BOSNIEN – Europa, wo bist du?

 

Ein zerteiltes Land ringt um seine Zukunft

Bosnien-Erklärung der interreligiösen Würzburger Reise- und Gesprächsgruppe

 

Eine 16-köpfige interreligiöse Gruppe aus Würzburg führte nach einjähriger Vorbereitungszeit in der Zellerau zusammen mit der Ökumenischen Nagelkreuz-Initiative vom 5.-13. April 2014 eine Begegnungs-, Studien- und Versöhnungsreise nach Bosnien-Herzegowina durch. Ziel war es, Geschichte, Kulturen, Religionen und Gegenwartssituation des bosnischen Volkes verstehen zu lernen und über Wege bosnisch-deutscher Solidarität nachzudenken. In Sarajevo, dem Jerusalem Europas, hörten wir Referate von Experten unterschiedlicher Fachgebiete, führten vielseitige Gespräche und besuchten historische Stätten. Von Sarajevo aus unternahmen wir je eine Tagesreise in die abgelegenen Dörfer der Romanija bis nach Olovo, nach Mostar und nach Srebrenica.

1. Überall wurden wir von der einheimischen Bevölkerung freundlich begrüßt und herzlich aufgenommen. Von den malerisch schönen Landschaften des touristisch wenig erschlossenen Landes, von seinen Quellen und Flüssen, von Schluchten und verschneiten Berghöhen waren wir sehr beeindruckt.

2. Von den Folgen und Spuren des zwanzig Jahre zurückliegenden ethnischen Eroberungskriegs, von Ruinen, zerbombten Häusern, Granateinschlägen und Minenfeldern und nicht zuletzt von der großen Armut der ländlichen Bevölkerung waren wir zutiefst betroffen. Der Germanist Professor Dr. Vedad Smailagić schilderte die Hoffnungslosigkeit seiner Studenten: „Unsere wirtschaftliche Situation ist eine Katastrophe. Alles stagniert, so dass immer mehr junge Menschen unser Land verlassen.“ Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Dževada Šuško erläuterte die sozial verheerenden Folgen der ethnischen Säuberungen.

3. Unsere Interessen galten dem Alltagsleben der Bosnier und Bosnierinnen, ihren Kulturen und besonders ihren Religionen: Welche Rolle haben die drei großen Religionen des Landes – Katholizismus, Orthodoxie und Islam – im Krieg gespielt? Welche Rolle spielen sie heute? Wir begegneten hochrangigen Vertretern der jüdischen, katholischen und islamischen Religionsgemeinschaften: dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Jakob Finci, Vinko Kardinal Puljić und Mirsad Kalajdžić für den Reis-ul-ulema. Die Möglichkeit zu einem Austausch mit einem Vertreter der orthodoxen Religionsgemeinschaft ergab sich leider nicht.

Es wurde uns bewusst, wie verhängnisvoll es ist, wenn Religionen sich mit bestimmten ethnischen Volksgemeinschaften identifizieren und sich für ethnische Eigeninteressen instrumentalisieren lassen. Obwohl nach und nach auf allen Seiten Gewalt angewandt wurde, machte es uns nachdenklich, dass 85% der Kriegsopfer muslimische Bosniaken waren und an zahlreichen Orten sämtliche Moscheen dem Erdboden gleichgemacht wurden. Nach dem Krieg wurde zwar ein offizieller interreligiöser Rat der höchsten katholischen, orthodoxen und islamischen Religionsvertreter gegründet, dem es allerdings noch nicht gelungen ist, den Missbrauch der Religionen für nationalistische Interessen durch machthungrige Politiker zu verurteilen und zu unterbinden.

Mirsad Kalajdžić erläuterte uns, dass der bosnische Islam staatsunabhängig ist und der Reis-ul-ulema, der Großmufti, synodal gewählt wird, während uns P. Mile Babić OFM die geschichtlich bedeutende Rolle der bosnischen Franziskaner darlegte. Đermana Šeta vom Institut für islamisch-bosnische Tradition erklärte uns, weshalb die Emanzipation bosnischer Frauen der ursprünglichen islamischen Tradition folgend in Bosnien weit vorangeschritten ist.

