Im Heute Gottes leben

 

Es war für mich ungewohnt, als Frère Roger in Taizé erstmals vom l´aujourd´hui de Dieu, vom Heute Gottes sprach. Später haben viele sein Buch „Das Heute Gottes“ aufmerksam und neugierig gelesen. Was wollte der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé uns mit dem Heute Gottes sagen? Heute als Wesenseigenschaft Gottes – Gott ist Heute?

Wir dürfen davon ausgehen, dass Frère Roger mit dieser bedeutungsvollen Wesensbezeichnung Gottes eine mystische Erfahrung zum Ausdruck gebracht hat, die wohl grundlegend war für seine weitreichenden Visionen: Er lebte im Heute Gottes und wollte vom Heute Gottes erfüllt mit seiner Gemeinschaft von Brüdern verschiedener Konfessionen ein „Zeichen der Einheit“ in die Wirklichkeit umsetzen.

Im Alltag wird uns immer wieder, oftmals blitzartig bewusst: Was war, ist nicht mehr und etwas Neues ist noch nicht in Sicht. Was gestern war, ist heute nicht mehr und was morgen sein wird, weiss niemand. Meist ist diese Erfahrung eine schmerzliche Erfahrung – die Erfahrung eines Vakuums, einer Unsicherheit, einer Orientierungslosigkeit. Persönlich, gesellschaftlich und im Leben mit der Kirche erfahren wir solche Zeiten der Leere, der Unsicherheit und des Alleinseins. Dann suchen wir nach Halt und nach einem Leben, das uns trägt. Solche Erfahrungen des Dazwischen-seins, in der ich meine Handlungsrichtung und Glaubenssicherheit verloren habe, gehören zu den jämmerlichsten Erfahrungen meines Lebens. Ich vermochte die Nähe, die Gegenwärtigkeit Gottes nicht mehr zu spüren und hielt Gott für ganz weit entfernt von mir.

Es ist klar, dass Gottes Heute etwas anderes ist die Ewigkeit Gottes, unter wir uns oft eine endlose Folge von Milliarden von Jahren vorstellen. Im Heute Gottes offenbart sich uns die Ewigkeit Gottes als das, was sie ist: ein geheimnisvolles Durchdringen unserer menschlichen Wirklichkeit. In der Würzburger Augustinerkirche gibt es einen eigenen Raumbereich für das Dazwischen: kleine Kerzen, eine golden gewölbte Wand und ein Buch der Namen befindet sich im Raum des Dazwischen. Viele Menschen halten sich dort immer auf: sie finden sich und ihre Lebenserfahrungen im Raum des Dazwischen wieder. Ewigkeit wird oft als Zeit- und Raumlosigkeit gedeutet. Wir können uns mit unserem Verstand und Bewusstsein Raum- und Zeitlosigkeit nicht vorstellen, weil unser Bewusstsein selbst in Raum und Zeit entstanden sind. Das Heute Gottes aber kennt keinen Gegensatz zwischen Zeit und Raum. Gottes Handeln in der Geschichte hat unsere Zeit- und Raumvorstellungen gesprengt und für seine unbegrenzte Gegenwart geöffnet. Unser Bewusstsein wird auf unbegreifliche Weise durch Gottes Kommen in göttliche Gegenwart, in Gottes Heute umgewandelt. Aus dem Heute Gottes leben und handeln zu können ist Gnade, die Gott in uns wirkt.

Frère Roger hat Gottes ununterbrochen gegenwärtige Präsenz als das Heute Gottes erfahren. Aus dieser Gotteserfahrung hat er gelebt und seine schöpferischen Kräfte entfaltet. Die Gegenwart des Auferstandenen hat sein Denken und Fühlen so sehr getragen, dass er vielen Menschen Anstöße und Beweggründe gegeben hat, ihre eigenen Leerräume und Zwischenräume der Orientierungslosigkeit und Mutlosigkeit in Hoffnungskraft und Lebensmut zu verwandeln. Dies bedeutet keineswegs, dass Frère Roger nicht die dunklen Nächte der Seele erfahren hat. Doch seine Grunderfahrung der Gegenwart Gottes mitten im Heute befähigte ihn zu einer Vision, die in einem einfachen und kontemplativen Leben ihren Ausdruck fand. Er glaubte an das Heute Gottes in jedem einzelnen Menschen: „Ob wir von Christus wissen oder nicht; er ist da, ganz nahe bei jedem“. Daraus ist eine lebendige und innige Beziehung zu vielen Menschen entstanden.

