St. Nikolaus damals und die Nikoläuse heute

 

Patrozinium der Kirchengemeinde St. Nikolaus Gerbrunn                                                           4. Dez 2011 - 10 Uhr Eucharistiefeier

Mit dem hl. Nikolaus hat es, wie wir alle wissen, etwas ganz Besonderes auf sich. St. Nikolaus ist eine Ikone unter den Heiligen: altehrwürdig, millionenfach verehrt, sein Bild ist von wundersamen Erzählungen umrankt und sein Name ist in aller Munde. Kein Wunder, dass es ein russischer Maler war, der uns im 12. Jahrhundert wohl die schönste Ikone des Heiligen schenkte.

Aber wer war Nikolaus eigentlich? Kennen wir ihn überhaupt? Historisch gesicherte Fakten und Zeugnisse haben wir nicht von ihm - und dennoch redet die ganze Welt am 6. Dezember von St. Nikolaus: allerdings in völlig unterschiedlicher Art und Weise: kindlich-erwartungsvoll, tief gläubig, mehrheitlich jedoch kitschig, kommerzialisiert, ekelig entstellend: St. Nikolaus mit Knecht Ruprecht, St. Nikolaus, der Weihnachtsmann, Sinterklaas, Saint Nicholas, Sint Niklas, der Touristengeck etc. Christlich fromm wird der hl. Nikolaus heute noch in Bari im Süden Italiens verehrt, in der Basilika San Nicola, denn dorthin sollen seine Reliquien überbracht worden sein.

Wer war er also, der in Kirche und Gesellschaft so Hochverehrte und heute vielfach Missbrauchte? Vorgestern, als ich aus Indien zurückflog, habe ich aus dem Flugzeug auf die Osttürkei heruntergeschaut und mir gesagt: Dort unten irgendwo muss es gewesen sein; dort hat er gewirkt, in Myra und Umgebung, im damaligen Lykien unweit des heute von Touristen umschwärmten Antalya. In Myra war er wohl im 4. Jahrhundert Bischof, als die großen Konzilien der frühen Kirche in seiner Region stattfanden. Ein außergewöhnlicher Mann, ein Bischof, der viel von sich reden machte, obwohl weder Briefe von ihm noch irgendwelche Dokumente eines Zeitgenossen zu finden sind. Macht ja nichts: märchenhafte Erfindung kann das Ganze nicht gewesen sein - denn warum sollte man so viel von einem Menschen erzählen und anderen weitersagen, wenn seine Geschichten gar kein wahren Grund hätten?

Was erzählt man denn seit dem 4. Jahrhundert von diesem Mann aus Lykien? Schönes, Wunderbares, Heilsames erzählt man von ihm: Er war gut zu den Menschen, von reichen Eltern stammend hat er seinen Reichtum an die Armen verschenkt, hat armen Mädchen geholfen, die keine Mitgift zum Heiraten hatten, stand gestrandeten Menschen zur Seite, hat Schiffsleute, die in Seenot geraten waren, gerettet, hat Hungernden geholfen, indem er reichen Seeleuten das Teilen ihres Besitzes abverlangte, wodurch es zum sog. Kornwunder kam, er hat einen ertrunkenen Sohn seinen Eltern zurückgegeben und vor allem hat er den Kindern schöne Geschenke gemacht, sodass heute noch Tausende von Kindern Briefe an „ihren Nikolaus“ schreiben. Erinnern uns all diese Wunderberichte, die man von Bischof Nikolaus erzählt, nicht an vieles von dem, was wir von Jesus gehört haben und was uns von ihm erzählt wurde?

Die spannende Frage ist nun aber, was dies alles uns heutigen Menschen bedeutet, vor allem Ihnen in Gerbrunn, die Sie Ihre Kirche dem hl. Nikolaus geweiht haben und deshalb heute, am Sonntag vor dem aller Welt bekannten 6. Dezember, Ihr Gemeindepatrozinium feiern? Nikolaus, so denke ich, hat viel mehr mit unserer Gegenwart zu tun als mit seiner weithin im Dunklen liegenden Vergangenheit. Wenn wir den Nikolaus oder die Nikoläuse unter uns, mitten unter uns sehen und entdecken, begreifen wir, dass Nikolaus weiterwirkt und die Güte und Gerechtigkeit Jesu durch ihn in unsere Zeit hineinwirkt. Deshalb frage ich: Kennen wir nicht Menschen unter uns, die in ähnlicher Weise Ähnliches wie St. Nikolaus leben und tun? Menschen, die anderen, die in Not sind, helfen, Menschen, die Kinder mit der kostbarsten Gabe beschenken, nämlich mit Liebe, sodass Kinderaugen aus dankbarer Freude groß und hell werden? Kennen wir nicht auch heute Menschen, die sich der Gestrandeten annehmen, die sich um Gerechtigkeit, um den Ausgleich der vorhandenen Güter mühen?

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen für Menschen, die sich heute ähnlich wie der hl. Nikolaus für andere Menschen einsetzen. Mir kam da Sr. Irmlind Rehberger, die Oberzeller Franziskanerin in den Sinn, die vor kurzem von uns gegangen ist. Viele Menschen, vor allem junge Frauen, kannten sie; sie hatte ihnen geholfen, aus ihrer Ausweglosigkeit einen Weg ins Leben, zurück ins Leben zu finden. Wer Sr. Irmlind in die Augen schaute, sah ein Leuchten in ihr, das einen froh machte und einem Vertrauen und Lebensmut schenkte.

Sie war Frau, Ordensfrau und als solche der hl. Klara zutiefst verbunden. Wie der hl. Nikolaus das gütige Antlitz des väterlichen Gottes sichtbar machte, so konnten viele Menschen in Irmlind das mütterliche Antlitz Gottes erkennen. Sie war so menschlich und zugleich so mutig – wirklich, eine heiligmäßige Frau. Sie setzte sich unerschrocken für Frauen im Gefängnis ein, für traumatisierte Menschen, für Mädchen, die Schiffbruch erlitten hatten. Ihre ergreifende Beerdigung, an der Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft und der Kirche teilnahmen, war ein beredtes Zeugnis für ihr überzeugendes, erlöstes Leben. In einer ihrer Tagebuchnotizen ist einmal ihr Lebenswunsch zu lesen: „Ich wünsche mir sehr, dass ich Spuren der Liebe hinterlasse, wenn ich einmal endgültig gehe.“ Gilt für den hl. Nikolaus nicht dasselbe: er hat Spuren der Liebe hinterlassen, starke Spuren, für Alt und Jung, für klein und groß?