4. Immer wieder brachten Referenten oder Menschen auf der Straße ihr größtes Anliegen zum Ausdruck: Ihr tiefster Wunsch ist es, dass die Wahrheit der Ereignisse der vergangenen zwanzig Jahre ans Licht komme. Solange die Wirklichkeit, wie sie war und wie sie heute ist, nicht wahrgenommen werde, könnten die immer noch tief klaffenden Wunden nicht heilen. Hatidža Mehmedović (54), die das Massaker in Srebrenica überlebt, aber alle männlichen Verwandten verloren hat, beteuerte uns an der Srebrenica-Gedenkstätte: „Erst wenn wir die Spuren, der in Massengräbern zerstreuten Gebeine aller unserer Toten gefunden haben, finden wir inneren Trost und hören auf zu weinen.“ Hasan, gleichfalls Kriegsüberlebender, war 19 Jahre alt, als der sog. Bosnien-Krieg 1995 endete. Er schilderte uns vor den Grabsteinen mit Tausenden eingeschriebener Namen seine schrecklichen Erfahrungen: „Ich kämpfte damals fort und fort weiter, um zu überleben – und ich kämpfe bis heute um mein Überleben. Es ist unfassbar, dass in Den Haag immer noch keine Urteile über die festgenommenen Kriegsverbrecher Karadžić und Mladić gefällt wurden und sich bei uns bekannte Kriegsverbrecher nach wie vor unbehelligt in unserer Gesellschaft bewegen. Solange wir uns als ein Volk unserer Geschichte nicht stellen, bleibt Bosnien-Herzegowina ein Unruheherd im Südosten Europas. Doch wir alle wollen Nie wieder Krieg!“

5. Es wurde uns berichtet, dass auch Serben Muslime beschützt haben, wie früher Muslime Juden vor Partisanengruppen im 2. Weltkrieg in Schutz genommen haben. Viele Bosnier/innen sind nach wie vor bereit, unabhängig von ethnischen Ab- und Ausgrenzungen miteinander zu leben und füreinander da zu sein. Der Franziskaner Drago Bojić fordert daher die Überwindung von Parallelgesellschaften und das offene, auf die heutige Wirklichkeit bezogene Gespräch der Religionen. Zivile Organisationen und NGOs, Friedensorganisationen wie Pax Christi u.a., Künstler und Schriftsteller führen immer wieder Bosnier/innen aus allen ethnischen und religiösen Traditionen zusammen. Sie bauen an einem bosnischen Staat mit, in dem alle Menschen gleiche Rechte und gleiche Chancen haben. Michele Parente vom Forum Ziviler Friedensdienst erläuterte uns die Themen der Workshops, die beim peace event am kommenden Pfingstfest mit Tausenden von Teilnehmern/innen aus aller Welt erörtert werden.

6. Alle Gesprächspartner/innen machten uns klar, dass der Dayton-Vertrag von 1995 dringend einer Revision bedürfe. In Dayton wurde von europäischen Mächten, den Vereinten Nationen und den USA mit den Kriegsparteien ein Waffenstillstand vereinbart und dem zerteilten Staat gleichzeitig eine Verfassung vorgeschrieben. Die Festlegung ethnischer Grenzen als staatliches Ordnungsprinzip blockiert jedoch bis heute die gesamtstaatliche Entwicklung Bosnien-Herzegowinas. Dadurch wurde dem eigennützigen Machtspiel politischer Eliten Vorschub geleistet. Die Errichtung eines eigenen serbischen Teilstaats (Republika Srpska) und die Massenvertreibungen verhindern, einen pluralen, demokratisch funktionierenden Gesamtstaat zu schaffen mit gleichen Rechten und Chancen für alle Bürger/innen. Das Versagen und die Mitverantwortung der Europäer erlauben es uns nicht, menschlich, wirtschaftlich und politisch Bosnien-Herzegowina zu vergessen.

7. Wir haben uns daher entschlossen:

(1) Das vergessene Land Bosnien-Herzegowina ins Bewusstsein zu bringen:

2014 - in Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren,

2015 - in Erinnerung an die Beendigung des Bosnienkriegs 1995.

(2) Wir werden von Europa-Politikern fordern, sich verstärkt für Bosnien-Herzegowina zu engagieren, sich für eine Revision des Dayton-Abkommens einzusetzen und dem Land baldmöglichst eine EU-Beitrittsperspektive zu eröffnen.

(3) Wir werden uns in Würzburg weiterhin für eine versöhnte Gesellschaft engagieren, in der Menschen verschiedener Traditionen lernen, sich gegenseitig zu respektieren, sich wechselseitig zu bereichern und sich gemeinsam gegen Gewalt und nationalistische Aktivitäten zur Wehr zu setzen.

(4) Wir wollen als Ausdruck unserer Solidarität eine bosnisch-deutsche Gesellschaft gründen.

(5) Wir laden demnächst ein

- zu einem „Gebet der Religionen“ in der Würzburger Zellerau (voraussichtlich) im Juli 2014,

- zu zweimonatlichen Filmaufführungen zum Thema Bosnien

- und zur Bosnischen Woche Stationen der Erinnerung - Geschichten der Versöhnung 2015

(6) Die nächste Begegnungs-, Studien- und Versöhnungsreise ist für 2015 oder 2016 geplant.

Für die Würzburger Reisegruppe: Imam Zahir Durakovic (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), Pfarrer Klaus Beurle (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!), Karin Knorr, Johanna Falk, Ilija Dević, Michael Stolz

Kontakt

Dr. Klaus Beurle

Pleicherpfarrgasse 10
97070 Würzburg
Tel / Fax: 0931/45258898
e-mail:
klaus-beurle(at)t-online.de

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