NOSTRA AETATE 1965

Eine bahnbrechendes Dokument – 50 Jahre danach.

 

Gibt es etwas zu feiern?

50 Jahre sind es her, dass eines der unerwarteten Abschlussdokumente des Vatikanischen Konzils veröffentlicht wurde: Die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Beziehungen der Katholischen Kirche zu Nicht-Christlichen Religionen - Nostra Aetate. Der zunächst dem Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio eingegliederte Text wurde erst gegen Ende des Konzils nach langen Debatten verabschiedet. Die Erklärung sollte sich später als eines der bahnbrechenden und wirkungsvollsten Dokumente des Konzils erweisen.

 

Doch gibt es nach 50 Jahren nun wirklich etwas zu feiern? Was denn? Einen grundlegenden Fortschritt in den Beziehungen der katholischen Kirche zu den nicht-christlichen Religionen erhofften sich die 2221 Konzilsväter, die für die Erklärung stimmten. Sie wollten konstruktiv, dem Geist des Evangeliums und des Vatikanischen Konzils entsprechend, die Beziehungen der Christen zu anderen Religionen neu ordnen und neu verorten. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte hatte die Kirche anerkannt, dass es auch in anderen Religionen „Wahres und Heiliges“ gibt. Oder sollten jene 88 Konzilsväter Recht behalten, die mit Nein stimmten, weil sie überzeugt waren, dass es über das von Vaticanum I festgelegte Verhältnis der katholischen Kirche zu den nicht-christlichen Religionen nichts wesentlich Neues zu sagen gibt? Stimmen und Bewegungen der Nein-Sager gibt es in der Kirche auch heute noch. Hat sich das Verhältnis 2221:88 inzwischen verbessert oder verschlechtert?

 

Die interreligiöse Welt kam in Bewegung

Aus aller Welt kamen am 28. Oktober, genau am Datum der Veröffentlichung von Nostra Aetate, nahezu 500 in Sachen Religion engagierte Persönlichkeiten in Rom zusammen, um an der konziliaren Jubiläumsfeier der katholischen Kirche teilzunehmen: Sunniten, Shiiten, Sikhs und Ahmaddiyya, Hindus, Jain, Buddhisten und Anhänger von Naturreligionen und natürlich Juden, die, aus Israel, USA und Italien kommend, stark vertreten waren. Schon die bunte, farbenfrohe Kleidung der Teilnehmenden, wohltuend gegenüber der romgängigen schwarz-weißen Bekleidung, machte es deutlich: Da hat sich Vielfalt breitgemacht. Da ist nichts mehr zu erkennen von der früheren katholischen Ausschließlichkeit, von der jahrhundertlangen Geringachtung anderer Religionen. Jetzt finden Religionsgespräche auf Augenhöhe statt. Blutige Kämpfe im Namen der Religion sind in weite Ferne gerückt.

Zum Fest eingeladen hatten der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog (PCID), die Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum und die gastgebende Päpstliche Universität Gregoriana. Sie wollten durch einen dreitägigen internationalen Kongress unter dem Titel „50 Jahre Nostra Aetate“ mit Vertretern zahlreicher Religionen aus nah und fern analysieren und feiern, was an Fortschritten in den fünf Jahrzehnten seit der Verabschiedung der Erklärung erreicht wurde. Außer Jubiläumsstimmung war Ergebnisrückschau gefragt. Vorzüglich war die Organisation des außergewöhnlichen Kongresses durch den PCID mit Hilfe vieler freundlicher Gregoriana-Freiwilliger und Alumni. Die Gastfreundschaft war großzügig und einladend.

 

Spannende Themen – Unterschiedliche Referenten

Die Beiträge der Referenten waren von unterschiedlichem Gewicht. Manche begnügten sich mit Rezitationen von Versen aus ihren heiligen Schriften, etwa die Angehörige der Jain-Religion.

Es ging bei den Impulsvorträgen und Podiumsdiskussionen um vier Grundthemen:

  1. Interreligiöser Dialog im Dienst an der menschlichen Person mit schulmäßigen Grundlagenreferaten der Gregorianer Paul Gilbert und Bruno Costacurta.

  2. Gewalt und das Engagement der Religionen mit Beiträgen von Abdellah Redouane von den italienischen Muslimen, Rabbi David Rosen von den Juden Amerikas, Alberto Quattrucci von San´ Egidio und B. Wimalaratana von den Tamilen Sri Lankas,

  3. Religionsfreiheit – eine Herausforderung für den Frieden mit starken Inpulsen des Schweizer Jesuiten Christian Rutishauser und des Rabbi Daniel Sperber aus Israel und den beiden beeindruckenden Kontrahenten Rasoul Rasoulipour aus dem Iran und Swami Chitananda aus Indien,

  4. Erziehung und die Weitergabe von Werten mit wenig mitreißenden Beiträgen am Runden Tisch mit dem Sikh Gurmohan Singh Walla, der libanesischen Nayla Tabbara, dem Rabbiner Riccardo Di Signi aus Rom und dem Jain Samani Prabibha Praggya aus England.

