5 nach 12

5nach 12 Mittagsmeditation am 6. Sept. 2012 in Neumünster, Würzburg

 

Nicht Essen und Trinken

Einen Satz aus dem Neuen Testament mag ich besonders. Heute früh stand er im Brevier bei den Laudes:

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“. (Röm. 14,17)

Wer schon mag das nicht – Essen und Trinken? Schlimm ist es wirklich, wenn jemand keinen Appetit mehr hat. Ich darf es mir immer wieder richtig schmecken lassen: einen Sauerbraten, einen Frankenschoppen oder was immer. Aber das Interessante ist, dass mit Essen und Trinken das nicht zu haben ist, was uns das Reich Gottes anbietet. Das Reich Gottes, um das es Jesus und die ihm Folgenden geht, ist etwas ganz anderes: Gerechtigkeit zuerst, dann Friede, dann Freude. Freude nicht als schamloses Gelächter oder als andere belästigende Ausgelassenheit verstanden, sondern als vom Geist Gottes erfüllte Freude.

Sehen wir uns die Gegensätze genauer an: Gegensätze gehören zu unserem Leben Wir sollen und können von ihnen nicht loskommen. Manchmal merken wir solche Gegensätze gar nicht mehr, sie sind einfach da: etwa der Tag und die Nacht, Aufbruch und Heimkehr, Ein- und Ausatmen. Wir denken gar nicht mehr, dass dies Gegensätze sind. Sie machen unser Leben erst möglich.

Deshalb müssen wir auch essen und trinken, wenn wir für das Reich Gottes arbeiten wollen. Aber das Leben darf oder sollte sich nicht in Essen und Trinken erschöpft, wie dies gar häufig der Fall ist – das nämlich ist fatal. Das Spannende und zugleich das Heilsame ist es, wenn das Reich Gottes das Erste und das Letzte ist, woran wir hängen und wonach es uns hungert.

Eigentlich werden wir als heile Menschen geboren. Kinder kommen mit einer großen Portion Lebensfreude und Lebenshunger auf die Welt, bis sie nach und nach erfahren müssen, dass das Leben gar nicht so schön und fröhlich ist, wie sie als Kleinkinder empfanden: Sie erfahren nämlich nach und nach, dass überall der Wurm drin ist. Der Stachel des Todes wird immer größer und der Keim der Vergänglichkeit wächst und wächst – bis, ja bis wir nicht mehr essen und leben können.

So kommt es auch, dass wir manchmal gut gelaunt sind, ohne zu wissen warum. Und manchmal sind wir tief traurig, ohne dafür einen triftigen Grund zu haben. In den traurigen Phasen schauen wir, wie gebannt, nur noch auf das Negative und Tödliche der menschlichen Lebenswirklichkeit.

Solchen Stimmungsschwankungen sind unsere Seelen ausgesetzt. Sie gehören zu unserem Leben, wie Sonne und Regen zur Natur. Nur im Reich Gottes, das nicht im Jenseits zu finden ist, sondern mitten unter uns, werden unsere Gefühlsschwankungen überschritten. Da wo ich mich mit Anderen, vor allem mit hilflosen Menschen nach Gerechtigkeit sehne und mich dafür einsetze, dort verflüchtigen sich unsere Seelenschwankungen und wir beginnen zu begreifen, dass es einen Frieden gibt, der größer ist alles, was uns die vergängliche Welt schenken kann und dass es eine Freude gibt, die selbst im Sterben lächeln kann.