wieder beängstigend auf dem Vormarsch.

Am 11. Juli wird des Massakers von Srebrenica vielerorts gedacht. In bosnischen Moscheen finden Totengedenken statt, es wir in Gotteshäusern um den Frieden zwischen den Völkern gebetet. Heute wissen wir, dass nicht jeder Brandherd gelöscht werden kann. Bewaffnete humanitäre Einsätze zum Schutz von Volksgemeinschaften können u.U. geboten sein. Kriegsverbrechen und Völkermord dürfen in keinem Winkel der Erde hingenommen werden. Srebrenica kann nicht vergessen werden.

Klaus Beurle

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