Den Abschluss bildete ein beachtetes Referat des vatikanischen Staatssekretärs Pietro Parolin zum Thema Friedenserziehung.

 

Irritationen

Zugegeben, um den interreligiösen Proporz aufrechtzuerhalten, war es für die Organisatoren kein leichtes Unterfangen, zu den vorgegebenen Themen „hochrangige“ Referenten, wie auf der Homepage angekündigt, bzw. kompetente Diskutanten zu finden. Es fiel allerdings auf, dass namhafte Pioniere des interreligiösen Dialogs abwesend waren und dass das Päpstliche Institut für das Studium der arabischen Sprache und des Islam (PISAI) weder auf der Organisatoren- noch auf der Referentenliste vertreten war. Das Institut war 1967 explizit zur Förderung des Dialogs mit arabischen Muslimen gegründet worden. Geradezu schmerzlich war es, dass die hoch angesehene Päpstliche Universität Urbaniana am 27. Oktober eine Parallelveranstaltung organisiert hatte, bei der einem großen Pionier des Dialogs mit den Muslimen, dem Afrikamissionar P. Maurice Borrmans MAfr (in gesundheitsbedingter Abwesenheit) die Ehrendoktorwürde in Missionswissenschaft verliehen wurde. Die Laudatio, die PISAI-Direktor Valentino Cottini hielt, und das Referat zum Thema Christlich-islamischer Dialog, das PISAI-Studiendirektor Diego Sarrio hielt, waren äußerst beeindruckend. Staatssekretär Pietro Parolin sprach das Schlusswort.

Es ist zu wünschen, dass der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog (PCID) zur Erfüllung seiner zahlreichen wichtigen Aufgaben zur Realisierung der Ziele von Nostra Aetate personell verstärkt wird. Es fehlt offensichtlich nicht an Beratern des PCID, die weit weg von Rom jedoch nicht die anfälligen organisatorischen sowie theologischen Aufgaben bewältigen können. Es bedarf der personellen Verstärkung des PCID zur angemessenen Erfüllung seiner Aufgaben.

 

Film und Generalaudienz

Es gab zwei besonders eindrückliche Ereignisse während des internationalen Kongresses: die Erstaufführung des Films Nostra Aetate – „the leaven of good“, in dem es hervorragend gelungen ist, Nostra Aetate durch sage und schreibe 50 Interviews bzw. Statements auf visuelle Weise in Beziehung zu bringen mit Alltagssituationen, in denen der interreligiöse Dialog geschieht bzw. gelebt wird. Der Film kann inzwischen bei PCID angefordert werden.

In der Generalaudienz konnten die Kongress-Teilnehmer/innen etwas vom Charisma von Papst Franziskus wahrnehmen. Seine warmherzige, nach allen Seiten offene Sprache, seine bescheidenen Gesten, seine unvorhersehbaren Ortswechsel auf dem Petersplatz sprachen für sich. Er hat die Generalaudienz durch seine Einladung zu Stille und Gebet zu einem Ort spiritueller Erfahrung und des Dialogs mit einer unüberschaubar erscheinenden Masse von Pilgernden gemacht.

 

Der Geist wird weiter bewegen. Werden wir uns weiterbewegen?

Der interreligiöse Alltag befindet sich in vielen Ländern weit weg von Jubiläumsgefühlen. Davon war in Rom viel zu wenig die Rede – etwa von den Gläubigen verschiedener Religionen, die in islamischen, aber auch in buddhistischen und hinduistischen Ländern unterdrückt, vertrieben, verfolgt und getötet werden. Bei der angenehmen Festtagsstimmung hätten ehrliche, stärker realitätsnahe Vorträge und Gesprächsimpulse nur geholfen, das Fundament des interreligiösen Dialogs zu konsolidieren. Dialog, der fern von harten Realitäten geführt wird, gleitet schnell in Gefühlsduselei oder in religiöse Scheinwelten ab. Nur wer sich vor dem Hintergrund der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse kennen lernt, kann sich näher kommen und verstehen lernen.

Wie wird es 100 Jahren nach Nostra Aetate aussehen? Werden sich Gläubige verschiedener Religionen (noch) besser verstehen? Wird die religiös verbrämte Gewalt weiter zunehmen? Werden Christen aus ihren Ursprungsregionen ganz vertrieben sein? Oder werden die Friedensstifter im Geist der Seligpreisungen zunehmen und sich global vernetzen? Wird die römische Kurie noch transparenter und dialogfähiger werden? Werden sich die Gläubigen verschiedener Religionen weiterhin näher kommen, was auch voraussetzt, dass Religionen stärker zur Selbstkritik fähig werden, wie es Papst Franziskus vorgibt? Denn keine Religion ist „wahr“, wenn sie nicht Nährboden für Selbstlosigkeit, Selbsterkenntnis und Nächstenliebe ist. Daraus erwächst das Bekenntnis, dass es nur einen Gott gibt, der sich vielfältig offenbart und barmherzig ist wie ein Vater und liebend wie eine Mutter. Klaus Beurle

 

Kontakt

Dr. Klaus Beurle

Pleicherpfarrgasse 10
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Tel / Fax: 0931/45258898
e-mail:
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