Selbsterniedrigung - oder: Jesus, meine Freude

 

 

22. Sonntag im Jahreskreis                   9.30 Uhr Franziskanerkirche                 2. September 2007

Sir 3, 17 – 29                                                                                        Lk 14, 1.7 - 14

 

  • Auch heute legt uns die Kirche wieder ein recht ungemütliches Evangelium vor, ganz und gar nicht der allgemein angenehmen Ferienstimmung entsprechend. Denn wer findet den Satz schon wohltuend: „Wer sich selbst erhöht wird, wird erniedrigt werden; wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden?“

 Wir haben es soeben gehört, in welchem Zusammenhang Jesus dieses Wort gesagt hat: Er war zu einem größeren Mahl eines angesehenen Pharisäers eingeladen. Die Leute kamen und jene, die sich für etwas Besonderes hielten, drängten sich nach vorne. Sie wollten die ersten Plätze einnehmen. Doch gerade da hakte Jesus ein: Wer sich so verhält, wird sich am Ende wundern. Eines Tages wird es ein Erwachen geben. Denn die, die keinen Ehrenplatz beansprucht und sich klein gemacht haben, werden am Ende ganz oben, ganz vorne sein. – Ist das nicht eine seltsame Vorstellung, die Jesus da aufzeigt? Wann schon wird so etwas eintreten?

 

 

  • Achtgegeben! Jesus will uns nicht nur sagen, daß Bescheidenheit nur eine Tugend ist, die Menschen sympathisch macht, - im Gegensatz zu denen, die behaupten, wer angibt, hat mehr vom Leben. Jesus erklärt genau, was er unter Selbsterniedrigung versteht. Er zeigt deshalb eine Zusammenstellung von Gästen eines Festmahles auf, die er für ideal hält.

 Er rät dem Gastgeber, solche Menschen einzuladen, die es sich nicht leisten können, ihn - quasi als Retourkutsche – zu sich nach Hause einzuladen. Jesus nennt solche Menschentypen, die er einladen würde: „Arme, Krüppel, Lahme, Blinde“ (Lk 14, 13). Heute würde er seine Spezialgruppe vielleicht so nennen: Süchtige, Depressive, Asylanten, Wohnsitzlose – die sollt Ihr einladen. So also meint Jesus das „Sich selbst erniedrigen“. Es geht ihm nicht um eine fromm sich in den Hintergrund drängende Bescheidenheit, sondern um ein Handeln, mit dem man sich bei der besseren, bei der oberen Gesellschaft unbeliebt, wenn nicht gar lächerlich macht.

 

  • Aber ist Jesus damit nicht recht wirklichkeitsfremd? So etwas macht doch heute niemand mehr! Moment! Jesus redet von einer Selbsterniedrigung, die die Erniedrigten aufsteigen und nach oben kommen lässt. Er redet nicht davon, freiwillig einmal auf etwas zu verzichten, auf ein Eis oder auf einen Schoppen. Jesus redet von einer die Verhältnisse auf den Kopf stellenden Haltung und Handlung. (Übrigens redet Jesus immer so.)
  • Ich habe es dreimal erlebt, wie und wo Jesu Vorstellung Wirklichkeit geworden ist:

° Heinrich Spaemann, der Gelehrte, hat zu seinen Geburtstagen immer Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen eingeladen (was seinen ebenso gescheiten Verwandten gar nicht so sehr behagte); ° Jean Vannier hat es in seinen Arche-Wohngemeinschaften erreicht, dass Behinderte und Nicht-Behinderte eng wie eine Familie zusammenleben; ° Mutter Teresa hat es in ihren Häusern geschafft, dass Arme von Reichen bedient und Sterbende von Gesunden gepflegt werden. - Ich habe mich bei diesen drei Beispielen gewundert, welche Ruhe, welche Freude und Menschlichkeit von solchen Gemeinschaften ausgingen! Es ist also keine Illusion: dass „Arme, Krüppel, Lahme, Blinde“ nach vorne geholt und von anderen bedient, ja verwöhnt werden.

 

  • Doch diese drei Beispiele zeigen die Selbsterniedrigung, von der Jesus spricht. Das klappt nicht bei Menschen, die sich künstlich anderen gegenüber klein machen und anderen gar Schuldgefühle zufügen (oft, weil sie sich selbst im Leben nichts zutrauen). Selbsterniedrigung ist ein Kampf um die Wahrnehmung der Wahrheit des Lebens. Menschen, die sich durch Stolz und Angeberei wichtig machen wollen, leben in einer Scheinwelt und vergiften das menschliche Zusammenleben. „Für die Wunde des Übermuts gibt es keine Heilung, sie ist wie die Wurzel eines giftigen Krauts“ (Sir 3, 28). Gibt es nicht allzu viel Angeberei und sinnlosen Übermut in unserer Gesellschaft, die allzu oft, vom Alkohol angetrieben, in Gewalttaten enden?
  • Es liegt nahe, in diesem Zusammenhang auf drei Frauen hinzuweisen, deren Jubiläen wir feierten bzw. noch feiern. Sie haben uns gezeigt, welcher Kampf nötig ist, um bei denen zu landen, die ganz unten sind. Ich meine Clara von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Agnes von Prag. Die beiden letzten stammten aus adligen Familien. Die Gesellschaft und die Kirche damals wollten es Frauen nicht zutrauen, arm wie Jesus und arm wie die Armen leben zu können. Selbst Päpste und Kardinäle fühlten sich bei adligen Familien mehr zuhause als bei Krüppeln oder bei gebrochenen Existenzen. Doch diese drei Frauen wollten in leidenschaftlicher Liebe für Jesus wollten auf all ihre Privilegien verzichten, selbst auf das Ansehen angeborener Adelshoheit. Sie wollten in Armut bei Jesus und bei den Armen sein. Sie gaben nicht nach, obwohl die männlichen Kirchenhoheiten es verhindern wollten. Sie haben durch ihr (zum Teil kurzes) Leben einen großen Beitrag für die Armen und für die Frauen in Kirche und Gesellschaft geleistet. Sie wollten als treue Töchter der Kirche in freier Selbsthingabe die gottgegebene Würde des Armseins, des letzten Platzes bezeugen. Welcher Mut und welcher Selbsterniedrigung war nötig, bis sie Jesus so nachfolgen konnten. Doch sie hatten den gefunden, der ihre ganze Freude war.klaus beurle