Predigten 2012

Predigt am 14. Oktober 2012 in Neumünster                                 Mk 10,17-30

                    Der Fluch des Reichtums – was tun wir?

 

Das heutige Evangelium spricht nicht vom Himmel, -nein, Jesus spricht von der Erde und den Zuständen, die auf unserem Planeten herrschen. Viele Kirchgänger bevorzugen Predigten, die von Gott und dem Himmel handeln. Doch viele, die nicht in die Kirche gehen und sich zudem für die ewige Rettung gar nicht interessieren, setzen sich für die Welt ein, von der Jesus redet. Die Kirche als Ganze gibt oft kein gutes Beispiel für die Eine Welt – sie hat eine glänzende Soziallehre, aber sie hält sich selbst nicht oder viel zu wenig daran.

Es gibt viele Länder und Zustände in einzelnen Ländern, für die das biblische Bild vom reichen Prasser und armen Prasser vollkommen zutrifft. Es herrscht weithin eine extreme sozial-wirtschaftliche Ungleichheit. Nicht nur die Ölmonarchen behandeln ihre Untertanen, vor allem ausländische, als Untermenschen. Auch in unserem Land nimmt die Zahl der Reichen, der Millionäre, stetig zu, während die Zahl der Armen rasant ansteigt.

 

Erzbischof Oscar Romero hat in seinen Predigten die Verabsolutierung des Reichtums angeklagt. Reichtum ist in der heutigen Welt etwas Unantastbares, etwas Absolutes geworden. Wer das Thema „Reichtum“ anfasst, gleicht einem Menschen, der eine Hochspannungsleitung berührt – er verbrennt daran. Erzbischof Romero erging es so. Sein irdisches Leben ist durch die Kugeln seiner Mörder erloschen. Er hatte den Reichtum der Wenigen angeklagt und wurde deswegen als dem Marxismus nahe stehend bezeichnet.

Romero hatte sich die Feindschaft der reichen Oberschicht zugezogen. Wie konnte er es wagen, ihren Besitz und Wohlstand anzuklagen? Wie kann sich eine Regierung in Europa erlauben, die Steuern der Reichen zu erhöhen – zum Ausgleich der Not der Armen und um ihr Überleben zu sichern? Sie verliert an Stimmen. Romero ließ den Vorwurf, er sei gegen die Reichen, nicht auf sich ruhen. Er machte den Reichen klar, dass Gott das alles umfassende, ewige Leben aller Menschen will. Weil Gott aber will, dass alle, auch die Reichen vom Leben-Nichts gerettet werden, betont Romero, dass sie nur gerettet werden können, wenn sie sich zu Christus bekehren, der in den Armen lebt. Diese Bekehrung ist jedoch verdammt schwer. Jesus gebraucht dafür das Bild des Kamels und des Nadelöhrs. Das Beispiel des jungen Mannes im Evangelium zeigt, dass er seinen Reichtum nicht zurückzulassen bereit ist, um den Armen von dem zu geben, was er selbst im Überfluss hat.

Romero machte aber auch deutlich, dass Almosen und Wohltätigkeitsprogramme allein nicht genügen. Es komme auf eine nachhaltige Veränderung der sozial-wirtschaftlichen und sozial-politischen Verhältnisse an. Vertröstungen auf das Jenseits zählen bei Jesus nicht: hic et nunc! Auf das Handeln heute kommt es an. Es ist die größte Tragödie unserer globalen, eng vernetzten Welt, dass es uns nicht gelingt, die Leiden der Hungernden und die Not der Chancenlosen zu lindern: wir könnten, aber wollen nicht teilen.

Erinnern wir uns nur kurz an einige Ausmaße der Not der Armen und an die Grausamkeit des Alltags der Hungernden: Auf unserer Erde verhungert alle fünf Sekunden ein Kind; täglich sterben etwa 5700 Menschen an Hunger, fast eine Milliarde Menschen sind unterernährt – und dies alles auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt.

Sind wir diesen Verhältnissen gegenüber machtlos? Nein, sagt Jesus: Armut ist nicht gottgewollt, sondern menschengemacht. Andernfalls würde er den jungen Mann nicht zum Verkauf seines Reichtums auffordern. Gottes Geschöpfe haben die Fähigkeit, das Elend der von Gott geschaffenen Menschheit wesentlich zu verringern. Wie? Etwa indem wir in Weltläden einkaufen – hier in unserer Nähe gibt es einen beispielhaften Weltladen, oder indem wir keine gentechnisch erzeugten Nahrungsprodukte einkaufen, weil sie die Bauern in armen Ländern zu Sklaven machen; oder indem wir möglichst vegetarisch leben, weil ein Großteil der weltweiten Getreideproduktion als Intensivernährung für Schlachtvieh verwendet wird und indem wir stattdessen saisonale Nahrungsmittel aus unserem Land einkaufen, denn Nahrungsprodukte aus wirtschaftlich schwachen Ländern zu kaufen ist reiner Schwachsinn.

Was will Jesus also – die Rettung der Armen oder der Reichen? Er will, dass alle Menschen ein menschwürdiges Leben führen, um zum göttlichen Leben zu gelangen. Will er, dass wir angesichts der Weltlage schwermütig werden? Nein – wir sollen glücklich sein, damit wir klar denken und wirksam kämpfen können.