Predigten 2012

Brücken überqueren - Brücken bauen

 

Pfarrei Mariä Himmelfahrt Werneck, Neujahrsgottesdienst 2012                          Lk 2,16-21

 

Ein neues Jahr hat begonnen: 2012. Wie fühlen Sie sich am ersten Tag dieses neuen Jahres? Ich kann sagen: ich fühle mich wohl, Gott sei Dank. Ich hoffe, sie fühlen sich auch wohl. Manche nehmen sich im Neuen Jahr vieles vor: es soll diesmal alles besser werden, sie wollen es endlich zu etwas bringen, sie wollen auch mal irgendwo gewinnen. Andere sagen: Es bleibt doch alles beim Alten, sie erwarten gar nichts, sie hätten eh keine Chance, sind traurig, fühlen sich elend. So unterschiedlich sind die Stimmungslagen am Jahresbeginn, bei privaten und wohl auch bei öffentlichen Leuten.

            Womit können wir den Jahreswechsel vergleichen: mit einem Fluss? mit einer Uhr? Mir kam die Brücke als Zeitenlauf-Symbol in den Sinn. Deshalb ging ich gestern am Silvestermorgen zur alten Mainbrücke in Würzburg. Ganz früh, im Dunkel, niemand war auf der Brücke, es war ganz still. Ich wollte den Brücken nachspüren, über die ich im neuen Jahr vermutlich gehen werde. Abends wurde es dann auf der Brücke laut und hell, ein Feuerkörper nach dem andern ging in die Luft. Helles, grelles, künstliches Licht erhellte die Nacht.

            Nicht selten bleibt uns nichts anderes übrig, als allein über unsere Brücke in einen neuen Lebensabschnitt zu gehen. Niemand ist da, niemand kann mir letztlich helfen. Ich muss allein gehen.

Tausende von Jugendlichen waren in Berlin zum Taizé-Treffen zusammengekommen. Sie suchten Gemeinschaft, eine offene, gläubige Gemeinschaft. Sie gingen davon aus, dass Menschen Brücken sind – Brücken zum Anderen, zum Fremden, Brücken zu Gott.       

            Brücken können ja Bekanntes und Unbekanntes miteinander verbinden. Jedes neue Jahr ist wie Neuland – wir wissen nicht, wie es weitergeht drüben auf der andern Seite des Weltenflusses. Wir müssen vieles überbrücken, um weiterzukommen. Das verlangt Mut, Vertrauen, Kreativität.

            Auch zwischen feindseligen Völkern gibt es Brücken, auch wenn nur wenige darüber gehen. Als wir noch weniger freundschaftlich mit unseren französischen Nachbarn umgingen, sind immer wieder Menschen über die Rheinbrücken gegangen, um den staatlichen Hass zu überwinden. Ähnliches lässt sich von der Oder sagen. Heute sind Franzosen, Polen, Deutsche häufig Freunde geworden, Freunde ganz unterschiedlichen Temperamente und Volksgeschichten. Ob sich dies auch über unsere türkischen Nachbarn sagen lässt – wir sind Freunde geworden? Wenn vorhandene Brücken benützt werden, können misstrauisch gesinnte Menschen zusammenfinden, oft ganz unerwartet.

            Auch in der Kirche sind heute Brücken enorm wichtig: Brücken, um zum verunsicherten, von vielen verlassenen Schiff Kirche zu gelangen. Das geht nur, wenn wir nicht stehen bleiben, nicht zurückschauen, sondern unvoreingenommen und „unmoralisch“ aufeinander zugehen. Wenn wir nicht mutig weitergehen gehen, gehen wir ein.

            Wichtig, dass wir über die Brücken zwischen gestern und morgen überhaupt gehen wollen, denn sonst verpassen wir das Heute. Über Brücken gehen zu wollen, verlangt Vertrauen in die Zukunft, verlangt ein JA zum Leben, so wie es ist, damit es besser wird.

            Das größte JA hat Gott selbst gesprochen: im Kind von Bethlehem. In ihm hat Gott eine Brücke zwischen Gott und Mensch geschlagen, um das Unvereinbare miteinander zu vereinen. Er hat JA gesagt zu uns Menschen, JA zu jedem einzelnen von uns, damit wir nicht resigniert, verunsichert nach rückwärts schauen und ohne Hoffnung am Alten hängen bleiben.

            Es kommt alles auf Gott an, aber auch auf uns. Wenn wir nicht JA sagen, nützt Gottes JA uns nichts. Aus menschlicher Sicht hat Maria das je größte JA gesprochen. Ihr bescheidenes, stilles JA war ein Nein zu menschlicher Selbstverliebtheit und Selbstverschlossenheit. Ihr JA fiel ihr nicht leicht, sie wusste ja überhaupt nicht, was aus all dem werden sollte. „Sie bewahrte all dies in ihrem Herzen.“ Sie vertraute und wagte es. Und sie hielt ihr JA durch; sie will, dass auch wir JA sagen das ganze Jahr hindurch, bis zum Schluss.