gewaltfrei machtlos?

Die Ausmaße von Gewalttaten sind entsetzlich. Erschütternd die Kriege in Syrien, Libyen, Jemen…. Erschreckend die Mordtaten in Kassel, in Minneapolis. Die täglichen Gewaltnachrichten erschlagen mich. Gibt es eine angemessene Reaktion darauf?

Gut 2000 Jahren sind es her, dass einer aufstand und sagte: „Liebet eure Feinde…. Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere Wange hin“ (Mt 5,45f). Unmöglich – sagt mir mein bloßer Menschenverstand. Jesus zeigte uns jedoch, dass es möglich ist. Er schlug nicht zurück, als sie auf ihn einschlugen, wich nicht aus, als sie ihm nach dem Leben trachteten und verzieh seinen Feinden, als sie ihn ans Kreuz nagelten. „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34).

Konnte uns Jesus seine Kernbotschaft der Feindesliebe stärker und eindringlicher vermitteln? Keiner von uns weiß, ob er sich in der Stunde, in der es darauf ankommt, gewaltfrei auf seine Feinde einlassen kann. Christen werden täglich ihres Glaubens wegen immer angefeindet. Etwa in Pakistan wissen die Menschen, welche Konsequenzen Feindesliebe hat.

Der Zimmermannssohn hatte zu glauben gelernt, dass der Vater im Himmel „seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Er glaubte nicht nur theoretisch, sondern gab seinem Glauben Fleisch und Blut, sodass Paulus an die Kolosser schreiben konnte: „…durch sein Blut am Kreuz hat er Frieden gestiftet“ (Kol 1,20).

Wenn es hart auf hart kommt, will Jesus sagen, lässt Gott die Wehrlosen nicht im Stich. Der Psalmist ist sich sicher, dass Unrecht nicht das letzte Wort hat: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“ (Ps 126,6)

Gewaltfreiheit garantiert keinen Erfolg. Schmach und Erniedrigungen der Friedfertigen sind unvermeidlich. Geschichtliche Erfahrungen wirkkräftiger Gewaltfreiheit wie im Unabhängigkeitskampf Mahatma Gandhis oder in der philippinischen People Power Revolution von 1986 oder in der Dynamik der Proteste von Nelson Mandela und Martin Luther King sind nicht alltäglich. Gewaltfreiheit wächst im Stillen und Kleinen; sie kann, aber muss nicht zwingend gesellschaftsverändernd wirken. Von der Zeit der ersten Märtyrer*innen an haben Menschen jedoch unaufhörlich bezeugt, dass machtlose Gewaltfreiheit der Friedfertigen mächtiger ist als die harte Gewalt der Mächtigen. Am Horizont gewaltfreien Handelns werden Konturen eines allumfassenden gerechten Friedens erkennbar. Klaus Beurle