Predigten 2012

Eucharistiefeier, 6. Oktober 2012 in St. Nikolaus Gerbrunn                               Mk 10, 13 - 16

 

Diözesanrat – wie Kinder werden?

 

„Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes“. Ihnen, sagt Jesus gehört das Reich Gottes und meint damit die Kinder. „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“

 

Ich komme eben von Himmelspforten, wo die Herbstvollversammlung des Diözesanrats stattfand. Dabei ging es um den Dialog, um den sog. Dialogprozess der deutschen Kirche. Die deutsche Kirche sucht den Dialog auf vielen Ebenen, um Vertrauen zur Kirche von innen und außen zu stärken und um die angeschlagene Glaubwürdigkeit wieder zurückzugewinnen. So auch die Diözese Würzburg.

 

 

Es ging um vielerlei: um Priester und Laien, um die Rolle von Hauptamtlichen und – in hervorgehobener Weise - um die Bedeutung der Ehrenamtlichen in den Gemeinden, es ging um die Jugend, die sich weithin aus den Gemeinden verabschiedet hat, um die Charismen in den Gemeinden u.a.m..

 

Was ist zu tun? Woran hapert es? Wie geht weiter und wie kann es nicht weitergehen? Wie ein roter Faden zog sich aus meiner Sicht durch alle Reden und Debatten das, was Jesus als die Notwendigkeit des Kind-werdens bezeichnet. Wenn wir das Glück und die Vollkommenheit des Gott-mit-uns, also des Reiches Gottes erfahren und gewinnen wollen, sollen wir, sagt Jesus, wie Kinder werden.

 

Klar, Jesus meint nicht ein Kindisch-werden oder Kind-bleiben, sondern Kind-werden als Höchstform unseres Menschen-seins. Was ein Anspruch, was eine Erwartung Jesu an uns! Können Katholiken der Diözese, können die diözesanen Ratsmitglieder wie Kinder werden? Doch bedeutet Kind-werden nicht dies?

<          Offen und erwartungsvoll sein für das, was kommt,

<          hellwach sein für das, was eben jetzt um mich herum geschieht

<          lernbegierig und erforschungshungrig allem Unbekannten gegenüber sein

<          gemeinschaftsbezogen und anlehnungsbedürftig sein

<          bereit sein, sich führen zu lassen, sich Eltern und anderen Nahestehenden anzuvertrauen

<          die eigenen, verborgenen Kräfte entfalten zum selbständigen Reif-werden.

Wir haben im Diözesanrat aus verschiedensten Lebensberiechen von Erfahrungen gehört, was alles sich unserem Kind-werden in Kirche und Gesellschaft entgegenstellt. Was heißt kindliches Vertrauen in einer Welt, in der Gewinn und Erfolg regieren? Was heißt es Gemeinschaft zu erfahren in einer zerbröckelnden und zersplitterten Gesellschaft und Kirche?

 

Als Kirche, so wurde uns bewusst, sind wir nicht nur deutsche Kirche, sondern Teil einer Weltgemeinschaft, einer weltweiten Kirche. Es wurde uns eindrucksvoll durch Film und Augenzeugenberichte bewusst, was Christsein in der Würzburger Partnerdiözese Obidos in Brasilien bedeutet. In zweifellos äußerst schwierigen Verhältnissen stellen sich Glaubensfragen der brasilianischen Christen in einem ganz anderen Horizont: da gibt es ganz wenige Priester und riesengroße Pfarreien, enorme wirtschaftliche Nöte und soziale Unsicherheit in der Gesellschaft. Auf wen sich da verlassen? In Obidos sagen die Christen: „Wenn wir uns am Evangelium ausrichten, sind wir auf dem richtigen Weg“.

 

Bei uns in der deutschen Kirche sei hingegen immer noch ein Machtgehabe anzutreffen – bei Priestern, aber auch bei Laien. Um Vertrauen zu schaffen, zählen keine Hierarchien, sondern Gemeinschaftsbeziehungen, Begegnungen, Gespräche auf Augenhöhe. Kompetenz sollte in der Kirche jeder haben, der aus dem Glauben lebt und seine Mitmenschen ernst nimmt.

 

Für viele unter uns ist ein fragender Glaube wichtig, nicht ein fertiger, abgeschlossener Glaube. Die Fraglichkeit unseres Glaubens kommt daher, dass Glaube ein Weg ist und kein Besitz. Deshalb sollten wir auch unseren Glauben so sagen lernen, dass er andere Menschen anspricht, auch jene, die weit weg sind von der Kirche. Wir müssen unseren Glauben neu sagen – frei von vergangenen Glaubenswelten und Denkvorstellungen, dafür aber in Beziehung zu den Glaubenserfahrungen unserer Gesprächspartner. Es ist mutig und heilsam, die eigenen Glaubensfestungen zu verlassen, um den Glauben anderer entdecken und wertschätzen zu können.

 

Deshalb erscheint es dringend notwendig, als immer wieder Signale zu setzen, durch welche die Jugendlichkeit der Kirche zu erkennen ist und die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen zum Ausdruck kommen.