Predigten 2012

Die Macht des reinen Glaubens

 

Sonntag 29. Jan 2012, St. Gertraud, Würzburg -   Mk 1, 21-28

 

Markus berichtet: es war wieder einmal Sabbat, Jesus war in der Synagoge, in Kafarnaum. Er, ein Laie, predigte; jeder konnte in der Synagoge predigen, es bedurfte keiner rabbinischen Genehmigung. Doch Jesus predigt anders als die Anderen – wie einer, der Autorität und Macht hat, schreibt Markus. Und während er predigt, kommt jemand mit einem unreinen Geist auf ihn zu. „Was hast du, Jesus von Nazaret mit uns zu tun, du willst uns doch vernichten; ich weiß, du bist der Heilige Gottes.“ Was für eine Intervention! Sie hat Geschichte gemacht. Jesus antwortet direkt: „Sei still! Verschwinde!“ Und der Mann, vom Ungeist gezerrt, wälzt sich, schreit, was er schreien kann und der unreine Geist verlässt ihn.

Klar, alle in der Synagoge waren bestürzt. „Da kommt einer mit einer neuen Lehre, befiehlt den unreinen Geistern und diese gehorchen ihm auch noch.“ Die Nachricht von diesem Ereignis verbreitete sich in ganz Galiläa.

Die Frage ist für mich: Gibt es unter uns heute noch ähnliche unreine Geister? Und wenn ja, wo sind sie, wo hausen sie? Und die andere Frage lautet: Predigt Jesus heute immer noch unter uns, durch Menschen mit derselben Autorität und Wirkmacht?

Letzten Sonntag war ich noch in Pakistan. Dort ist es leichter zu erkennen, wo die unreinen Geister sind und wer Worte sagt, die Autorität und Kraft haben- so sehr, dass die religiös und politisch Mächtigen davor Angst haben. Auch bei uns gibt es Ähnliches: Menschen, deren Worte Wirkung haben und andere, die mit Gott nichts zu tun haben wollen, die vor Ablehnung schäumen, wenn ihnen das wahre Heilige begegnet- nicht Menschen mit der üblichen Sonntagsreligiosität. Sie reden dann Unsinn: der Glaube an das göttliche Heilige würde der Menschheit schaden und sie zerstören.

Christen und Muslimen bin ich in Pakistan begegnet, die das reine Heilige in die Gesellschaft hineinrufen: das Göttliche, das in den Kleinen und Schwachen gegenwärtig ist, wollen sie schützen und retten. Es gibt bei den Armen eine Reinheit des Herzens, die überwältigend ist. Beispielsweise Rehana, die nach der Sonntagsmesse am vergangenen Sonntag in Lahore mit einer Ordensfrau im Gespräch war. Ich stand daneben und hörte die junge, sonntäglich gekleidete Pakistanerin schluchzend sagen: „Dreimal habe ich in der vergangenen Woche für meinen schwer kranken Vater Blut gespendet. Ich hatte immer noch gehofft. Doch dann wurde ich am Freitag selbst ohnmächtig. Als ich gestern wieder zu mir kam, war mein Vater schon tot.“ Sie versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken. Nach einer kurzen Weile fügte die zierliche Pakistanerin hinzu: „Gott weiß, was für uns Menschen das Beste ist.“ Gewiss, solch tiefen Glauben findet man auch bei uns. Aber bei einem Volk, das erbärmlich arm und teuflischen Mächten ausgeliefert ist, überwältigte mich ein solches Gottvertrauen.

Unser Glaube in den westlichen Ländern ist angefressen, angenagt durch den Geist der Selbstüberschätzung und des Unabhängig-sein-wollens: Ich allein. Wir meinen, alles zu wissen, mehr als Gott und wollen alles selbst meistern. Daran änderte sich auch wenig, seitdem wir neuestens erfahren, wie brüchig unser Glaube an unser profitorientiertes Wirtschafts- und Finanzsystem ist.

Reiner Glaube ist Ehrfurcht vor dem Heiligen Gottes, bedeutet sich anerkennend dem Willen Gottes zu unterwerfen. Eher bei den Armen und Hilflosen als bei den Reichen und Selbstsicheren findet sich solch reiner Glaube. Die kleine Minderheit protestiert aber auch gegen das Unrecht der Großen. Die Kleinen haben Mut, beugen sich nicht vor ihren Peinigern, auch wenn sie dabei sterben. Der wahre Heilige Gottes ist ihre Stärke und Macht.