Nikolaus damals – Franziskus heute

 

Eisingen, am 8. Dezember 2013 Patrozinium der Pfarrei St. Nikolaus

 

Gen 3, 9 – 15
(Die Schlange bedient sich derer, die sonst nicht zum Zug kommen – z.B. der Frauen)

Eph 3, 8 - 12
(Paulus: gerade verkorksten Gestalten wie ihm wird die besondere Gnade Gottes zuteil)

Luk 10, 1 - 9
(Jesus sieht in der Wehrlosigkeit die stärkste Macht, nicht in der Macht der Erfolgreichen)

 

Liebe Gemeinde, liebe Kinder, liebe Erstkommunikanten/innen, liebe Eltern,

als ich am Christkönigsfest vor 14 Tagen an der Festmesse mit Papst Franziskus und mit Tausenden von Menschen auf dem Petersplatz mitfeierte, teilte der Papst am Ende der beeindruckend vielsprachigen Messfeier ein Schreiben aus. Viele waren eingeladen, dieses Schreiben in Empfang zu nehmen: Jugendliche, altgewordene Menschen, Kinder, Behinderte, Menschen mit vielen Hautfarben, junge Menschen aus allen Kontinenten. Das Schreiben – offiziell heißt es Apostolisches Schreiben - trägt den Titel Die Freude des Evangeliums (Evangelii Gaudium). Darin heißt es u.a.: „Jesus… identifiziert sich speziell mit den Geringsten. Das erinnert uns daran, dass wir Christen alle berufen sind, uns um die Schwächsten der Erde zu kümmern.“ (Nr. 209)

Heute feiern wir nicht das große Marienfest vom 8. Dezember, nicht den 2. Adventssonntag, sondern das Nikolausfest, weil der hl. Nikolaus Patron Eurer Pfarrkirche und Pfarrgemeinde hier in Eisingen ist. Doch der hl. Nikolaus –wer ist denn das eigentlich? Man weiß ja nicht allzu viel von ihm, aber was man von ihm weiß, das reicht. Er ist auf der ganzen Welt bekannt geworden durch das, was er für andere tat, nicht durch das, was er schrieb oder lehrte. Menschen verehren und lieben seit Jahrhunderten den heiligen Mann aus der heutigen Türkei. Doch leider, ja beschämender Weise ist der Bischof von Myra heute zum Santa Klas, zum Weihnachtsmann, zum Sinterklaas, zum Coca Cola Nikolaus und zum Bratwurst-Nikolaus und weiß Gott zu was allem degradiert worden. Der Heilige ist zum Kassenfüller geworden. Der wahre Nikolaus hat aber die Kassen geleert und den Inhalt an die Armen verschenkt. Im Reich der Kapitalisten und Konsumgierigen wird Santa Klas vermarktet, er ist zum Kaufanreiz und zur Kitschgestalt erster Klasse geworden, mit dem sich gute Geschäfte machen lassen. Er zieht den Leuten das Geld aus der Tasche, anstatt die Taschen der Armen, der Opfer der Überschwemmungskatastrophe oder die der Heimatlosen zu füllen. Menschen, die auf der Flucht sind, etwa aus Syrien, versperren wir aus lauter Hab- und Besitzsucht unsere Türen. Der hl. Nikolaus dreht sich heute im Grab herum, wenn er sieht, wie wenig wir uns um die Schwächsten unserer Erde kümmern und wie wenig uns in den reichen Ländern an Kindern gelegen ist.

Doch einige unter uns erinnern sich, was denn den Bischof von Myra weltberühmt gemacht hat: Er hat nämlich Wunderbares getan für Menschen, die in Not geraten waren, für Menschen die Unrecht erlitten und ausgebeutet wurden. Obwohl Nikolaus kein Buch, nicht einmal einen uns erhaltenen Brief geschrieben hat und obwohl keiner der großen oder kleinen Schriftsteller seiner Zeit etwas über ihn geschrieben hat, ist er überall in der Welt bekannt wie ein roter Hund.

