Bosnien heute – zwischen 1914 und 2014

 

1992 haben 99,6% der Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina in einem Volksentscheid für einen eigenständigen Staat gestimmt, der nicht mehr Bestandteil eines zunehmend zentralistischen, serbisch dominierten Jugoslawien sein sollte. Damit war das Konzept eines von Jugoslawien angestrebten „Staates aller Südslawen“, das 1918 nach dem Ersten Weltkrieg anvisiert wurde, gescheitert. Auch Titos Motto Einheit und Brüderlichkeit stellte sich als Fiktion heraus. Die Jugoslawische Volksarmee erwiderte die demokratische Entscheidung Bosniens mit einer Aggression. Der international anerkannte, unabhängige Staat sollte innerhalb von wenigen Monaten von Muslimen (Bosniaken) sowie Katholiken (Kroaten) gesäubert werden.

Später schlossen sich kroatische Einheiten, angetrieben von Kroatiens Präsident Tuđman, der Strategie Serbiens an und kämpften gemeinsam gegen die Bosniaken. Kulturdenkmäler, Moscheen, osmanische Bauten wurden systematisch zerbombt.

 

Der amerikanische Journalist Roy Gutman entdeckte im Sommer 1992 in Bosnien mehrere Konzentrationslager. Seine Reportagen über Massendeportationen, und Vergewaltigungslager mit ausgehungerten Männern hinter Stacheldraht erschienen weltweit auf den Titelseiten. Der Holocaust wiederholte sich auf europäischem Boden - und alle sahen zu. Höhepunkt des Völkermordes waren die Ereignisse in Srebrenica: im Juli 1995 wurden von den holländischen UN-Soldaten, die die Bevölkerung schützen sollten, etwa 8000 Jungen und Männer dem serbischem Militär ausgeliefert - und massakriert. Daraufhin ergriffen die USA die Initiative und leiteten energisch die Friedensverhandlungen im Militärstützpunkt Dayton in Ohio. Der Dayton-Friedensvertrag wurde am 15. Dezember 1995 vom bosnischen Staatspräsidenten Alija Izetbegović, dem serbischen Präsidenten Slobodan Milošević und dem kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman unterzeichnet. Bosnien-Herzegowina wurde in zwei Entitäten aufgeteilt: in die Republika Srpska und die Bosniakisch-Kroatische Föderation. Damit wurden innerhalb Bosniens neue Grenzen gezogen. In der Entität Republika Srpska waren die ethnischen Säuberungen am erfolgreichsten. Heute leben dort etwa 90% Serben; vor dem Krieg waren es etwa 50%. Viele Bosniaken wurden vertrieben, hingerichtet. Auch wenn im Dayton-Vertrag die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimatregionen zugesichert wurde, haben nur wenige den Mut dazu gehabt. Kriegsverbrecher werden nach wie vor angehimmelt. Dario Kordić erwartete nach seinem Gefängnisaufenthalt ein jubelnder Empfang. Anti-muslimischen Ressentiments nahmen zu, wie z.B. in Livno, wo im Juni in einer Moschee Inventar und Korane (Q´uran) geschändet und Drohungen auf die Wände geschrieben wurden.

Andererseits gibt es hoffnungsvolle Signale, wie die Konferenz in Sarajevo „Herausforderung von Gewalt – Religionen zwischen Krieg und Frieden“, auf der das Oberhaupt der katholischen Kirche in Bosnien, Kardinal Vinko Puljić, und das Oberhaupt der Islamischen Gemeinde, Reisu-l-ulema Husein Kavazović, zu friedlichem Zusammenleben, gegenseitigem Respekt und interreligiösem Dialog aufgerufen haben. Auch die Tatsache, dass der Muslim Hasan Ahmetlić die katholische Kirche in Tešanj renoviert hat, zeigt, daß gute Herzen, Toleranz und die Liebe zu Gott Wunder schaffen.

Dieser Tage wurde an das Attentat von 1914 erinnert. Vor genau 100 Jahren hat der Serbe Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie ermordet. Die Idee eines Großserbiens breitete sich immer mehr aus. Doch Österreich-Ungarn stand der Umsetzung dieses Plans im Wege: Das Attentat sollte ein Appell an die Habsburger-Monarchie sein, sich aus Bosnien zurückzuziehen. Stattdessen löste es den Ersten Weltkrieg aus. Damit begann ein Jahrhundert, in dem Bosnien Schauplatz von drei verheerenden Kriegen wurde.

Um heute aber ein Jahrhundert des Friedens in die Wege zu leiten, sind politische Korrekturen notwendig, und zwar mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft, vor allem Deutschlands. Bis heute ist die Daytoner Verfassung weder vom bosnischen Parlament noch von der Bevölkerung ratifiziert worden: Bosnien wurde in drei konstitutive Völker von Bosniaken, Serben und Kroaten aufgeteilt. Dies hat sich jedoch als dysfunktional erwiesen und eine Gesetzgebung verhindert, die allen Volksgruppen gleichermaßen nützlich ist. Die Blockademechanismen werden von korrupten Regierenden aber zu ihrem Vorteil ausgenutzt. Politiker in Republika Srpska, allen voran deren Präsident Milorad Dodik, drohen mit Abspaltung und blockieren den längst fälligen EU-Integrationsprozess - eine Revision der Daytoner Verfassung ist dringend notwendig.

Die Bürger/innen von Bosnien-Herzegowina sehnen sich nach Fortschritt, Frieden und Sicherheit. Viele sind es müde geworden, nach 22 Jahren immer noch um Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sie sehnen sich nach einem Rechts- und Sozialstaat. Daher bietet die Aufnahme in die EU den einzigen Ausweg aus der gegenwärtigen Stagnation, um nach dem Jahrhundert der Kriege ein Jahrhundert des Friedens einzuleiten.

Dr. Dževada Šuško

Sarajevo, Studium der Geschichte, Politik und Ethnologie in Heidelberg und Hamburg, Promotion über „Der Loyalitätsbegriff: Reaktion der Bosniaken auf Österreich-Ungarn (1878-1918), seit 2013 Direktorin des Instituts für islamische Tradition der Bosniaken in Sarajevo.

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