5 nach 12

Gott lebt in seiner Schöpfung

5 nach 12 – Mittagsmeditation im Dom zu Würzburg – 17. August 2013

 

Wenn wir in diesen Tagen auf Urlaub sind oder zum Wandern gehen, staunen wir dann nicht, wie schön die Natur ist, vor allem jetzt in der hochsommerlichen, sonnigen Jahreszeit? Kommt uns da nicht immer wieder die Frage in den Sinn: Wie ist all das Schöne doch nur zustande gekommen, wer hat das alles gemacht – die Blumen, die Bäume, Flüsse Bergen und Seen? Alles nur Zufall?

Alles nun mal so geworden? Manche scheinen mit einer solchen Antwort zufrieden zu sein. Ist jedoch in der Schönheit der Natur nicht doch die Handschrift des Schöpfers zu erkennen? Sind nicht die Spuren dessen zu sehen, der alles, was es auf Erden gibt, erschaffen hat? Spricht er nicht zu uns aus den vielfachen Ausformungen der Natur?

 

 

Ich kann verstehen, dass manche Naturvölker oder Menschen anderer Religionen die Sonne anbeten oder in den Bäumen ein göttliches Antlitz erkennen oder in den heiligen Flüssen einen göttlichen Lebensstrom spüren. Wir staunen über die Lebenskraft der Sonne, über die Lebensenergie, die wir so notwendig brauchen oder über die kunstvollen Farben der Blumen, über die Vielgestalt der Felder, die sich wieder zur Ernte bereit machen. Wenn Gott also nicht nur durch Menschen, die er geschaffen hat, sondern auch durch Schöpfung, die er ebenso geschaffen hat, zu uns spricht, was will er uns dann sagen? Für manche ist die Natur wie ein Aushängeschild Gottes, wie eine Treppe, auf der wir zu Gott emporsteigen können, vor allem in der schönen Berg- und Gebirgswelt. Nicht wie viele früher glaubten, dass Gott alles direkt bewirkt, jeden Wind und Sturm, jedes Wetterleuchten und Gewitter, jeden Regen und Sonnenschein, sodass sich viele vor den übermächtigen göttlichen Naturkräften fürchteten und den Göttern angsterfüllt und Zorn beschwichtigend Opfer darbrachten.

 

Mit dem Beginn der Neuzeit und dem Aufstieg der Naturwissenschaften hat sich unser Verhältnis zur Natur grundlegend verändert: die Natur wurde entmythologisiert, man wollte angeblich aufgrund menschlicher Gescheitheit die Natur von allem Göttlichen „reinigen“. Die Natur wurde zum Forschungsobjekt, in der es für Gott kein Platz mehr geben soll. Wir sind damit in das gegenteilige Extrem verfallen und haben uns selbst zu Alleswissern, zu Göttern über die Natur gemacht. Wir wissen aber inzwischen, wie viel Unheil und Zerstörung durch unsere kosmische Selbstüberschätzung über unsere Erde gekommen ist – zum Nachteil und Leidwesen vieler Völker, vor allem traditioneller Volksgemeinschaften.

 

Gott ist in seiner Schöpfung gegenwärtig – auf andere Weise, als er in den Herzen der Menschen gegenwärtig ist. Doch in allem Geschaffenen lässt sich Gottes Geist erspüren, denn Er behält alles, durch alle Katastrophen und Zerstörungen hindurch in Seiner Hand. Er lässt die Welt trotz aller Finsternisse und unheilvoller Geschehen nicht aus der Hand fallen. Nichts, was existiert, ist von Gott losgetrennt, so groß der Unterschied auch zwischen Gott und seiner Schöpfung ist. Franz von Assisi hat im Sonnengesang gesungen: Das ganze Universum, der ganze Kosmos „hat seine Bedeutung und sein Leben von dir, Allerhöchster.“ Die Schöpfung ist uns nicht gegeben, sie zu besitzen und zu beherrschen, sondern um miteinander zu teilen und Gott zu loben.

Wenn uns Gottes eines durch die Natur und seine Schöpfung sagen will, dann ist es vor allem dies: Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? (Mt 6, 26) Klaus Beurle