Frère Roger war, ähnlich wie Charles de Foucauld, durch die Erfahrung von Gottes Heute vom Verlangen beseelt, seine Christusnähe mit und in einer Kirche zum Ausdruck zu bringen, die „einfach, gastfreundlich und barmherzig“ ist. Jugendliche sind für diese Sehnsucht besonders ansprechbar, sodass Taizé zu einem weltweit bekannten „Zeichen der Einheit“ unter vielen Völkern geworden ist. Kirche aus dem Heute Gottes, aus der Kraft des Evangeliums zu leben bedeutet Spaltung und sterile Glaubensdiskussionen zu überwinden. Das Leben ist entscheidend: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“

Wir waren früher lange Zeit gewohnt, von der Allgegenwärtigkeit Gottes zu sprechen und stellten uns darunter etwas Statisches, etwas Passives vor. Im Heute Gottes aber wird Gottes Gegenwart täglich neu zur Antriebskraft für unser heutiges Tun. Gott erschließt sich den Menschen in seinem Heute als einer, der in Bewegung ist, der auf die Menschen zugeht und ihnen vorausgeht. Dadurch werden Lähmungen des Geistes und gesellschaftliche Erstarrungen überwunden. Gottes Heute setzt unser Leben in Bewegung. Was bedarf es mehr, als uns dem Heute Gottes zu öffnen, es anzunehmen und in uns wirken zu lassen?

Ewigkeit ist also keineswegs eine von unserem zeitlichen Dasein getrennte Zeit. Sie ist in jedem Augenblick die durch Christus erfüllte Zeit. Christus hat durch seine Menschwerdung uns ein neues Zeit- und Ewigkeitsverständnis geoffenbart und alle Hoffnungen vergänglicher Zeiten zur Erfüllung gebracht. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Unsere vergängliche Zeit kam an ihr Ziel und zu ihrer Erfüllung, als Gott seinen Sohn in die Welt sandte. Später sprach Jesus selbst davon: Als er in der Synagoge in Nazaret die Schrift erklärte, konnte er von sich selbst sagen, dass sich in ihm jetzt und heute alle Prophezeiungen und Hoffnungen der Menschheitsgeschichte, wie es im Buch des Propheten Jesaia beschrieben wird, erfüllt haben. „Da begann er, ihnen dazulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (Luk 4, 21). Gottes Geschichte mit den Menschen hat in Christus den unüberbietbaren Höhepunkt erreicht. Es war Gottes Wille, „die Fülle der Zeiten heraufzuführen und alles, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm zu vereinen“ (Eph 1,10).

Ohne sich auf Gott zu beziehen, misst auch Konstantin Wecker dem Augenblick höchste Bedeutung bei: „Jeder Augenblick ist ewig.“ Aus buddhistischer Sicht schätzt der Dalai Lama das Heute jeden Tages als entscheidend ein: „Es gibt nur zwei Tage in deinem Leben, an denen du nichts ändern kannst. Der eine ist gestern und der andere ist morgen.“ Christus hat dem Augenblick und der Ewigkeit eine neue, alle Zeiten erfüllende Bedeutung gegeben. Um aus dem Heute Gottes zu leben, werden Vertrauen und Gelassenheit unsere wesentlichen Grundhaltungen. Franz von Sales hat diese Erfahrung gemacht: „Meine Vergangenheit kümmert mich nicht mehr, sie gehört dem göttlichen Erbarmen. Meine Zukunft kümmert mich noch nicht, sie gehört der göttlichen Vorsehung. Was mich kümmert und fordert, ist das Heute. Das aber gehört der Gnade Gottes und der Hingabe meines guten Willens.“ Klaus Beurle