Der Wundertäter für die kleinen Leute war, wie über Jahrhunderte hinweg erzählt wird, im 4. Jahrhundert Bischof in Myra in Anatolien, dem damaligen Lykien, in der Nähe des heute Touristen-Deutschen gut bekannten Antalya. Es war die Zeit der ersten großen Konzile unserer Kirche und es war eine Zeit, in der die kleinen Leute noch bitter arm waren. Damals hat Nikolaus sich ähnlich verhalten wie unser heutiger Papst, Francesco aus Buenos Aires. Er hat denen geholfen, die aus ihrer Not geflüchtet sind und heimatlos geworden waren, so wie Papst Franziskus seine erste Reise nach Lampedusa gemacht hat, an den Ort des Todes für unzählige Flüchtlinge. Nikolaus hat Matrosen geholfen, die in Seenot geraten waren. Er hat vielen Mädchen geholfen, die, von armen Eltern stammend, schon als Kinder verheiratet wurden. Als drei von ihnen von ihrem Vater an Lüstlinge verkauft werden sollten, weil sie kein Heiratsgeld hatten, hat er heimlich jeden Abend für jeweils eines der drei kleinen Töchter Geld ins Fenster geworfen, damit sie ihre Mitgift bezahlen konnten und so nicht in die Prostitution geschickt wurden, sondern ordentlich heiraten konnten und nicht gefoltert oder ausgebeutet werden.

Viel Wunderbares hat er im Verborgenen getan: die Leute erzählten vom Kornwunder des Bischofs, weil er so vielen Armen Nahrung beschaffte, sodass sie glaubten, der Bischof könne Steine in Korn verwandeln. Am größten aber war die Liebe des Bischofs zu den Kindern. Armen Kindern hat er nachts Brötchen oder Süßigkeiten vor ihr Fenster gelegt, sodass die Kinder begannen, ihrem Bischof Briefe zu schreiben, um ihm zu danken und ihn gleichzeitig zu bitten, ihnen doch auch weiterhin zu helfen. Deshalb schreiben – heute weniger als früher - unzählige Kinder auf der ganzen Welt Briefe an „ihren Nikolaus“. Denn jedes Kind wusste, dass Nikolaus jedes Kind persönlich kennt. Knecht Ruprecht, der später als Bestrafender der bösen Kinder hinzukam, ist ein reiner Unsinn - ein Teufelsprodukt der Geld- und Angstmacher. Jesus liebt wie Bischof Nikolaus und wie Papst Franziskus alle Kinder, die bösen und die guten.

Überall in der Welt wird seit Jahrhunderten dieser Bischof der Armen aus Lykien also verehrt und geliebt. Im 6. Jahrhundert ließ Kaiser Justinian in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, eine Kirche zu seiner Ehre erbauen. Ein russischer Künstler hat im 12. Jahrhundert die – so wird gesagt - schönste Nikolaus-Ikone gemalt, wie überhaupt die Russen den hl. Nikolaus wie einen göttlichen Vater verehren. Eine Ausstellung in Recklinghausen zeigt derzeit (noch bis zum 23. Februar) über 114 russische Nikolaus-Ikonen. 1082 kamen seine Gebeine – Reliquien genannt - nach Bari in Süditalien. Christliche Kaufleute hatten nämlich in Myra die Gebeine des Heiligen ausgegraben und gestohlen – ziemlich wenig christlich war das. In der Basilika San Nicola werden die Gebeine des Heiligen bis heute innig verehrt. Der Volksheilige der Sizilianer wird täglich inbrünstig um seinen Beistand in ihrer von der Mafia beherrschten Gegend angefleht. Wirklich Teil ehrlicher Volksfrömmigkeit ist St. Nikolaus jedoch nur im russischen Volk geworden.

Was also sagt uns heute der Heilige aus der östlichen Türkei? uns und den Völkern der Welt? uns hier in Eisingen, den Kindern unter uns - was sagt uns der hl. Nikolaus? Feuert er uns nicht dazu an, Ähnliches zu tun wie das, was er selbst getan hat? … Kinder mit unserer Liebe beschenken, Armen Nahrung geben, Flüchtlingen Heimat schenken, armen Mädchen, verzweifelten Frauen zur Seite stehen. Welchen tiefen und frohen Glauben muss St. Nikolaus gehabt haben! Vielleicht fahren vor dem 23. Februar noch einige nach Recklinghausen, um die wunderbaren Nikolaus-Ikonen zu sehen, weil es nirgends im Westen so viele und schöne Nikolaus-Ikonen gibt wie in Recklinghausen. Dieselbe Freude, dieselbe Tiefe und Waghalsigkeit des Glaubens finden wir in unserem Papst. Er lädt alle Menschen ein, die Freude des Evangeliums, der Frohbotschaft, kennen zu lernen und aus diesem Geist den Armen Gutes zu tun. Jesus, das „Evangelium Jesus in Person“ (Nr. 209) ist der Grund seiner Freude und seiner Liebe zu den Armen. Evangelii Gaudium. Klaus Beurle