Predigten 2012

15. Sept 2012, 17 Uhr, Käppele Würzburg, Kreuzweg mit Eucharistiefeier, Mk 8, 27ff

                             Erniedrigt und dadurch erhöht

Wir sind gemeinsam den Kreuzweg zum Käppele hinaufgegangen. Wir haben uns auf die schöne Aussichtshöhe über dem Main zum Käppele „hinaufgebetet“. Das tut gut - nicht nur der Seele, auch dem Leib. Gestern haben wir Kreuzerhöhung gefeiert, heute ist Gedenktag der Schmerzen Mariens, im Sonntagsevangelium, dem wir folgen, ist vom Kreuz die Rede. Was Sinnvolleres können wir daher tun, als über das aufs Erste unliebsame Thema „Kreuz“ zu meditieren und vernünftig darüber miteinander nachzudenken?

 

Was ist das Kreuz? Es ist mehr als ein Stück Holz, denn es symbolisiert einen Teil unseres Lebens. Kein menschliches Leben ohne Kreuzerfahrung. Mit dem Kreuz verhält es sich ja so: plötzlich ist es da, unerwartet, unwillkommen, aufregend. Plötzlich dringt es in unser Leben ein: wie aus heiterem Himmel durch eine körperliche oder seelische Erkrankung, durch eine herbe Enttäuschung, durch Schuld oder Schuldzuweisung, durch den Tod eines geliebten Menschen. Immer handelt es sich um Ereignisse, die niemand gewollt und niemand geplant hat. Sie sind einfach da – millionenfach gibt es solche Lebenseinbrüche. Plötzlich wird uns ein Strich gemacht durch das, was wir gedacht und unsererseits geplant hatten.

Ich persönlich kann mich in Sachen Kreuz nicht beklagen. Es gab Kreuze in meinem Leben, aber es waren keine riesig schweren Kreuzesbalken, die mir aufgeladen wurden – verglichen mit dem, was andere Menschen in armen Ländern wie Bangladesh oder in Kriegsgebieten wie Syrien tragen und ertragen müssen. Doch auch unter uns kenne ich Menschen, die ein schweres Kreuz tragen müssen, verbunden mit Schmerzen – mit körperlichen, seelischen Schmerzen, die manche fast zur Raserei oder zur Verzweiflung bringen. Wir denken beim Kreuz verständlicherweise an Schmerzen. Deshalb wollen manche das Kreuz am liebsten abschaffen oder im Klassenzimmer abhängen oder einfach nichts mehr davon hören, als ob uns Gott die Freude am Leben verderben wollte! Es gibt Muslime oder Buddhisten, die mit dem christlichen Kreuz nichts anfangen können, die ein Kreuz mit einem schmerzverzerrten Christus-Korpus nicht mitansehen können. Das soll Gott sein? fragen sie.

Aber es gibt – und das ist das Entscheidende – auch eine andere, eine schmerzbefreiende Seite des Kreuzes. Das Kreuz, das wir verehren, hat nämlich zwei Balken: einen senkrechten und einen waagrechten Balken. Das Kreuz Jesu hat eine himmlische und eine irdische Dimension, hat eine göttliche und eine menschliche Botschaft. Das ist der Clou oder – wie wir sonst sagen – das Mysterium des Kreuzes. Das menschliche Kreuz tut weh, drückt uns nieder und macht uns ganz klein. Das göttliche Kreuz, der vertikale Balken, tut auch weh, denn das Kreuz Jesu hat auch ihm wehgetan. Aber der göttliche Balken, das Kreuz Jesu unterdrückt uns nicht, sondern macht uns frei, baut uns auf, gibt uns Kraft, Hoffnung.

In Jesus sind beide Balken miteinander vereint und ineinander verwunden. Das Unglaubliche ist, dass Jesus die Kreuzesbalken selbst trägt und uns dadurch von unserem erdrückenden Kreuz frei macht. Verrückt! Aber so war es: der verlachte und verspottete König der Juden wurde durch sein Durchhalten der wahre König aller Völker. Dies ist das Unfassbare, dass der Schöpfer der Welt die verdorbene menschliche Natur angenommen und uns dadurch von Erniedrigung und Schuld frei gemacht hat. Felix culpa, sagt die Kirche: Glückselig die Schuld derer, die erkennen, dass sie vom Fluch menschlicher Bosheit befreit wurden. So groß ist seine Liebe, denn keiner ist so weit herabsteigen wie Er. Keiner hat so viel verschenkt wie Er, damit wir froh werden, weil er uns nicht erniedrigt, sondern erhöht. Deshalb fragt Nietzsche zu recht: Warum nur sehen die Christen so unerlöst aus?“

Dieser verrückten Liebe Jesu, die sich selbst erniedrigt, um andere zu erhöhen, haben sich immer wieder Menschen in seiner Nachfolge angeschlossen. Auch wir? Oder konnte nur Jesus das Gipfelkreuz der Erhöhung durch Selbsterniedrigung erreichen? Kennen Sie nicht auch Menschen, die dasselbe taten? Ich kenne einige. Nächstes Mal könnten über wir sie reden – über Ruth Pfau oder Sr. Irmlind, über meinen Nachbarn mit Darmkrebs oder über Bischof Kräutler. Natürlich reden wir dann auch wieder über uns, wenn wir von Gott reden.