Draußen und Drinnen

29. Okt 2011 St. Nikolaus Gerbrunn                                   Mal 1 -2, Matth 12

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, geht es uns nicht unter die Haut, was wir soeben in den Schrifttexten hörten? Man könnte meinen Maleachi hätte damals schon um die heutigen Missbrauchsskandale gewusst. Doch worum geht es ihm? „Wir, haben wir nicht alle denselben Vater? Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen? Warum handeln wir dann treulos, einer gegen den andern?“ Und Jesus ähnlich massiv über die Schriftgelehrten und Pharisäern: „Richtet euch nicht nach dem, was sie tun, denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen“. Wer ist heute gemeint? Die Gelehrten und die Oberen der Kirche? Ich frage Sie nur. „Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen. Denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.“ Rauschen uns nicht die Ohren, wenn wir uns vor Augen halten, wie weit wir in unserer Kirche von den Worten der Schrift entfernt sind? Nur ein Heiliger Vater – der im Himmel! Und bei uns auf Erden?

Es liegt mir fern, obwohl es sehr nahe liegt, heute gegen die Gelehrten und die Oberen in unserer Kirche zu predigen. Auch nicht gegen die Priester, zu denen ich ja selbst gehöre und um deren, um unsere Skandale Sie ja inzwischen alle wissen – skandalöses Verhalten in kirchlichen Reihen, und nicht nur im schrecklichen Missbrauchs-Bereich.

Wer mit offenen Ohren die Worte der Schrift hört, kommt nicht darum herum, entsetzt zu sein, wie weit wir vom Geist der Schrift entfernt sind - nicht mehr so weit vielleicht wie damals, als Martin Luther aus Verzweiflung sagte: Sola Scriptura – d.h. lasst euch als Christen von nichts anderem leiten als vom Geist der Schrift. Es liegt mir auch fern, von den heutigen Schrifttexten her zu den viel diskutierten und m.E. notwendigen Kirchenreformen etwas zu sagen.

Es geht mir vielmehr darum, mit Ihnen heute verstärkt auf die Frage eine Antwort zu finden: Wie weit bin ich selbst vom Geist der Schrift entfernt in dem, was ich sage und tue? Was kann ich, was können Sie als Gemeinde tun, um die um sich greifende Unglaubwürdigkeit der Kirche zu überwinden – oder sagen wir besser: um sie etwas zu verringern zu helfen?

Vorgestern berichtete der Deutschlandfunk von einer Umwelt-Studie, die besagt, dass die deutschen Bischöfe zu 90% Spitzenautos fahren, die extrem mitweltunfreundlich sind. Während sie in den Kirchen von der Bewahrung der Schöpfung predigten, schaden sie mit ihren Autos der Umwelt. Ich will nichts gegen die Bischöfe sagen, denn Skandalmeldungen dieser Art gibt es heute fort und fort. Dabei ist die Kirche, ihres Vorbildanspruchs wegen, immer wieder Zielscheibe öffentlicher Kritik. Es gibt gewiss auch heute noch Christen, die sagen: Papst und Bischöfe haben immer recht und machen nie etwas falsch. Dies zu glauben fehlt mir und sicher auch vielen von Ihnen der Glaube.

Was also ist die Botschaft der heutigen Schrifttexte? Ich habe drei Anstöße für mich und für Sie herausgehört:

1. Die nötigen Kirchenreform gelingen nur, wenn wir verstärkt aus dem Geist heraus handeln, der uns alle als Christen unterschiedslos eint und miteinander verbindet. In der Taufe wurden wir alle, ohne hierarchische Abstufungen dazu befähigt und beauftragt, die befreiende Liebe Jesu zu leben und sie an andere weiterzugeben.

2. Gemeinschaft, also Kirche gelingt nur, wenn ich nicht zuerst auf mich selbst schaue, sondern auf die Gemeinschaft mit dem Ziel, dass es der Gemeinschaft gut gehe. In diesem Punkt können wir von Menschen anderer Kulturen und Religionen viel lernen.

3. Was wir in der Kirche sagen, sollen wir auch auf der Straße sagen. Drinnen und Draußen dürfen nicht voneinander getrennt oder widersprüchlich sein. Vom Bündnis „Thron und Altar“ ist viel Unheil ausgegangen. Heute kommt es auf das Bündnis „Altar und Straße“ an, auf das Christsein im Alltag, das vom Altar ausgeht. Drinnen fromme Dinge sagen und draußen den Mund halten oder das Gegenteil tun, macht uns unglaubwürdig. Draußen sagen und tun, wofür ich vor dem Altar stehe.